Neun Anfänge

Willkommen in Schulau! Eine alte Schwarzweißfotografie, entstanden vermutlich in den frühen 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Sommer nahm in diesem Jahr kein Ende. Erwachen, Augen auf, Füße kalt. Sie begegneten sich nackt im Flur vor der Wand, an der die Marionetten aufgehängt waren. Meine vermeintliche oder wahrscheinliche große Liebe, das hier schrieb ich nur für sie. Kommst du? Ich habe ein unzerstörbares T-Shirt. Jetzt ziehen wir ans Meer.

Ja, das sind sie, die ersten Sätze aller neun Texte unserer 102. offenen Lesebühne SoNochNie, wenn auch in veränderter Reihenfolge! Stimmt, sie passen nicht wirklich zusammen und doch war das ein wunderbar reicher, runder Geschichtenabend. Stimmt auch: Wir haben eine Ausnahme gemacht. Mehr als acht Texte sind streng genommen nicht zulässig, aber sogar der Sommer lehnt sich in diesen Tagen noch einmal weit aus dem Fenster. Warum sollten wir da nicht ebenso großzügig sein?

Alles begann mit Leovinus‘ charmanter Anmoderation (zwei Stichworte zu jedem Text lieferten das Material), kleineren Stoßseufzern wegen der Lichttechnik, vielen vertrauten und einigen neuen Gesichtern.

Dann sang Michael als Themenbeauftragter seine kraftvolle Hymne aufs Trennungsglück. Nein, nicht auf das klassische am Ende einer quälenden Beziehung. Seine Protagonisten waren zwei unzerstörbare T-Shirts, ein blaues und ein graues, mit denen er seit zwanzig Jahren sein Leben teilt. Da kommen zwangsläufig Fragen an die gemeinsame Zukunft auf. Wann werden sich ihre Wege trennen? Was gar, wenn die beiden ihn überleben und beispielsweise im 73. Jahrhundert von fassungslosen Archäologen wie neu aus einer meterdicken Sedimentschicht geborgen werden? Aber vielleicht, vielleicht gehen sie bis dahin ja doch noch kaputt. Witzig und dennoch von existenzieller Tragweite – das Publikum war begeistert und machte sich höchstens ein paar untergeordnete Sorgen über die Gleichberechtigung von Blau und Grau. Vom angekündigten „kontrollierten Absturz“ konnte keine Rede sein.

Katharina, inzwischen schon Wiederholungstäterin, fand im sanften Sanduhrrieseln sogar Platz für zwei Geschichten. Und in denen ging es nun ganz explizit um Beziehungen. Sie wird von ihm zu einem konspirativen Treffen in eine leere WG gelotst und erfährt dort, dass er auf keinen Fall eine Beziehung will, aber dieses eine, eine Mal noch, das wäre doch schön. Ich habe Gefühle, er hat Bedingungen, stellt sie kritisch fest, bevor sie lustvoll für 45 Minuten in seinem Bett landet. Intensiv, fanden viele, während andere sich mit dem beurteilenden Ton nicht wohlfühlten und eine Diskrepanz zur behaupteten Leidenschaft ausmachten. Gut, wenn man über Texte streiten kann.

Tim, der mit vollem Namen Tim Kölling heißt, schrieb seine poetryslamige „Letzte Chance“ nicht zum Selbstzweck, sondern um eine junge Frau zu erobern, die er nur einmal bei Radio Bremen 1 gesehen hat und die seine ganz große Liebe werden könnte. Das allerschönste Mädchen sei sie, die „Abrissbirne für’s heruntergekommene Manegenlicht“. Mutig, befand das Publikum. Wer weiß, vielleicht liest sie das ja und meldet sich?

Petra erzählt in „Der rote Mantel“ die Geschichte über die Ränder einer alten Schwarzweißfotografie hinaus, auf der ein Mädchen mit eben jenem Mantel sich aus einer Schlange von Wartenden löst und dadurch vermutlich ihr Leben rettet, aber nicht nur das. Geheimnisvoll fließend und voller Assoziationen – einige hätten den Text gern ein zweites Mal gehört. Anderen fiel der Zugang eben wegen dieser Rätselhaftigkeit schwer und sie wünschten sich am Ende mehr Aufklärung.

„Ans Meer“ habe ich, Angela, meinen eigenen Text genannt, in dem eine 14jährige ums Weiterleben ringt, nachdem ihr Vater den Notausgang aus seinem Leben gewählt hat. Authentisch, bewegend und in der Sprache erfindungsreich, befand das Publikum. Ob noch mehr Trotz und Härte im Ton nötig gewesen wäre, darüber gingen die Meinungen auseinander.

In der Pause meldete sich Petra freiwillig als Themenbeauftragte für den November. Das erste Los-Thema „Fantasie und Wirklichkeit“ lehnte sie dankend ab, weshalb sie sich nun mit dem „Kassenarzt“ herumschlagen muss.

Frank setzte die Leserunde mit dem neuen ersten Kapitel aus seinem Roman fort. Klaus und Diana nackt im Flur unter aufgehängten Marionetten im Streitgespräch. Atmosphärisch dicht und das umfangreiche Personal mit den Puppen geschickt vordeutend fing Frank sein Publikum ein, auch wenn manche erst im Lauf der Zeit Fuß fassten im Gehörten.

Clemens sorgte mit CD-Player, Kerze und „Grenzwertigkeiten“ für eine besondere Stimmung, obwohl und gerade weil ihn die Tücken der Technik vorübergehend unter den Tisch trieben. Sein Text handelte von Birken, „bekanntlich den Mädchen unter den Bäumen“, Neubaublocks im Osten Berlins mit viel Grün dazwischen und einer Ljuba, die in ihrer Abwesenheit beim Ich-Erzähler melancholische Schwere erzeugt. „Wenn es soweit ist, werden wir es wissen: Es kommt immer anders als gedacht.“, intoniert „Die Heiterkeit“ zum Schluss eindringlich. Ein Text mit starken Bildern. Nur langsamer vorlesen hätte ihm gut getan.

Wolfgang nahm uns in „Willkommen Höft“ einmal mehr mit auf die Achterbahn seiner Assoziationen, denen eine improvisierte Minitrommel mal Rhythmus gab und mal Kontrapunkt war. Schön absurd die Schiffsbegrüßungsstation außerhalb von Hamburg, auf der in den 50ern bei jedem einlaufenden Schiff noch gesungen wurde. Begrüßungskapitäne, die in ihrer historischen Reihenfolge namentlich genannt wurden, ein Buddelschiffmuseum und Helmut Schmidt samt Lebensgefährtin bildeten die illustren Säulen dieses Textes.

Zuletzt Johanna. Sie las aus dem zweiten Kapitel ihres Romans. Ihre Protagonistin: eine Philosophin, die ihre Dissertation vor Kant, Hegel (mit der obligatorischen Rotweinflasche) und Fichte persönlich verteidigen muss. Erfolgreich, nebenbei bemerkt. Der anschließende, eigentlich banale Supermarkteinkauf gestaltet sich da um Längen schwieriger und die beste Freundin, Assistenzärztin, hat auch keine zusammenhängenden fünf Minuten fürs Telefon. Es knirscht also im Gebälk dieses Tages. Eine Stimme aus dem Publikum empfand den Text zu stark als Nacherzählung persönlichen Erlebens, andere wiederum schätzten genau das.

Und dann war sie auch schon zu Ende, die 102. offene Lesebühne SoNochNie. Mal heiter kurzweilig, mal ernst bis traurig und immer intensiv – besser können wir es uns nicht wünschen. Gespannt blicken wir nun schon mal Richtung 24. Oktober, wenn uns die Themenbeauftragte Katharina mit „Gift oder“ hoffentlich nicht kaltstellen wird. Wer noch Inspiration für einen eigenen Text sucht, der wird vielleicht unter den diesmal nicht gelosten Themen fündig: Auf den Spuren der Elche, Trunksucht, Gespenster, Zickenterror, spät dran, Leisesprecher, Unterwegs, Handlungsanweisung, ohne Fleiß kein Preis, Goldrausch, schweißtreiben(d). – Bedient euch und kommt wieder!

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