Jahresendflaute? Doppeldebüt!

Vor dem Ersten Weihnachtstag als Lesebühnenmontag hatten alle gewarnt – Da kommt doch keiner! Nun, anscheinend hat ausgerechnet keiner verpennt und ist wirklich zuhause geblieben, aber außer ihm waren ziemlich viele da.

JAPLUAP nennt sich der Dezember-Themenbeauftragte. Er las zum ersten Mal bei So noch nie, und, wie er sagte, überhaupt zum ersten Mal Selbstgeschriebenes. Doch mit Doppeldebüt war nicht dieses zweifache erste Mal gemeint. „Alzheimer“ war das Thema, das Japluap vor zwei Monaten aus den Zuschauervorschlägen gelost hatte, und er präsentierte eine Handvoll (5) Gedichte, die um die Alzheimererkrankung eines alten Vaters und die schwierige Beziehung zu dessen Frau und erwachsenen Kindern kreisten. Die Gedichte, teils in Reimen, waren Reflexionen, Standortbestimmungs-Versuche, auch Versuche in Lyrik. Da wurde der Vater von „Herrn Heimer“ heimgesucht und von der restlichen Welt abgeschnitten. Der Sohn sucht Haltung, Grenze, Zugang, Heimat – ein einflussreicher Mann, dieser Herr Heimer.  Japluap hatte sich was getraut und sich den Meinungen gestellt, vielleicht bleibt er ja am Ball und nimmt Anregungen mit für seine nächsten Arbeiten!

Frank Georg Schlosser nahm nun den Platz hinter dem Lesetisch ein. „Omas Teppich“ seine schwarzhumorige Geschichte von einer zwar unblutigen, aber doch tödlichen Beendigung einer Ehe durch den Ehemann und der seltsam bereitwilligen Beseitigung der Leiche durch dessen ebenfalls (lebendig) geschiedene Eltern. Dabei spielte wiederum der Teppich der dritten beteiligten Generation (verstorben) eine wichtige Rolle. Ob Oma Alzheimer hatte, war allerdings nicht zu erfahren.

Als dritter las ich meinen Text „Down In The Hole“ über einen ungebetenen nächtlichen Besuch, der den Erzähler in ein Streitgespräch über das Verhältnis Mann/Frau und die aktuellen Diskussionen um dessen Belastungen verwickelt – ausgerechnet während der Gute auf dem Klo sitzt. Mir war das Wort nicht eingefallen, mit dem ich diesen Text – eine echte Geschichte ist es eigentlich nicht – bezeichnen konnte, Polemik traf es nicht ganz, aber: Streitschrift. So ist er also „etwas“ zwischen Geschichte und Streitschrift und stieß tatsächlich ein paar Gedanken an – merci.

Den ersten Teil vor der Pause schloss unsere zweite Debütantin des Abends ab: Magda Brandau. Mit doppelter Brille und sechssaitiger Gitarre gewährte sie uns Einblick in ein laufendes Projekt. Ausgehend von der Übersetzung eines Gedichts des kapverdischen Lyrikers Louis Philippe (?) – „Erfindung der Liebe mit dem Charakter einer dringenden Notwendigkeit“ geht es darin um eine verbotene Liebe in der Zeit der portugiesischen Militärdiktatur, die sogar per Fahndungsplakat denunziert wird. Zwei Schwestern erkennen auf ihre alten Tage ihre Verbindung zu jenem berühmten Gedicht. Das Projekt ist noch im Entstehen, sagt Magda, und insofern blieb ihr Wort-Musik-Vortrag fragmentarisch. Aus dem Publikum gab es dazu die Anmerkung, es müsse ja noch eine Geschichte daraus werden, ein Roman vielleicht. Ich fand das Unzusammenhängende, Suchende in dieser „Collage“ dagegen reizvoll und dem Gegenstand angemessen. Vielleicht hält uns Magda ja bei künftigen Lesebühnen auf dem Laufenden!

Der zweite Teil begann wie immer mit der Bestimmung des Themenbeauftragten für die übernächste Lesebühne. Um es kurz zu machen: Das bin ich geworden, und mein Thema im Februar wird sein: „Unfisch“. Petri Heil, sage ich da.

Heiko Heller sah sich anschließend, erst nur in der U-Bahn, dann überall, von umprogrammierten Klonen in Menschengestalt umgeben. Eine Entdeckung, die zwar durchaus furchterregend sein mag, ihm aber außerdem eine ganze Menge plausibler Erklärungen über die Beschaffenheit und das Funktionieren der modernen Welt und des Lebens inklusive Trump und der AfD lieferte. Die Verschwörungstheoretiker haben also doch recht, ich hab es immer gewusst!
Seine zweite Geschichte kann man nur als tragische Liebesgeschichte bezeichnen. Wir durften teilhaben an den ersten zarten Banden, die sich zwischen dem Erzähler und einer Stubenfliege in seiner Wohnung knüpften und sich zu einer veritablen Liebe entwickelten, samt Besuch bei den Schwiegereltern und der Beziehungskrise, die sich nicht mehr umbiegen ließ – Zerrüttung, Aus, Ende.

Maik Lippert ließ darauf einige im Vergleich dazu sehr strenge lyrische Texte folgen: „Ständig auf dem Weg“, „Drontheimer Straße“, „Hafermastgänse“ z.B. So kurz gefasst und minimalistisch war selbst Maik wohl noch nie bei So noch nie. Eine Herausforderung und zum einmaligen Hören doch sehr komprimiert – Dichtung eben. Zum Glück bringt er immer ein paar Kopien seiner Texte fürs Publikum mit – und zum Glück gibt es seine Lyrik auch hier und da in Büchern zu lesen – was ich allen Lyrikfreunden nur empfehlen kann.

Matthias Rische zog uns „ohne Ich“ in einen inneren Strudel des Bewusstseinsverlustes und der Ausweglosigkeit – oder besser gesagt des einen, letzten Ausweges, eines Strickes am Fensterkreuz, nicht ohne dem vorausgegangen Versuch, das eigene Ich doch irgendwie zu bewahren, und sei es mit Hilfe von Spickzetteln, die daran erinnern sollen. Da Matthias aber lebendig und ohne erkennbare Persönlichkeitsstörung vor uns saß, musste man sich wieder einmal fragen: woher nimmt der Kerl nur seine abgrundtiefen Stoffe?

Das Team von So noch nie bedankt sich beim Publikum des Jahres 2017 für tolle Begegnungen und Entdeckungen, bei allen, die sich gewagt haben, für viele, viele hoch interessante Texte, außerdem für die höchsten Besucherzahlen eines Jahres ever. Wir bedanken uns bei den FreundInnen und GastgeberInnen vom Zimmer 16 für ihren unermüdlichen Einsatz für ein lebendiges kulturelles Leben in Pankow und bei allen, die uns hier auf der website und/oder auf facebook mit Interesse folgen.

Allen einen guten Rutsch und ein wunderbares, kreatives und produktives Neues Jahr!

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