Friedliche Dezember-Revolution 2016

Die Jubiläen bei „So Noch Nie“ geben sich die Klinke in die Hand. Ziemlich in der Mitte zwischen zwei Monster-Ereignissen, nämlich der 99. Offenen Lesebühne im Juni und dem 50. Themenbeauftragten im kommenden April lag unsere Fünfte traditionelle Dezemberlesung in der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek.

Nach freundlichen einleitenden Worten durch die uns stets wohl gesonnne Frau Breuer von der Bibliothek, hatte ich wie immer die Ehre, das erfahrene Publikum auch im Namen der Lesebühne zu begrüßen. Der Abend stand diesmal unter dem Motto „Auf zu neuen Ufern“. Wir präsentierten eine friedliche Revolution mit starken Helden, emotionalen Überraschungen – aber fast ohne körperliche Gewalt.

s0136807Den literarischen Anfang stellte Frank Georg Schlosser mit einem Text aus dem Jahre 2012, der den despektierlichen Titel „Stinken wie eine Frau“ trug. Ob es am Entsetzen über diese Titelzeile lag, dass während des Vortrages ein Glas Rotwein im Publikum verschüttet wurde, bleibt Geheimnis des Abends. Die Geschichte, die das hohe Konfliktpotential zwischen drei Frauengenerationen während einer Aufstellung aufarbeitet, in die schließlich von unerwarteter Seite nicht ganz unblutig die Realität einbricht, fesselte trotz und dank einiger Verschlingungen dauerhaft die Aufmerksamkeit des Publikums.

s0236881Düsterer, und definitiv romantischer, setzte Angelas Geschichte aus diesem Jahr „Kein Unfall, meine Liebe“ den Abend fort. Was macht ein Geheimnis, das man buchstäblich mit ins Grab nimmt, das jedoch die große Liebe bewahrt, mit einem Menschen? „Kann man einen Krüppel lieben?“ – in diesem Text, für den Angela eine ungewöhnliche Perspektive gewählt hatte, wird diese Frage eindeutig beantwortet.

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Anschließend durfte ich ein fünf Jahre altes Fragment eines Fragments vortragen. Für die wortwörtlich stürmische Geschichte „Das Meer und der Zirkus“ wurde mir beim auf die Lesung folgenden fröhlichen Beisammensein bescheinigt, dass dieser Auszug mindestens eine Zuhörerin gepackt hatte, was für mich als „Schriftsteller im Stand-by“ eine große Auszeichnung darstellt.

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Michaels Geschichte stammte aus dem Dezember 2014. Als Themenbeauftragter hatte er sie unter dem griffigen Motto „Übergang vom Berufsleben zum Rentnerdasein“ verfasst. Neu-Rentner Ludwin erfährt nach einem Urlaub, dass ihn seine Frau nahezu sang- und klanglos verlassen hatte. Nahezu, weil sie ihm einen geharnischten Abschieds-Schmierzettel mit den lyrischen Worten „Die Drecksau hat es geschafft. Ich will meine Ruhe“ dann doch hinterlassen hatte. Die überaus drastischen Reaktionen seiner erwachsenen Kinder, in denen sich langjährig verborgen gebliebene  Vorwürfe, Wut und Abscheu Bahn brachen, ließen den Zuhörern so manches Mal das Lachen im Halse stecken bleiben.

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Ulrike schließlich, zwecks Komplettierung der Kerntruppe aus dem fernen Chemnitz per Flixbus angereist, ließ „Ramonas Rosen“ erblühen, um sie sogleich „technisch fehlerfrei“ unsanft wieder zu entsorgen. Zwar fehlt es sowohl der Protagonistin wie auch ihrem Mit-Helden im entscheidenden Moment am nötigen Gefühl, dennoch kam es in ihrer Geschichte zu einem ungewöhnlichen – wie ich finde – Happy End besonderer Sorte. Man sollte sich eine gute Freundschaft nicht durch Liebe kaputt machen lassen.

Schlussendlich bedachten wir unser Publikum nicht mit einer artigen Verbeugung, doch wünschten wir allen eine frohe Weihnachtszeit, zu welchselber wir sie ja am zweiten Feiertag in unserem „Wohn“-Zimmer 16 wieder werden begrüßen dürfen.

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