Februar grün und das Geheimnis der rosa Lose – die 107. Lesebühne

Dieser Rosenmontags-Abend begann mit geheimnisvollem Tun. Noch vor dem eigentlichen Beginn bekam jeder der knapp 20 (unverkleideten) Besucher ungefragt einen rosafarbenen Loszettel in die Hand gedrückt, verbunden  mit der Auflage, diesen ja nicht zu verlieren. Die Aufklärung der tieferen Bewandtnis lassen wir auch hier zunächst im Ungewissen.

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Den lesenden Einstieg machte unser Themenbeauftrage Maik. Er wurde im Dezember mit dem schönen Thema „Februar grün“ beglückt und präsentierte erwartungsgemäß feine Poesie. Das themen-betitelte Gedicht beleuchtete die verschiedensten Daseinsformen von Pilzen und den Wissensdurst seines vor sechs Jahren dreijährigen Sohnes, der nie müde geworden war, sich die nicht ganz unwesentlichen Unterschiede zwischen essbar aussehenden und tatsächlich essbaren Pilzen erklären zu lassen. Ein weiteres Gedicht eröffnete die für mich durchaus helle Erkenntnis, dass ein Akademiker nicht notgedrungen ein Intellektueller sein muss. (Auch wenn viele dies vielleicht denken.) Neben der obligatorischen Ehren-Urkunde aus biologisch-anthroposophischem Anbau erhielt Maik ein Extra-Lob für Engagement, weil er für das Publikum extra Exemplare zwecks Diskussions-Erleichterung ausgedruckt hatte.

Was es mit den rosa Losen auf sich hatte, blieb nach wie vor ungeklärt.

s0147874Wolfgang Webers Werk offerierte uns eine Gedanken-Melange aus Herbstzeitlosen, dem sterbenden Fidel Castro und einem auf Barack Obama eifersüchtigen Mick Jagger. „Baby, Baby, Baby, you’re out of time“. Im Publikum wurde hernach philosophiert, ob Castro – ähnlich der Herbstzeitlosen – giftig gewesen sein könnte und ob Mick Jagger nicht auch eine Art herrschender und never ending Fidel wäre.

Eine Erklärung für die rosa Lose? Fehlanzeige!

s0217942Nach über anderthalb Jahren (eigene Auskunft) durften wir endlich wieder einmal Max auf der Bühne begrüßen. Die lange Abwesenheit lässt sich durch seinen jetzigen Wohnsitz in Braunschweig fast entschuldigen. Vor einiger Zeit musste er einarmig durchs Leben gehen und machte sich derweil Gedanken über Türen und deren tieferen Sinn. „Man schließt die Türen ab wegen der Versicherung“. Die eigentliche Beschaffenheit der Tür ist für das Sicherheitsgefühl viel weniger relevant als die des Schlosses. Dies verleitete auch das Publikum zu nachdenklichen Diskussionen über Türen für drei Hände, leicht zu bedienende Fahrstuhltüren und eine „gehässige Tür“, die es einem kaum erlaubt, ohne furchtbare Verrenkungen mit vollen Einkaufstaschen zu passieren.

Es folgte die Pause, vom Publikum brav genutzt, ihren Brieftascheninhalt an der Bar abzuliefern. Noch immer wusste, bis auf wenige Eingeweihte, niemand wozu man diese rosa Lose in den verschwitzten Händen halten sollte.

Auch nach der erneuten Begrüßung durfte ich als Moderator zunächst nur einen Teil des Geheimnisses lüften.

s0257985Am 24.April nämlich feiert die Offene Lesebühne ihren 50. Themenbeauftragten. Aber dabei belassen wir es nicht, denn wir werden sage und schreibe SIEBEN (in Zahlen: 7) fünfzigste Themenbeauftragte haben. Dies sind natürlich die Kernmitglieder Angela, Ulrike, Michael, Frank und ich. Da Ulrike nach wie vor im fernen Sachsen weilt, war sie per Telefon live ins Zimmer 16 geschaltet und entschied dich für das Thema „Fluch und Flucht“. Angela hingegen darf sich mit dem „Wunderwerk der Technik“ auseinandersetzen, was für Michael eine „Leerstelle“ (sic) bedeutet und für Frank „leerreich“ (doppel-sic!) ist. Ich schließlich schnappte mir das von Ulrike abgelehnte „Hallelujah“. Amen.

Wer brav mitgezählt hat bemerkt, dass noch zwei Themenbeauftragten fehlen, ehe es sieben sind. Hier nun kamen endlich die rosa Lose ins Spiel. Die glücklichen Gewinner und damit Anwärter auf a) eine Ehrenurkunde, b) ein Freigetränk und c) Aufnahme in den ewigen Pantheon der Themenbeauftragten sind: Maik und Max. Ersterer darf sich bis zum April mit dem „Kärcher“ beschäftigen und Max wird uns – voraussichtlich via Skype – sagen „Ich habe dich im Bus gesehen“.

s0028014Nach diesem Höhepunkt präsentierte uns unser lieber Frank einen Text, der volle vier Frauengenerationen umspannte. „Marta“ soll das noch ungeborene Kind Yolandas mit drittem Vornamen heißen, was dem Ich-Erzähler so ganz unverständlich ist, da Marta auch der Name von Yolandas – sagen wir: charakterlich schwierigen – Großmutter gewesen ist. Im Mittelteil der Geschichte differenziert sich das Bild der Oma tatsächlich, wenn wir Genaueres über sie und Wilhelmina, also Yolandas Mutter (ich weiß, es ist kompliziert), erfahren. Am Ende aber setzt sich dann doch die Erkenntnis durch: Arschloch bleibt Arschloch, auch wenn es Gründe dafür gibt. Dem konnte und wollte das Publikum letztendlich nicht widersprechen.

s0108096Zum Abschluss des verhältnismäßig kurzen Abends las Matthias die Geschichte der neunjährigen Mira, die das Sterben ihrer Großmutter im Krankenhaus behütet. Dass ihr apokalyptischer Traum mit einem Meer voller Leichen am Ende von ihr als „Alles Leben kommt aus dem Wasser“ gedeutet wurde, wollte nicht jeden im Publikum überzeugen. Aber dies ist ja das Schöne an unserer Offenen Lesebühne: Sie ist für die unfertigen und diskussionswürdigen Texte gedacht und soll jedem helfen, der offen für faire und konstruktive Kritik ist.

In diesem Sinne kann ich nur jedem Lesenden danken und freue mich darauf, am 27.März erneut die Vereinigten Staaten von Sonochnien mit neuen Geheimnissen zu eröffnen. Make Literatur great again!

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