In sieben Schritten aus dem Jenseits und wieder zurück – und alles ohne Fahrschein

Satirisch und böse begann der Abend direkt aus dem Jenseits, versuchte sich mit durchaus grenzwertigen Themen, wie nur das Leben sie stellt, um dann am Ende wieder ebendort an zu landen. Humorvoll, poetisch, prosaisch, tragisch und absurd präsentierten sich unsere Geschichten.

Ohne Fahrschein“ war das Thema von Matthias Rische, des Themenbeauftragen des heutigen Abends der, wie er ausdrücklich versicherte, keine BVG-Geschichten schreibt. Zwei zwielichte Herren haben sich in einen hitzigem Dialog verstrickt, der eine sehr betagt, ein Greis, der andere sein Supervisor, Vedil. Die wahre Identität der beiden erschloss sich erst später im Text. Auf dem Weg dahin waren wir hochkonzentriert damit beschäftigt, die jeweiligen Befindlichkeiten der entsprechenden Person zuzuordnen, und es war nicht leicht, ihrer Auseinandersetzung zu folgen. Offensichtlich sich beklagend forderte der Alte einen Hinweis vom Supervisor, von dem er sich in einem fort verhöhnt glaubte. Es schien, als habe Vedil bis zum Schluß die Oberhand: Einen Fahrschein zurück ins Leben gibt es eben nicht, wenn man sich für den endgültigsten aller Berufe entschieden hat. Da hilft dann auch Supervision nicht weiter.

Katharina Körting brachte ein Text-Gefüge mit, das sie als „Meine innere Leistungsgesellschaft“ bezeichnete. Es sind dies ein Brief, ein Prolog, dann 48-Seiten Maschienengeschriebenes, was natürlich nicht vorgetragen werden konnte – wegen der Sanduhr. Sie las, bzw. sang uns einen „Brief an Tinka“ vor, ein Brief, in dem sie in Dialog mit sich selbst tritt, sich selbst als Kind, später als junges Mädchen, immer auf der Suche nach dem „Wer bin ich?“. Es machte Spaß, der kleinen Tinka beim größer werden zuzuschauen. Im folgenden Prolog „Das kaputte Heldentum“, tritt eine andere Frage in den Vordergrund:Es ist die Frage nach dem „Wie bin ich? – In der Welt?“ Nicht weniger interessant als die erste, sprachlich sehr schön und dicht formuliert, aber viel schwerer zu beantworten. Viele Themen drängen sich auf, jedes will das wichtigste sein, jedes schreit nach Aufmerksamkeit. Und dann gibt es da noch weitere 48 Seiten….

Klaus J. Lais, zu finden unter: www.wasissn.de las drei Texte: Eine Jobgeschichte, ein Gedicht und eine Schlagzeilen-Geschichte. Wir bringens“ zeigt einen seiner Lebensabschnitte auf, von denen es viele gab, in dem er sich als Selbstständiger im Bringe-Service versuchte. Es muß wohl schon ein Weilchen her sein, denn die Bringe-Dienst-Leute kauften Bier, Nüsse, Chips bei der Tanke ein und bezahlten in Mark, um sie nächtens auszuliefern. Eine Tätigkeit, die, wie wir erfuhren, viele Überraschungen birgt. Im Gedicht geht es um den angestauten Ärger im Stadtverkehr, der sich hier endlich einmal Luft machen kann. „Fürchte dich!“, der dritte Text, eine Auseinandersetzung des Autors mit dieser real existierenden Schlagzeile, die doch tatsächlich nahelegt, Berlin sei eine der kriminellsten Städte Deutschlands. Der Autor weiß, dass das nicht sein kann, denn er hat hier noch nie selbst ein Verbrechen gesehen.

Angela Bernhardt stellte uns „Hämmer im Kopf“ vor. Im Prolog lernen wir den mittlerweile fast erwachsenen Protagonisten kennen, der sich fragt, wie es dazu kam, dass sein Leben eine solch schmerzliche Wende erfahren konnnte. Dazu muß er tief in Erinnerungen abtauchen, die sich mit Erfundenem verbinden, um die fehlenden Teilchen im Puzzle zu ersetzen. Dem Problemkind Hugo erfährt eines der schrecklichsten Dinge, die ein Kind erfahren kann: er wird weggegeben. Vermutlich, weil seine Eltern fürchten, dass er seiner kleinen Schwester Lena etwas antun könnte, sich keinen Rat mehr wissen und der Vater schließlich eine Entscheidung trifft. Und weil die Mutter zu schwach ist, für ihn einzustehen. Es sind die Schreie, die ihm zum Verhängnis werden: das Schreien der Schwester, das er nicht aushalten kann und unterbinden möchte, und der Schock-Schrei der Mutter, die glaubt, er habe vor, Lena aus dem Fenster zu schmeissen. Die Geschichte beginnt im Jahr 1930, und ich hoffe sehr, dass aus dem Prolog und dem ersten Kapitel und der Idee einmal ein Roman werden wird.

Alessandro, an diesem Abend das erste Mal auf der Lesebühne, las uns seinen „Brief an Fabia“. Er lebt erst seit drei Wochen in Berlin, und der eigentliche Anlass seines Besuchs der Lesebühne war Bella, eine uns unbekannte Schöne, die auf jeden Fall sein Leben veränderte und ihn dazu brachte, am ersten nicht gemeinsam verbrachten Abend den Weg nach Pankow zu machen um uns an diesem wunderbaren Ereignis teilhaben zu lassen.Der Autor schreibt seit vielen Jahren Briefe in Chat-Form, und zwar an alle seine FreundInnen.Das erklärt vermutlich die etwas seltsame Art dessen, was er uns fortrug. Der Brief des heutigen Abends war an Fabia gerichtet und hatte all das zum Inhalt, was den Autor durch die Stadt trieb. Locker erzählt und aneinander gereiht, kamen viele der Orte vor, die uns allen so bekannt sind, das Erlebte als Erlebnis blieb unwichtig im Hintergrund. Die Frage: Wer ist Fabia? , mündete in die Frage: Wer ist Bella? Und genau das schien mir die Essenz seines Textes zu sein.

Petra Lohan, also ich, las „Das Interview“. Ein dreißigjähriger Medienbeschäftigter hat den Auftrag, eine Hundertjährige zu interviewen. Er ist sich ziemlich sicher, die Sache schnell im Kasten zu haben, doch die Dinge gestalten sich nicht in seinem Sinne. In dem Maß, in dem er feststellt, dass es ihm einfach nicht gelingen will, einen Kontakt zu ihr herzustellen, gewinnt die Alte Macht über ihn. Er verliert sich zunehmend in Unsicherheiten und Angstzuständen, so dass ihm nur noch die Flucht bleibt. Selbst, als er schon über alle Berge ist, behält sie das letzte Wort.

 

 

Wolfgang Weber besiegelte schließlich mit “Stürzdenbecher“ die Endgültigkeit des Abends. Der berühmtberüchtigte Freibeuter Störtebecker also, der so manchen Becher stürzte, bevor er keinen mehr stürzen konnte. Und so ließ uns Wolfgang Anteil nehmen an seiner abenteuerlustigen Lebensgeschichte und dem grausigen Ende: 73 Piraten soll der Enthaupter Rosenfeld an jenem Tag im Jahre 1401 enthauptet haben, und es hätten auch gerne mehr sein können. Dann war Schluß mit Stürz den Becher! Ob Störtebecker, frisch enthauptet, allerdings tatsächlich noch an einigen seiner Mannen vorbeigerannt ist und sie somit gerettet hat, ließ Wolfgang unerwähnt. Magisch untermauert wurde sein sehr rythmisch vorgetragener Text diesmal mit einem „Donnermacher“. Das stellte zumindest sicher, dass keiner der 73 aus dem Jenseits zu uns zurück kommen würde.

Vielen Dank an alle Zuhörer, besonders an die, die bis zum Schluß ausgeharrt haben, danke an Michael für die Moderation und die Fotos, Zimmer 16, für die Existenz, Danke an das Wetter für den nachlassenden Regen zum Schluß und danke an Klaus Lais, der den Themenbeauftragten im September machen wird, und zwar zu Thema: „Mondsüchtig“ – weil er „Nagelbrett“ nicht wollte.

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