Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch

Die 113. Lesebühne fand vor gut gefüllten Stuhlreihen statt, was uns sehr froh macht und auch das Zimmer 16, weil volle Stuhlreihen meist einen signifikanten Beitrag zur Miete leisten.

Es gab aber auch eine Enttäuschung. Der Themenbeauftragte, der Martin, Nachname unbekannt, ist nicht erschienen. Unentschuldigt. Es ist erst das zweite Mal in der langen Geschichte der Themenbeauftragten vorgekommen, aber natürlich ist es eine Erschütterung der Macht. Wird die dunkle Seite stärker? Es entgingen uns die „Exzesse“. Ist ihm bei den Recherchen für die Geschichte etwas zugestoßen, ein autoerotischer Unfall vielleicht?    … bei eigenen Recherchen habe ich mich in meinem Staubsauger verloren. Bin aus der Notaufnahme zurück und schreibe unter Schmerzen weiter. Martin, meine Gedanken sind bei dir. Die Urkunde mussten wir allerdings einbehalten.

Dafür kam – mindestens für mich unerwartet – Norbert Leovinus und übernahm die Moderation, was mich zum Protokollanten erhob. Danke, Norbert, dafür 😉

Mangels Themenbeauftragtem musste bereits der erste Lesende ausgelost werden, und das Maskulinum ist an der Stelle korrekt, denn es befanden sich nur Männer im Lostopf.

Es begann der Dimitri Rameau, ein neues Gesicht bei unserer Lesebühne und er las eine Mischung aus Prosa und Lyrik und im Nachgang sagte er mir, es ginge ihm oft hauptsächlich um den Klang der Wortaneinanderreihung.  Sein erstes Stück hieß „Ode an Ronk“. Ich habe nicht viel verstanden, also die Worte schon, aber den Sinn der Zusammenstellung nicht, war aber ganz begeistert, als er in der folgenden Diskussion erwähnte, dass Ronk (gespielt von Milan Beli) eine Hauptfigur aus „Im Staub der Sterne“ sei, einem DEFA-Science-Fiction-Film von 1976. Das rührte mich doch sehr an. Der Film war damals (ich war vierzehn) ziemlich angesagt.

Als zweiten Text las Dimitri einen Kinderreim „Teufelsküche“, aus dem mir die durchaus relevante Frage, ob der Teufel Dinkelbrot fräße, erinnerlich ist und ich finde, da könnte sich mal jemand mit beschäftigen.  Der dritte Text hieß „Keine Feen im Kaff“ – „Wir rosten im Osten, im Westen nichts Neues“; „Schleimaal im Kronsaal“; „Bücher bei Büchner, Gedichte bei Fichte“ und Dimitri sagte, er habe darstellen wollen, wie es sich anfühlt, wenn man ganz, ganz müde sei und kein Kaffee da wäre. „Ich lasse die Wörter mich führen, aber ich weiß schon, wohin ich mich bewege.“ Dimitri spricht ein ganz zauberhaftes Deutsch, aber man hört schon, dass er aus einer anderen Sprachwelt stammt. Gefragt, was seine Muttersprache wäre, sagte er: Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch.

Norbert zog als zweiten den Wolfgang Weber aus der Lostrommel, der diesmal zwei Tennisbälle dabeihatte, um sein Anliegen zu verdeutlichen. Zwei Teilchen, die getrennt sind und doch gleichzeitig das Gleiche tun müssen, in dem Falle von Wolfgang zu Demonstrationszwecken hochgehoben werden. Sein Thema war „Mittendrin“ für eine andere Lesebühne. Es ging darin um den Ort Mödlareuth, den es tatsächlich gibt, durch den die innerdeutsche Grenze verlief und außerdem noch an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Die zwei Tennisbälle verkörperten mal Ost und West, mal Christo und Jean Claude und es ging um ein großes Ding: the mighty wolf in the middle hat einen großen Deal eingefädelt. Die Schotten verkaufen Loch Ness an Mödlareuth. Der See wurde dahin gebracht. Die Fische spielen die Kosten wieder ein. Monster Projects Crowdfunding. Das Monster vom Loch Nes musste allerdings oben bleiben. Ich glaube, weil ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten war, nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch noch fränkisch, thüringisch und sächsisch zu erlernen. Wolfgang regte auch noch ein Treffen zwischen Ramelow und Seehofer an. Aber wozu sollte der Ramelow sich das antun?

Als Dritter trat ebenfalls ein neues Gesicht auf: Richard Hebstreit, der erstmal Pralinen verteilte an die Damen und er baute eine Kamera auf, um sich selbst beim Lesen zu filmen. Das ist wahrscheinlich gar keine schlechte Idee.  Er las eine Geschichte mit dem Titel „Fasan im Wintermantel“ und sie handelte zunächst davon, dass die Hauptfigur es als Autor geschafft hat: es werden ein Buch und ein Fotoband von ihm veröffentlicht. Der Verlag hat zur Vertragsunterzeichnung in ein feines Restaurant geladen und die Frau beschäftigt die Frage: Was zieh ich an. Er schickt sie ins KdW, wo sie sich für unglaubliche Summen einkleidet. Aber der Vorschuss macht‘s möglich. Es folgen lange Beschreibungen des Restaurants, der Zigarren (Cohiba Esplendidor), des Menüs. Alles was in dieser Phase der Geschichte an Konflikt aufkommt, ist der Ausschnitt einer fremden Frau, den der Autor aber nicht weiter verfolgt, den Ausschnitt schon, den Konflikt nicht. Dann sollen die Verträge unterzeichnet werden und die Frau zieht ihren Mann beiseite und sagt ihm, dass er lt. Vertrag den Vorschuss nicht bekäme, sondern zahlen müsse, weil es ein Druckkostenzuschussverlag ist. Eine Pointengeschichte.

Da Richard noch Zeit hatte, las er aus seinem Buch „Salzinge“, was thüringisch für Bad Salzungen steht, eine Geschichte von 1958 über eine verschwundene Frau, einen saufenden Mann und eine abgeschnittene Nasenspitze. Am meisten vermisste der verlassene Mann die perfekt gekochten Frühstückseier.

Dann war Pause, dann wurde der Themenbeauftragte gekürt. Nach dem Schock mit Martin meldete sich keiner, also erbarmte ich mich und bekam für den Oktober das Thema „Warmduscher“ zugelost. Da ich einer bin, sollte es mir nicht allzu schwer fallen. 😉

Ich war dann auch der nächste Lesende und las aus meinem im Entstehen begriffenen Roman mit dem Arbeitstitel „Der Richter und der Fluch der Furie“ die Einführung einer neuen Person, einer Journalistin, die den Bösen (Parteivorsitzenden) interviewt, aber scheitert, weil er sie vorführt und nicht zu Wort kommen lässt. Ich wurde sehr freundlich besprochen und danke für alle Anregungen und den Zuspruch.

Zuletzt lag noch der Klaus-Jörg im Lostopf. Er las als erstes „Weil du es bist“, ein wunderschön geschriebenes Hohelied auf den handgeschriebenen und mit der DHL verschickten Brief (Umschlag, Briefmarke usw.). Er las die Geschichte vom IPad ab, was ich lustig fand. Er zürnte der hingeworfenen WhatsApp- „Kultur“ der unüberlegt hingerotzten Nachricht, an deren Ende man nie vergessen dürfe, lieb zu grüßen oder wenigstens LG zu schreiben. Andere Abkürzungen blieben unerwähnt wie Hdl, Hdgdl, GlG, xoxo, oder HAK … gut – ich gebe zu, habe ein bisschen gegoogelt. Aber ich gestehe, LG auch schon mehrfach verwendet zu haben. Mildernde Umstände bekomme ich, weil ich wirklich noch ein Briefeschreiber bin, mit Glasfeder und Tintenfass. Der Autor meint, in zwei Generationen würde es keine Handschrift mehr geben. So pessimistisch bin ich nicht. Noch bringen sie den Kindern ja Schreiben in der Schule bei und sie tun es auch, zumindest manche und wenn es Zettel auf dem Küchentisch sind, die man nach einem Kinobesuch vorfindet: Schlaft schön, träumt süß, hegdl.

Die zweite Geschichte handelte von einem Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen.  Der Autor hat mit vierzehn den Vater besucht und der schenkte ihm fünfzig Platten – ein prägendes Geschenk für den Jungen und das erste Lied war Suzanne. Durch das Ohr dem Herzen zugeführt. Vertrauter blinder Passagier. Im Mittelpunkt stand das Lied und die vom Autoren selbst gefertigte Übersetzung, was zu ein paar Diskussionen beitrug.

Überhaupt wurde über Klaus-Jörgs Texte am längsten diskutiert.

Und da war sie vorüber, die 113. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow. Die 114. Lesebühne gibt es am 25. September. Danke, Micha für die Fotos. Danke, Norbert für die Moderation. Danke, Freddy für Licht und Stühle und da Sein. Und danke der Dame an der Bar (Namen weiß ich leider nicht) für den Ausschank und fürs Abwaschen. So long

 

fgs

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3 Kommentare zu “Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch

  1. Herrlich, die 113. Lesebühne im Zimmer 16 so kurzweilig und wortgewandt noch einmal Revue passieren lassen zu dürfen. Es war ein unterhaltsamer Abend in sehr freundlicher, ja fast familiärer Atmosphäre, mit vielen Anregungen zum Nachdenken und Nachfühlen. Ich war zum ersten Mal dort und werde wieder kommen. Allein schon deshalb, weil der Begriff „Warmduscher“ von mir stammt und ich natürlich umso neugieriger bin, was der Themenbeauftragte daraus zaubert. ;o)

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