Schwimmen, Zug um Zug

Wenn ich jetzt schreibe, die Mai-Lesebühne diesen Montag war eine 100%ige SNN-Lesebühne, dann erkläre ich besser, was ich damit meine:

  1. Die Bude war voll. Vornehmer ausgedrückt: Im Zimmer 16 saß auf beinahe jedem der vorbereiteten Stühle jemand, um den Texten zu lauschen, zu diskutieren und evtl. auch um sich zu erheben und selbst am Lesetisch Platz zu nehmen.
  2. Es lasen acht AutorInnen, also das Maximum, das wir für einen Abend setzen.
  3. Die Texte deckten von Lyrik bis Prosa, von gereimt zu experimentell ein äußerst großes Spektrum ab.
  4. Wir bekamen erste Versuche und Durchgearbeitetes, bereits gedruckte und gerade aufgeschriebene Texte zu hören.
  5. Die Diskussionen gerieten interessiert und auch kontrovers, mal so, mal so.

Silke, unsere Mai-Themenbeauftragte, eröffnete in dieser Eigenschaft traditionsgemäß den Abend, den Frank moderierte. Sie saß zum ersten Mal am SNN-Lesetisch, und las, speziell zu ihrem Publikumsthema „Auf der Suche“, geschrieben, ihre allererste Kurzgeschichte, ohne Titel. Mutig – und mutig handelte auch ihre Protagonistin, obwohl sie eigentlich nur aus der Berliner Ring-S-Bahn ausstieg, Station Sonnenallee. Doch war sie bis dahin schon drei Mal im Kreis um die ganze Stadt herum gefahren, obwohl sie eigentlich schon längst auf Arbeit sein müsste, und ihr Aussteigen war kein einfaches Aussteigen, sondern ein (möglicherweise) grundsätzliches, aus ihrer alten Arbeit, ihrem alten Leben, und wohin ihr neuer Weg (möglicherweise) führt, blieb eine Andeutung.

Matthias dürfte SNN-Besuchern schon bekannt sein, doch die Themen seiner Geschichten überraschen immer wieder. Diesmal begleitete er den Jugendlichen Amir aus Algier bei einem Lebensumbruch. Der begeisterte Sportschwimmer nimmt die politischen Umstände seines Lebens hauptsächlich über seinen Trainer und Vater wahr, welcher weder mit seinem Schwimmen noch der politischen Situation zufrieden ist. Am Schwimmstil seines Sohnes arbeitet er mit strenger Konsequenz, an der unerträglichen politischen Situation kann er nichts ändern. Weshalb sich der Junge eines Nachts im Bauch eines Seelenverkäufers wiederfindet, auf hoher See auf dem Weg nach Europa, und getrennt von seiner Familie, die irgendwo auf dem Schiff sein muss. Auch Amir kommt plötzlich die Idee, auszusteigen, und auch bei ihm bleibt offen, wo sein Entschluss den geübten Schwimmer hinführt – ob an ein rettendes, fernes Ufer oder auf den Grund des Mittelmeers.

Brunhild wurde persönlich. Sie setzt sich in ihren meist gereimten Gedichten ausdrücklich und zumeist mit Stationen oder Situationen ihres Lebens auseinander. „Bestandsaufnahme“ machte eine Inventur ihrer Körpermaße und -teile, ihres Zustandes und ihrer Anzahl. Aus dem darauf folgenden Gedicht über ihr früheres Leben als „Bankerin“ blieb mir in Erinnerung: „Ein Gewissen wird zerschlissen“. Dies führte zum Zustand der (und zum Gedicht über) Krankheit/Krank-Zeit. „Ein Gedicht entsteht“ erklärte, wie sie an solchen immer wieder schwanger geht und sie am Ende irgendwann entbunden werden. Einer Nach-Bank-Zeit als Betreuerin einer dementen Person entsprang das nächste Gedicht und deren Aussage: „Ich bin in einer fremden Welt nur zu Gast“. Ein nächtlicher Schwimmausflug in einem See war das Thema in ihrem abschließenden Text – ohne Reim. Von diesem Ausflug ist sie nachweislich ans rettende Ufer zurückgekehrt!

Wolfgang blieb gleich am Ufer, d.h. am Strand: „Stranded In Strandville“ saugte uns in einen großen Popcornautomaten, in dem wir mit Alphaville und Emund Spencer, Shakespeare und Roxy Music als bunte Maiskörner in Gemälden von Mondrian und jemandem, dessen Namen ich leider nicht aufgeschrieben habe, aufpoppten zum Rhythmus des Boogie Woogie – dies als sein Beitrag zu einem Ausschreibungsthema: „gestrandet“. Collage, Assoziations- und kultureller Bezugsgenerator – das haben wohl alle seine Performances gemeinsam.

Nach der Pause hielt Frank die Schale mit den gesammelten Themenvorschlägen des Publikums hoch: TB-Wahl! Matthias ließ sich bitten – nein, er meldete sich, um am 24. Juli die Lesebühne als Themenbeauftragter zu eröffnen, und er zog „liebevoll“ aus der Schale, welches er umgehend ablehnte, nun musste er also nehmen: „Ohne Fahrschein“. Danke Matthias! Wir erwarten dich und deinen Text im Juli!

Katharina brachte uns wieder auf den S-Bahn-Ring zurück – Bahnhof Südkreuz, aber wahrscheinlich war eher doch die Fern- oder Regionalbahn gemeint, die vom selben Bahnhof fährt wie die S-Bahn. Die S-Bahn führt ja nicht durch einen Ort namens „Wüst“, in einem ihrer Texte mit den Schildern „Wüst Anfang“ und „Wüst Ende“ begrenzt, und wo ich schon so wüst schreibe, will ich gar nicht wieder ordnen, was Katharina vortrug, nur nennen: Diebe, die Zeit stehlen, Am Bahngleis ohne die Luft zum Schreiben, das Schreibtier („ich“), der Penner am Bahnhof Salzwedel, schläft, bekommt von ihr einen Kaffee ausgegeben, „Mein Mörder ist er nicht“, seinen angefangenen Kaffee trinkt sie aus. Das waren Phantasien, die nicht von Erlebnissen zu unterscheiden waren und umgekehrt, und ihre Sprache war klar und poetisch, ein Glitzern am Bahngleis.

Sigrid Maria: Debüt bei SNN. Das Reisen, Fahren, Rollen blieb Thema, bei ihr: Pendeln. Darüber hat sie sogar ein ganzes Buch mit Gedichten geschrieben und daraus vorgelesen. „Sie Pendeln. Sie Pendeln.“ blieb hängen. Einfach und eindrücklich, zwei Worte, wiederholt. Das ist Pendeln. Satirische Texte über ihre ehemalige Lehrerinnenexistenz, den Kampf der S- gegen die P-Schulen, der wirklich stattgefunden haben soll nach der Wende, im Osten, vielleicht auch im Westen, Ich-Botschaften, die auf ganzer Linie scheitern vor Ich-resistenten Klassen/Schülern, ein Lehreralptraum, – vorbei, sie ist Pensionärin.

Frank tischte (!) gleich einen kompletten Traum auf – ein Alptraum? Irgendwie schon, denn sein Traum konnte sich nicht wirklich gut angefühlt haben. Scheitern, wollen, aber gehindert werden, von einem Zug (schon wieder!) mitten in der REWE-Filiale Kulturbrauerei, die Kasse zu erreichen, und das eigene verschuldlose Versagen findet sich in nullkommanix gedruckt (!) in einer Zeitung, in den Einkaufswagen geschmissen von einer vorbei stürmenden Polizeieinheit! Ja, ein Traumprotokoll hat er mitgebracht, möglichst zusammenhängend aufgeschrieben, und vielleicht wird ja eine Geschichte daraus. Schreib weiter, Frank, bevor der Zug wieder abgefahren ist aus dem REWE.

Clemens erschien erst kurz vor Schluss und bekam ausnahmsweise noch den achten Platz auf der Leseliste. „Schnitt“ las er. Keine Strände, keine Züge. Schmerzen, die die Freundin ins Krankenhaus zwingen, im Bauch, und keiner findet was. Ungewissheit, starke Schmerzen, und keiner findet was. „Aufschneiden“ steht im Raum, gefunden muss werden, vielleicht nach dem Schnitt. Vielleicht. Dann sind sie weg, die Schmerzen, und keiner hat was gefunden. Ohne Schnitt ist sie nach zwei Tagen wieder zurück, unversehrt. Aber nicht unverändert.

See you bei der 111. Lesebühne am 26. Juni, Themenbeauftragte ist SNN-Debütantin Cordula mit dem Thema „Augenaufschlag“.

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