Gedichte, Gedichte, Gedichte

Die 118. Lesebühne SoNochNie! am 22.Januar 2018 – die beste Lesebühne des Jahres, wie Leovinus in seinem launigen Einleitungsvortrag feststellte – wurde wie immer eingeläutet vom Themenbeauftragten, in diesem Falle Wolfgang Weber. Thema: „An der Wegkreuzung“. Untertitel „Me & the devil“ oder „Icke und der Deibel“

Das ist das Schöne an Wolfgang, man lernt immer was dazu – letztens über Mödlareuth – obwohl ich das auch beim ZDF hätte lernen können, aber ich höre lieber Wolfgang Weber zu. Diesmal ging es um Robert Johnson. No Robert, no Rock’n Roll. Standing at the crossroads – daher die Verbindung zum Thema.  Robert gehört zum Club der mit siebenundzwanzig Verstorbenen. Es geht das Gerücht, ein eifersüchtiger Ehemann habe ihn vergiftet. Naja, wenn so einem Gitarrenspieler das Herz der eigenen Frau zufliegt … da lebt man halt gefährlich. Herzlichen Dank, Wolfgang. Links das Foto der feierlichen Verleihung der Ehrenurkunde.

Anschließend las Anne K(reativ) – Debütantin auf unserer Lesebühne – einen autobiografischen Text „Das fängt ja schon gut an“. Sie entführte uns in die Platte WBS 70 mit 60 m2, beschrieb die rücksichtslose morgendliche Dynamik der Eltern – es ging schon mit schlechten Energien in die Schule, entsprechend waren die Ergebnisse – eine Katastrophe für die systemtreuen Eltern. Wenn die Noten schlecht ausfielen oder gar ein roter Eintrag das Hausaufgabenheft zierte, ersann das Kind Ablenkungsstrategien – deckte den Abendbrottisch besonders liebevoll. Aber irgendwann kam es doch heraus – das wie auch immer geartete Schlimme und dann gab es des Öfteren Schläge, mit der flachen Hand oder auch dem Gürtel, einem Latschen. Die Mutter stand „singend“ daneben ohne einzugreifen. Das Kind legte sich den Slogan „Schlag zu, aber meine Tränen kriegst du nicht“ zu. Deshalb fällt es ihr heute noch schwer zu weinen. Der Text erfuhr sehr viel Zuspruch wegen des Mutes sich diesem Thema zu nähern. Es gab aber auch den Wunsch, mehr ins Detail, in die konkrete Situation zu gehen und vielleicht eine wirkliche Erzählung daraus zu machen.

Dann las Matthias Rische eine seiner Phantasien. Erst versuchte Kalmus Luna zu retten, aber ein großer Vogel stieß immer wieder auf ihn herunter. Der Vogel fordert: „Gib auf!“, „Niemals!“ – „Sie gehört mir, hat sich verpflichtet für zwei Jahre“ – „Nicht Luna! Nicht meine Tochter!“ Da fährt ein Schwert auf ihn herab – der Kopf wird vom Rumpf getrennt … „Mission failed“ – erst an dieser Stelle erfahren wir, dass wir uns in einem Computerspiel befinden. Der Hauptheld sitzt vor dem Computer, heißt Henrik und ist online auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Maria, Nickname Luna. Sie hat ihr Handy zurückgelassen als Zeichen, dass es ihr ernst ist. Er streitet sich mit Emma, seiner Frau, die Fotos von Maria in der Nachbarschaft klebt. Sie macht ihm Vorwürfe. Er aber hofft, nachdem er ihren Laptop durchstöbert hat, sie online zu finden, bis er begreifen muss, dass er zu schwach ist – als Spieler, als Ehemann und als Vater. Er sucht Emmas Nähe. „Die Vögel am Himmel ziehen ihre Kreise, mal flügelschlagend, mal gleitend.“ Und dann war die Geschichte zu Ende. In der Diskussion wurde die Sprache gelobt, aber bemängelt, dass es schwer sei, sich in der Geschichte zurechtzufinden. Und wieso gibt es kein Happyend wenigstens dergestalt, dass er sie online findet. Matthias konnte dazu auch nicht viel sagen. Happy End, was ist das und er kommt selber mit dem Computer nicht so gut zurecht, er kennt nur ein paar Jugendliche, die Computer spielen, das muss reichen.

Und dann gab es vor der Pause noch einen Neuling auf unserer Lesebühne, Stefan Franken. Er erfreute uns mit gut durchdachten und gereimten Gedichtminiaturen, und hatte ob der sauber gezirkelten Wortkreise immer wieder die Lacher auf seiner Seite. „Kuckuck“ hieß das erste Stück, das beschrieb, wie des Buchfinken Eier entsorgt werden, um ihm die eigene Brut unterzuschieben. Verzeihung kam daher, dass die Tat instinktbedingt war. Es folgte der „Akt“ – Kunstkenner bezahlt astronomische Preise für Punkte und für Kreise … ein weiteres Gedicht hieß „Freiheit“ – mit dem schönen Reim „Es hat die Pflicht fast absolviert, da schwant dem Pferd, es sei dressiert“. „Pediküre“ beschreibt die Privatinsolvenz einer Tausendfüßlerin. Leovinus sah Heinz Erhardt aufpoppen. Das Publikum saß starr vor Hochachtung – Stefan gab noch bekannt dass er derzeit an einem Krimi arbeitet – in Versform.

Dann war Pause und nach der Pause wurde der neue Themenbeauftragte beauftragt. Es meldeten sich zwei Interessenten und so musste das Los entscheiden, wer im März die Lesebühne eröffnet – und es wird Elmar Grüber sein – mit dem Thema „Liebe, Tod und Teufel“.

Den Reigen nach der Pause eröffnete Diana-Dana Möller mit dem launigen Satz, sie sei der geborene Sohn und die heutige Tochter ihrer Mutter – und seitdem sie Tochter wäre, schreibe sie auch. Sie las ebenfalls eher Lyrik – beginnend mit „Befreit von mächtiger Hand“ – eine kurze Geschichte der Wendezeiten – „Volk und Land an der Mächtigen Gängelband“ bis zum „Ende unhaltbarer Zustände“.  Während dieser Text eher ein historischer Abriss war – in der Diskussion wurde der Text mit Homerschen Gesängen verglichen – beschäftigte sich der zweite mit „Freiheit“, was nach Meinung der Autorin im Endeffekt die Identifikation mit eigenem Tun und Handeln bedeutet. Mir gefiel am besten die „Stimmung“ – Stimme, Stimmklang, Stimmung, Übereinstimmung – für eine Stimmung entscheiden – ja, Gefühle können trügen – Stimme klingt bestimmt – bestimmt meine Stimme mein Sein? – Vibrieren im Inneren – Harmonie – Symphonie ; und zum Abschluss „Vom Nichtstun ausruhen“ frei nach Zille „Wie herrlich ist es nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruhn“ – und hinterher gut essen gehen.

Der Elmar, der als nächster las, bat mich, das, was ich über seine Gedichte geschrieben habe, aus diesem Beitrag herauszunehmen. So bleibt auch als Foto nur, wie er die Eieruhr umdreht. 

Es folgte als Debütantin unserer Lesebühne Christina Bauer mit Gedichten, die sehr viel besinnlicher waren. Es ging ums Reisen auf Gleisen, die nicht parallel verlaufen und doch alle hier münden, um Süchte, um Begegnungen – sie kam von oben, ich von unten – als wir uns begegneten – Chance vertan – verschwunden, ich nach oben, sie nach unten. Es ging um die Lüge – Ich habe sie schön ausstaffiert, Kleidchen angezogen, Parfüm gekauft, eins für die Nacht, eins für den Tag – und schlussendlich um die Wahrheit – was ich seh und was ich nicht zeig: ich bin die Vollkommenheit. In der Diskussion wurde gesagt, dass es zu komplex sei, um es nur vom Hören zu erfassen. Ich kann das nur bestätigen: mir fällt es schwer, weiteres darüber zu schreiben. Die Künstlerin sagte dazu: Sie könne gut lange Texte schreiben, aber da steht dann auch nichts drin.

Den Abend beschloss Erik Ahrens mit … Gedichten (nicht gereimt) „Charakteristik einer Gegend“ – da ging es um Beobachtungen aus einschlägigen Berliner Stadtbezirken (kann mittlerweile überall sein) „Kinder proklamieren: Nehmen ist besser als Geben – Eltern widersprechen nicht“ – „Im Supermarkt Lache Buttermilch – Keiner will es gewesen sein, aber amüsieren, wenn jemand Chianti falsch ausspricht“ – „Ach, das war hier mal anders – kann sich keiner dran erinnern“. Dann „Produktbeschreibung“ – „Der Stoff aus dem die Träume sind … in Bangladesch von kleinen Kinderhänden produziert …. Passt nicht zu deinem Profil … ist ein Schmetterlingsflügel, berührst du ihn, zerfällt er zu Staub“ – und schlussendlich: „Kein Einzelfall: Schnappschuss von Katastrophe … Männer im Feinripp weg vom Fernseher auf den Balkon – getuschelt, gegafft und Bier vom Späti mitgebracht“ – da reimte sich doch mal was – „Erst als der Rettungswagen davonrast – endlich mal wieder was passiert“. Der Erik war schon immer so wütend, verkündete seine Mutter von der Bar, wo alle brav ihr Bargeld hintrugen, hoffe ich.

Das war die gedichtlastige 118. Lesebühne. Mir hat sie ausnehmend gut gefallen. Und sie war gut besucht. Die 119. folgt im Februar – bis dahin – nie die Tinte trockenwerden lassen.

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