Stefan Großer Mann

„Dies ist meine letzte Moderation der Lesebühne im Zimmer 16“ – damit eröffnete Stefan den Abend Nr. 101 und hätte mich damit vom Stuhl gehauen, wenn er mir die traurige Nachricht nicht bereits kurz vorher mitgeteilt hätte. Stefan ist Mitbegründer der Lesebühne SoNochNie, hat beinahe alle Ausgaben als Moderator geleitet und behütet und war den Teilnehmenden immer ein charmanter und interessierter Gastgeber. Jetzt zieht er raus aus Berlin ins Grüne und es gibt neue Aufgaben für ihn, die er der Lesebühne vorziehen muss. Wie es nun ganz ohne seine Anwesenheit bei der Lesebühne weitergeht, das müssen wir sehen. Anders. Nicht im Prinzip, aber im Gefühl. Stefan, wir werden dich vermissen hier im Zimmer 16 und wir wünschen dir alles Gute in deinem neuen Lebensabschnitt, von Herzen!

Noch ein letztes Mal also stellte er die Lesenden des Abends vor, traditionellerweise angeführt von der Themenbeauftragten, der SNN-Debütantin Ulrike Stockmann. Hals über Kopf hatte sie sich bei unserem 99. Jubiläum bereit erklärt, zum Zuschauerthema „kleiner Mann“ einen Text zu verfassen, und genau den las sie nun vor. Es war ein Text darüber, wie sie versucht, einen Text zum Thema „kleiner Mann“ zu schreiben. Titel: „Kleiner Mann“. Und tatsächlich wurde aus der Nacherzählung ihrer Bemühungen, Orientierungsverluste, Suchaktionen und Ideen seit ihrer Wahl zur Themenbeauftragten eine Geschichte, eine: Humoreske über das Schreiben zwischen Hitler und Playmobil. Leichtes, wie jemand meinte: „Gefälliges“ hört man nicht so ganz oft bei SoNochNie, doch öfter als gar nicht, und ihre leichtgestimmte Geschichte war also eine runde Sache, mission accomplished!

Auf Leichtes bezog sich auch Katharina Körting, die als Zweite am Tisch Platz nahm, nämlich auf Tucholskys „Rheinsberg“. Sie las ebenfalls zum allerersten Mal bei SNN, doch ihre kühl beobachtende Variation einer nicht gelingenden Romanze zwischen Schloss und See, auf einer Schreibmaschine verfasst wie ihr Vorbild, griff schon fester zu, sodass es auch wehtat, die beiden dabei zu begleiten, wie sie „nicht aus ihren Käfigen“ kommen und „sich an der Sehnsucht des Anderen“ eben nur reiben. Sprachlich wirklich prägnant und bildhaft, erzählerisch genau hinsehend, ohne Angst vor Unschärfen, Momenten der Unbestimmtheit im Zusammensein zweier Menschen, die so schwer zu beschreiben sind – sie machte sie spürbar.

Wolfgang Weber begab sich dann auf die Spuren des aktuellen Berliner Kulturkampfes um die Volksbühne. „VB Riots“ – inspiriert von einer simplen Störungsdurchsage in der U-Bahn bezüglich des Rosa-Luxemburg-Platzes trug uns in seiner typischen assoziativen Manier herumspringend von einem Ort, von einem Namen und einem Zusammenhang zu nächsten und kreuz und quer und wieder zurück, immer rundherum in der U-Bahn rund um die Burg, die Volksbühne, die Belagerer, die Verteidiger, die Schwarzen Ritter im Roten Rathaus, rhythmisch eingetaktet mit zwei Teedosen, in denen Stifte herumkollerten, Musikmotive draufgedruckt. Riots, Unruhen, Wolfgangs sprachliches Heimatgefühl.

Stefan durfte nach der Pause Katharina zur Themenbeauftragten des Monats Oktober küren, denn sie meldete sich mutig und freiwillig. Sie lehnte ihr erstes Los mit dem Zuschauervorschlag „In der Kürze liegt die Würze“ ab und musste Los Nr. 2 nun nehmen: „Gift oder“ (worüber ich mich freue, weil es mein Vorschlag war!) Am 24. Oktober dürfen wir auf ihren Text gespannt sein!

Matthias Rische ließ uns „Lydie und ich“ kennenlernen. Sein konzentrierter, intensiver, lyrischer Text erzählte – von einer Liebe? Zwischen Mann und Frau? Über eine Lebensspanne, vom Sandkasten bis ins Alter? In den Tod? Den Tod des gemeinsamen Kindes? Über die Trennung hinweg? Er, sagt Matthias, wollte einen Text aus Bildern zusammensetzen. Ist wunderschön geworden.

Inka Bach  (ebenfalls zum ersten Mal an unserem Lesetisch!) und ich stellten zum Abschluss des Abends unser „Neuer See“-Projekt vor, unsere „Kleinigkeiten“. Ein Jahr lang trafen wir uns immer wieder im Tiergarten, verbrachten ein, zwei Stunden gemeinsam am See und schrieben anschließend, jeder einen kurzen Text, angeregt von diesen Treffen. Eine Art Zwiegespräch in lyrischer Prosa, ein Hin und Her der Gedanken und Motive, der Themen und Fragen. Fast unbehauen, „first draft“, und noch niemand hatte es zu hören bekommen, also waren wir gespannt, was wir zu hören bekommen würden. So spät der Abend schon war und so herausfordernd manche der Texte wohl auch sind, das Publikum gab uns anerkennendes Feedback, anregende Gedanken, Zuversicht, dass wir uns nicht heillos verrannt haben damit, denn experimentell immerhin war es schon irgendwie, unser Vorhaben. Es klinge wie ein Hörspiel, schnappte ich noch auf. Froh also, danke, wir machen uns an die Arbeit! (Leider konnte ich kein Foto von uns machen, da ich auch noch Notizen für den Bericht aufschreiben und selbst lesen musste – außer mir war niemand vom Kernteam da – Ferien!)

Am 26. September sehen wir uns hoffentlich alle wieder im Zimmer 16 (leider ohne Stefan), Themenbeauftragter bin ich dann selbst mit dem Thema „Trennungsglück„.

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Ein Kommentar zu “Stefan Großer Mann

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