Wortmeister!

Sieben Schreibende/Lesende, das klingt wie ein Vorgeschmack auf unser TB#50-Jubiläum im April, wo ebenfalls (glorreiche) sieben auftreten werden, war aber durchaus mehr als das: ein thematisch und stilistisch äußerst vielfältiger Abend. Ein Spielbericht:

Wolfgang Weber bekam als Themenbeauftragter des Monats den Anstoß und legte, das war zu erwarten, von Anfang an ein enormes Tempo vor, seine erste Ehrenurkunde fest im Blick. Sein Text „Masterpiece #40“ wirbelte von den Seiten durchs Zentrum seines Themas Zwischen den Stühlen, welches er auch vergegenständlichte: Er stellte zwei winzige Stühle auf den Tisch, er dazwischen. Enormen Wumms entwickelte er aus der Tiefe des Raumes, einer Dylan-Übersetzung von Durs Grünbein („Masterpiece…“), welcher eine inakzeptable Anzahl wichtiger Satzzeichen unterschlagen hatte und setzte selbst über die durchgehende Nummerierung seiner assoziativ-philosophisch-kulturhistorischen Bruchstücke eigene dagegen – starker Antritt! Wer außer Wolfgang dribbelt so unvorhersehbar zwischen Popmusik(geschichte), Lesebühnengedanken, Wortspielereien, freier Assoziation und überraschendem Schweigen über den Platz? Auch das Antäuschen beherrscht er: „Eines Tages wird alles wie eine Rhapsodie dahinfließen“ – während die Abwehrspieler noch an diesem Satz herumkauten, hatte er das Leder schon längst mit präziser Flanke im kurzen Eck versenkt. Die TB-Urkunde ging also verdient an diesen langjährigen Teilnehmer unserer Lesebühne.

Wolfgang Endler, ein Wiedergänger bei SoNochNie, ließ gleich beim ersten Ballkontakt seinen Manndecker stehen. Seine zwischen Aphorismus und Gedicht angesiedelten Texte pflügen sich durch jede konventionelle Spieltaktik einfach hindurch, unterlaufen sie und zeigen unvermittelt neue Verbindungen. Gedanken über Grenzen (des Geschmacks), Dinge, die er SO NOCH NIE getan hat, Entdeckungen auf dem Tempelhofer Feld im Frühling, das „Morgenblauen“ und Sommersprossen, die verstohlen mit Altersflecken schäkern (auf ein und demselben Gesicht!), die Gefahr, wenn man zu weit geht, im 10. Stock eines fünfstöckigen Hauses zu landen – da musste die gegnerische Elf jeden einzelnen Moment auf der Hut sein, eine Konterchance ließ er ihnen kaum. Eine Drehung und der Ball ging scharf gepasst zur nächsten Station. Ballbesitzspiel par excellence.

Brunhild zog mit ihren gereimten Gedichten erst einmal ums Zentrum herum, mal von dieser („Wehrt euch!“), mal von der anderen Seite („Neue Seuchen braucht das Land“), immer dran am Thema „Zwischen den Stühlen“, das von ihr als Debütantin auf dem Platz ja eigentlich gar nicht verlangt war. Sei’s drum, ihre Texte dennoch aufmerksam und wach am Puls der Zeit, und sie leistete sich mit „Märzenbecherduft“ und Eindrücken von einer Demenzkranken auch ein paar Kunstschüsse, nicht hart ins Tor, aber paradentauglich. Es war nicht das Spiel der großen, einheitlichen Taktik, das war nach drei Ballkontakten mittlerweile klar – man spielte hier variabel und mit schnellen, kurzen Pässen!

Clemens reduzierte die Spielzüge zwar nun, lief aber immhin noch zwei getrennte Angriffe aufs Tor, ein Text beschrieb einen (Mit)Bewohner eines viele Wohneinheiten zählenden hochsozialistischen Hochhauses in Berlin, welcher mehr und mehr in Zufriedenheit und dem eigenen Müll zu versinken scheint, der zweite erzählte vom Verwesungsgeruch in selbigem Hochhaus, der sich nach dem unentdeckten Ableben eines anderen Bewohners überall breitmacht und sich nicht einmal durch das Eintauchen in das Stadtleben Berlins abschütteln lässt – denn er ist bereits ins Denken eingedrungen. Bevor sich seine bekannte Fahrigkeit negativ auf sein Spiel auswirken konnte, pfiff der Schiedsrichter ab. Stand zur Halbzeitpause: 1:0 für die Gastgeber.

Vor dem Wiederanpfiff ließ der Unparteiische die übernächste Partie auslosen – Themenbeauftragte/r für den Mai gesucht! Silke Maschinger hob die Hand und wird mit ihrem Text ihr SNN-Debüt geben! Sie wählte „Amtliche Veröffentlichung“ NICHT und musste daher „Auf der Suche“ als Publikumsthema akzeptieren. Am 22. Mai wird sie damit die Lesebühne eröffnen.

Die zweite Halbzeit ließ sich, vorerst, kompakter, einheitlicher an: Max Ludwig, einer unserer beiden Themenbeauftragten-Gäste bei TB#50 im April, überraschte die gegnerische Abwehr mit einer schwer durchschaubaren Selbstbetrachtung eines Menschen, der aus dem Leiden eine Kunstform oder, ja, einen Sport gemacht hat: „Normal leiden“ hieß sein Text. Schwer durchschaubar, weil hier jemand über sein tatsächliches Leiden kaum ein Wort verliert, über die Art und Weise aber sehr genau und stilbewusst reflektiert – und sich selbst dafür eine gute B-Note gibt. Aussagen wie „Leid darf nicht zur Gewohnheit werden“ und „Man muss wissen, wann man genug gelitten hat“ lockten die Angreifer in die Abseitsfalle und eröffneten die Chance zum entscheidenden Konter!

Den übernahm Dave, der zweite Debütant dieses Spiels, wieder mit anspruchsvollem Kurzpassspiel und unterstützt durch modernste Handy-Technik – seine ultrakurzen Aphorismen, Limericks, Zweizeiler, insgesamt „sechseinhalb Texte“ vom Touchscreen blitzen schnell, hell, leuchteten nach, witzig, wortspielerisch, jagten ein Frettchen über den Platz, spiegelten sich selbst auf dem Bildschirm, der von Gevatter Tod in der S-Bahn mit Knochenfingerspitzen hin und her gewischt wird (löschen – für später behalten) und bestätigte das Vorurteil, dass das englische Spiel kompakter ist als das deutsche – die Übersetzung seines sechsten Textes, der sechseinhalbte Text also, fiel noch kürzer aus als das kurze Original: „I lost all my friends facebooking“. Zwei zu Null.

Petra Lohan übernahm es, den Sieg zu ungefährdet nach Hause zu holen. „Du mir gegenüber“ war unüberwindbare Defensivkunst, an der sich auch ein Weltklassesturm die Zähne ausbeißt. Eine Frau verliert den Faden zu sich selbst, sieht in ihrem Körper, ihrer eigentlichen Person, eine Fremde. Sie tritt zwar mit ihr in Kontakt, hält Zwiesprache, wie das wohl jeder mit sich tut, sie aber spricht mit einer Unbekannten. Das war eindringlich und wieder einmal war kaum zu ergründen, wie sie es schaffte, diese Erfahrung so plastisch werden zu lassen. Abpfiff. Wir sind Wortmeister! Endstand: ein verdientes 2:0. (Und Danke an Petra für’s Fotografieren!)

Zum Abschluss zwei ANKÜNDIGUNGEN:

  • Am Donnerstag dem 20. April feiert unser Heimstadion, das ZIMMER 16, sein 15jähriges Bestehen mit einer Gala ab 18 Uhr. Wir freuen uns über diese gelungene, langjährige Kulturarbeit in und für Pankow und mit unseren Freunden und Gastgebern wie Bolle. Kommt frühzeitig, denn es wird ganz sicher ziemlich voll (und ziemlich toll) werden!
  • Vier Tage später, am 24. April am selben Ort, steigt TB#50, unser Jubiläumsabend der Themenbeauftragten. Mehr Info findet ihr ab sofort und fortlaufend (am Ball bleiben!) auf dieser website und unserer facebookseite. TB#50 – Sieben auf einen Streich!
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