Heute mal kein Fußball

Am 26.Juni 2017 gab es wieder ein kleines Jubiläum für unsere feine Offene Lesebühne, die diesmal gar nicht so klein war. Die „Hard Facts“: Etwa 30 Zuhörer besuchten die 111. Veranstaltung (helau!), sieben Lesewillige trugen sich in die Lostrommel ein, von denen vier erstmals auf unserem Podium saßen. Über Nachwuchsmangel können wir uns also nicht beklagen. Den Beginn machte Themenbeauftragte Cordula Warmuth, die ebenfalls ihre Premiere bei uns feierte.

Sie hatte sich im April für das Thema „Augenaufschlag“ entschieden. Da sie partout keine romantische Geschichte daraus entwickeln wollte, handelte ihr Text „Das Prachtstück“ von einem Job im doppel-deutigen Sinne. Nicht nur, dass sich die Protagonistin mit einem Blow-Job herum plagen musste, sondern sie hatte diesen quasi öffentlich, also zumindest vor der Kamera, zu vollführen, inklusive Augenaufschlag als Vorspiel-Ersatz. Die Pointe sei an dieser Stelle nicht verraten. Vielleicht möchte sich ja jemand den Film auf den einschlägigen Kanälen anschauen.
Auch die anschließende Diskussion schaffte es nicht, sich schlüpfriger Metaphern ganz zu enthalten. Der „harte Job“ und „dazwischen kommen“ waren noch die subtilsten Varianten.

Daran schloss sich die zweite Premieristin des Abends an, denn für Meike Laudon-Eni war es gar der allererste öffentliche Leseauftritt, den sie nach einhelliger Publikumsmeinung mit Bravour meisterte. Der saubere Stil ihres fabel-haften Gleichnisses „Die Verwundung des Fuchses“, welches keine Fabel war, wurde allenthalben gelobt. Insbesondere die Frage, ob eine Verwundung nun als Verunsicherung, Erfahrung, Glück, Schicksal oder einfach „gar nichts“ bedeutet, wird die Zuhörer sicher noch eine Weile beschäftigen. Doch eines ist auf jeden Fall klar: „Ein Fuchs ist ein Fuchs, und ein Jäger ist ein Jäger.“ Wer die komplette Geschichte und weitere kleine Parabeln für den Nachttisch und anderswo lesen möchte, dem sei ihr Buch „Die Katze mit dem abgebissenen Ohr“ (z.B. hier erhältlich) ans Herz gelegt.

 

Dem widersprach auch der dritte Leser, ebenfalls neu bei uns, nicht. Klaus las drei kurze Geschichten von seiner Webseite http://www.wasissn.de. Insbesondere der Beginner „Ich möchte jemanden grüßen“ über eine extrem pingelige Großtante, die ihre Gabe, Supermarkt-Angestellte in den Wahnsinn zu treiben, an den Großneffen vererbt, gefiel sowohl dem Publikum als auch mir ob seiner genauen Charakterzeichnung und schnörkellos-pointierten Handlung. Aber auch die zweite Geschichte, ebenfalls im Supermarkt spielend, über zwei Zwölfjährige, die erstmals Zigaretten klauen und benutzen wollen („Der große Moment“) und die dritte – „Moon over Bourbon Street“ – über einen Touristen, der eine schöne Fußmassage dem schnellen „Ficki-Ficki“ vorzieht, konnten das Publikum voll überzeugen.

Nach der Pause hob Martin als erstes den Finger, als es darum ging, Themenbeauftragter des Monats August zu werden. Er wird uns dann eine Geschichte über Exzesse präsentieren.

„Gewaltige Worte“ wurden unserem fünften Leser Ingo Lehmann attestiert, nachdem er zunächst einen kurzen Text über „Das Beste kennt keine Alternative“ und schließlich „Der reine Klang des Nichts“ las. Letzterer ein Gedankenflug des Herrn Schröter, der (virtuell, versteht sich) in einem gläsernen spermafarbenen Fahrstuhl „schwerelos, inhaltslos, klar“ über Krankheiten, Seuchen, Kriege, Tod und Zukunft philosphiert. SoNochNie-Stammleser Frank Georg Schlosser meinte darin eine „Nahtoderfahrung“ gesehen zu haben, dem Ingo jedoch widersprach. Frank sehnte sich, aus einem mir nicht mehr erinnerlichen Grunde, nach Karl Marx. Ingo bedauerte mehrfach, dass ich ihn in seiner etwas zu ausufernden Vorrede unterbrechen musste. (Frank: „Das ist Leovinus‘ stalinistisch-diktatorische Ader.“) Aber ich bleibe dabei: Ein Text sollte für sich selbst sprechen. Und ich denke, das hat Herrn Schröters Kopfkino durchaus getan.

Nummer Sechs – erneut eine Premiere – war Lukas Burger (gesprochen mit „u“ wie in „Burg“). „Tonis Omerta“ beschäftigt sich mit einer gesellschaftlichen Randgruppe, der selbst die „Ehe für alle“ nichts bringt: Toni, ein Mafia-Boss im Kleinkaliber, bei dem es nur zur Eigentumswohnung statt zur Villa gereicht hat, ist notorischer Langduscher in seiner Stammsauna und Stammgast im „Heiligen Sebastian“, offenbar einer Schwulenkneipe, wo Männer „schreiten“ und Grappa trinken. Als seine Homosexualität aufzufliegen droht, tut er das, was jeder ordentliche Mafia-Boss tut: Er bringt den potentiellen Verräter Niko um die Ecke. Unserem schon etwas ermüdetem Publikum, fiel zwar eine klitzkleine Ungereimtheit in Tonis Verhalten auf, die hier nicht verraten werden soll, betrachtete die etwas ungewöhnliche Story dennoch mit Wohlgefallen.

Den Abschluss des Abends markierte der gern gesehene Stammgast Wolfgang „the Chuck-Chuck“ Weber mit seinem Text „SQTIX“. Wolfgang beschäftigte sich mit seinem ehemaligen Kommilitonen „Matchsticks Man“, so genannt nach der ersten Status-Quo-Single. Wolfgang, in seinem Facebook-Profil unübersehbar als Jazz-Fan zu erkennen, findet die Band leider zu platt, den Titel pseudo-psychedelisch, man könnte auch sagen „vollkommen hysterisch“. Am meisten wundert – man könnte auch sagen ärgert – er sich über den Fun-Fact, dass die Schrammel-Rock-Band einen ausverkauften Auftritt im Stravinsky Auditorium beim Montreux Jazz Fast 2009 bekam. Wir wurden Zeuge von Wolfgang Webers Wirbelsturm durch Gedanken über das Leben, Chuck-Chuck-Schläge, Text-Übersetzungen und einzigartigem Rhythmus. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack – ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert.

Die achte Autorin in der Lostrommel, SoNochNie-Stammmitglied Angela, verzichtete auf Grund der fortgeschrittenen Stunde auf ihr Leseprivileg. Dafür dankte ihr sicher nicht nur ich, der ich diesmal in Doppelfunktion als Moderator und Nachlesebeauftragter unterwegs war, sondern auch die verbliebenen zehn Gäste.

Es war ein reicher Abend. Am 24.Juli erwarten wir dann Matthias mit dem Thema „Ohne Fahrschein“. Wir sind gespannt.

PS: Die „übrig gebliebenen“ Themenvorschläge für August waren übrigens: Flugzeuge über Pankow / Flaschenpfand / Wahrheit / Aus dem Rahmen fallend / Feuerteufel / Kneipen leben / Apfelkrise 1782 / Schlaflos / Rattenschwanz / Liebesleid / Theatralisch / Kann deine Stimme nicht hören
Wer sich also daran versuchen möchte – nur zu!

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