Gift oder (Text von Katharina Körting)

Auszugsweise Assoziationen als Annäherung der SO NOCH NIE-„Themenbeauftragten“ im Oktober 2016

(für M.)

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht‘s, dass ein Ding kein Gift sei.“ (Paracelsus 1538)

***

Fragment I

Gift oder
Die auf die Spitze getriebene
Alternativlosigkeit
Die Alternative ohne Alternative

Gift oder Lüge?
Verhältnismäßig
brav, die Frage
Ein Oder kann eine Menge
gaukeln
giftiges Oder
giftiger Fluss
Abgrund
in jeder Minute vergiftet eine wahre Begebenheit
die sekundengenauen Lügen
Gegenwart ist immer Gift für die Vergangenheit oder
umgekehrt
Sachte verklebt sich das Assoziationspuzzle oder
Teile sind eingerissen, andere
fehlen

Gift, oder?
Für Einsamkeitshungrige ist jede Liebe ODER
lebenslänglich
Gift
– und?
Ellipsen sind tückische Gesellinnen
entzückt übers eigene Humpeln
bringen sie die Tinte zum Stocken
ersticken die Sehnsucht nach Eindeutigkeit
nur um sie neu anzufachen

Gift oder…
das Weiße der Seite, das nichts von sich weiß

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Fragment II

Gift oder verweigert die „Botschaft“, ergibt nicht mal den erkennbaren Willen einer Verständigung. Allein lässt mich Gift oder, wird als amputiertes Wort-Ding, das nicht mal metaphorisch ist, zum Schreibstoß: Allein mit Gift oder bleib ich wie jeder der Sprache verhaftet, verdammt, Bilder und Töne zusammenzusetzen, in Worte zu fassen – Metapher! – zu greifen, was ungreifbar bleibt – Gift, oder? Gnade!
Die Sprache als „Objekt und Subjekt zugleich“ (Drawert) liefert mich als ihr Objekt und Subjekt aus an den magischen Zirkel, offen ins Unendliche
Schreibe ich
um der Worte willen atme ich
zwischen Leben und Tod oder Leben oder Tod
Sprache atmet
Gift oder
Vielleicht sollte ich den Argwohn der Leerstelle – oder Was? – für sich stehen lassen. Die Zeit drüber hin weg gehen lassen. Den Metaphern eine sprachlose Auszeit gönnen
Gift oder? Wesen? Zauberhaft, dass selbst keine Metapher
mich an meine Deutungshoheit ausliefert.
Gift oder wird zu Papier, doch ohne Körper hilft kein Code der Welt, das Tintenrätsel zu knacken, das sich immer neue Finten aufschließt, Türen öffnet und versperrt.
In Bewegung bleiben! Sich nicht geschlagen geben! In jedem Moment! Von der Hand in den Kopf in den Unterleib in die Zunge
Sprechen
unmöglich ohne Bewegung der Lippen, des Herzens, der Lunge, jeder Faser und Zelle, in jedem Text gefangen und freigesetzt. Klang. Gegenteil von Verdinglichung: Schwingung. Resonanz. Aus Tönen Bilder, in jedem Kopf eigene, klingende Bilder, die klagen, die frohlocken, die sich schmecken lassen. In ihnen leben wir. Ohne sie stürben wir. In ihnen verlieren wir uns. Mit ihnen sterben wir. Dürfen mehr sein als „ich“, und tröstlich weniger, denn was wäre ein „ich“ ohne „Du“?, was ein Wort ohne Ohr, was ein Satz ohne Augen, die ihn lesen.
Gift oder Schutz oder
Befreiung?
Gift oder
Pistole. Gift oder kein Leben. Mit erhobenen Händen
ergeb‘ ich mich dem Daseinskrimi der Worte, bleibe Täterin, Leserin, Überlebende, die jeden Zettel auf der Straße aufhebt, um zu schauen, ob ein Code, ein Gedicht darauf steht
Nichts oder alles? Gift oder
die Rettung?
Jeder Schritt eine Aufforderung zur Nachfrage, jeder Blick ein Hirngespinst aus Texten. Schreibe Muster ins Gewebe – oder webt es sich? Die alte Frage steuert mich durchs Tintenmeer, und Gift oder ist eine der Klippen, Frage und Antwort zugleich,
Perpetuum mobile wie alle Buchstaben, die zu Wörtern zusammengesetzt, zerschellen
Spiel
Unlösbare Aufgabe
Alles gilt.
Nur Aufgeben nicht

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Fragment III

Gift oder
blauhelle Freundlichkeit
neben zuverlässigen Schienen
die Welt eine Fensterscheibe
angeflogen von Gedankenfliegen
Die Welt ein Kind liebarmer Eltern
geboren im Streit greiser Götter
zerrissene Hosen trägt es
einen Ring in der Nase
und Gift oder
nichts
nur sein Herz auf der Hand
Ewiges Angebot an das Große Schweigen:
Nomen, Verb, und Adjektiv
und die Bindeworte, Personalpronomen, Artikel und die
etceteras, denn
hinter dem Wort kommt das Wort vor dem Wort
Fügewort: Hinter oder und und kann alles
passieren
außer nichts
Gift oder du
bist persönlich gemeint
DIE LETZTE ENTSCHEIDUNG
verweigernd, die Grundlegende
Zumutung, jeden Tag oder und nachts
Welches Wort klingt und
welches klingt schal?
Oder Lust? Oder Luft? Oder Leben?
Gift oder
Schreiben
geht nicht oder

Text & Fotos: Katharina Körting, Oktober 2016

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