plotfixiert oder sprachlabsalig – die 100. Lesebühne

 

 

fgs

Frank

Stefan

Stefan

Die 100. Lesebühne SoNochNie! stand unter dem Thema „Schlafwandler“, zumindest für den Themenbeauftragten, in diesem Falle mich. Ich zog mich aus der Affäre, indem ich die Szene, in der mein Hauptheld verflucht wird, in die schlafwandlerischen Ecke gerückt habe, obwohl sie eher in die halbreligiös-ekstatische gehört. Aber das wird verziehen, während das Überschreiten der Zeit, angegeben von der heiligen Sanduhr mit Folter bestraft wird, wie Stefan in seiner launigen Einleitung verkündete, auch wenn eine der Gästinnen die angegebene Eingangstür zum Folterkeller als Fluchtweg identifizierte, was etwas Tröstliches hatte.

Über meinen Text wurde nicht diskutiert, wahrscheinlich weil zu viele neue Gesichter da waren, was uns sehr freute, und die Mutschwelle noch sehr hoch hing. Ich habe ausreichend Feedback in der Pause und am Ende bekommen – bei allen Beteiligten dafür herzlichen Dank.

Anita

Anita

Sehr viel angeregter war das Publikum nach Anitas Text „Hartmuts Entscheidung“.  Auch wenn mir persönlich nicht klar geworden ist, worin Hartmuts Entscheidung bestanden haben soll, führte uns der Text doch sanft und paddelnderweise auf branden- oder mecklenburgische Gewässer, wo an sich Franz und Anna unterwegs waren. Es ging darum, ob man ein Haus auf Stelzen, das zu teuer war, anmieten und aufs Geld schei… sollte. Besser kurz und gut statt lang und schlecht leben.  Hartmut, Annas Verflossener, war dann (im Traum?) doch noch bei ihr und wurde der dann beerdigt?

Die Diskussion eröffnete Clemens, der gut mitgehen konnte, mit im Boot saß. Er mochte die Sprache, die nichts weiß oder so tut als wisse sie nichts. Es ist unpsychologisch, es ist naive Kunst und es gefiel ihm. Micha hat es die Sprache erschwert, an dem Text Gefallen zu finden. Es habe etwas von Meinschönstesferienerlebnis gehabt. Trick? Strategie? Aber Clemens wollte das nicht gelten lassen. Es gäbe eben Plotfixierte, und die, die sich dem Labsal der Sprache hingeben wollen. Total entspannend. Aus den rückwärtigen Publikumsbereichen kam dann noch die Frage, worauf der Schwerpunkt, das Hauptinteresse der Autorin gelegen habe, was sie mit der Geschichte bezwecke. Mit dieser Frage wurde Anita entlassen und

Karin

Karin

Karin setzte sich auf den roten Sessel und wendete die Eieruhr. Sie bat um Gnade, die dann, wie das Publikum fand, gar nicht nötig war. Sie erzählte von einem jungen Nigerianer, der in den deutschen Regen starrt und nicht so recht versteht, warum nicht alle in diesem Regen Freudentänze aufführten. Und wieso das Wasser in vergitterten Löchern in der Straße verschwindet, ohne dass diese irgendwann überlaufen. Timkula, so ähnlich hieß der Junge, ließ seine Gedanken in die Vergangenheit und seine Heimat schweifen. Wie seine Eltern getötet wurden und er sein Überleben nur der Tatsache verdankte, dass er im entscheidenden Moment nicht schreien konnte; wie er sich von kriminellen Banden ferngehalten hat; im Radio von den Fluchtmöglichkeiten hörte und Geld sparte, um von zuhause wegzugehen, wie sie als todesmutige Flüchtlinge in einer Nussschale das Meer überwanden. Er ist traurig hier in der Fremde, wo ihn abweisende Blicke in den Straßen streifen. Zwei Mädchen mit bunten Regenschirmen lächeln ihm zu und da ist ihm, als nähme seine Mutter seinen Kopf in die Hände.

Hanna eröffnete die Diskussion: die Geschichte habe eine sehr gute Energie gehabt. Auf Nachfrage gab die Autorin an, dass sie auf einer Fernsehdokumentation beruhte. Ihr wurde noch die Empfehlung mit auf den Weg gegeben, es als Kindergeschichte zu behandeln. Das sich durchziehende Motiv des Wassers als Lebensspender und auch als tödliche Bedrohung wurde noch erwähnt.

Rosemarie

Rosemarie

Rosemarie Schulz war die zweite, die von einer schweren Entscheidung berichtete, nämlich ob man mit 45 Jahren noch ein Kind bekommen soll. Dem Arzt ist völlig klar, dass sie abtreiben wird, er stellt sofort den Überweisungsschein aus. Ihr Mann, Peter, las den Schein, als er beim Abendbrot zwischen den Weingläsern lag. Er hob ihr Kinn an und gab ihr einen Kuss – er wollte es eher versuchen – mit noch einem Kind nämlich. Trotzdem ist sie zwei Tage später dort, hört sich die Geschichten der anderen Frauen an – eine Frau Heise will nach dem achten Kind keines mehr. Es gibt eine Schwester Monika und Susanne hat gepackt, als sie geholt werden soll – sie will den Überweisungsschein hinter das erste Bild ihres Kindes kleben – es gibt also ein happy end im Gefühlsleben des Zuhörers, auch weil wir noch die Information bekamen, dass Monate später Max und Moritz geboren wurden. Ob der Peter sich das so vorgestellt hat?

Rosemarie ging ohne Diskussion zurück auf ihren Stuhl.

Nach der Pause wurde der Michael Wäser zum Themenbeauftragten für September gekürt – bzw. er stellte sich zur Verfügung und nachdem er das erste Thema „Blutorangen“ abgelehnt hatte, musste er das zweite „Trennungsglück“ nehmen.

Petra

Petra

Nach der Pause las Petra Lohan eine Geschichte über einen Jungen im Krankenhaus, der aus dem sechsten Stock gefallen war und überlebt hatte. Das größte Rätsel: die Mutter. Es gibt Unmut gegen die Mutter, sie flüchtet sich vor den Fernseher. Leblos, wollte sie sich auch aus dem Fenster stürzen. Was immer sie ankam, sie drehte den Fernseher lauter. Der Junge kam in eine Pflegefamilie. Nun, da sie ihn besuchte, zeigte sie keine Gefühlsregungen. Niemand sprach die Mutter an, abgeurteilt ohne Prozess. Sie war oft froh, wenn die Augen des Sohnes noch geschlossen waren. Manchmal rief er nach ihr: ruft meine Mama an. Aber niemand hatte eine Telefonnummer. Die Mutter fand Fernsehdokus spannend – Filme über Albatrosse – wie die das machten, so etwas zu filmen. Sie wollte auch mal so fliegen. Die Depression der Mutter wuchs. Er wollte mit ihr ins Paradies. Fliegenderweise. Der Mann, der ihn auf der Straße fand, meinte, ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen zu haben.

An der Geschichte fand das Publikum seine Streitlust. Inka fand sie gut bis auf manches Erklärende, das wiederum fand Micha gut. Jana wollte das Ganze als Fallstudie gelten lassen, aber als Literatur – Fragezeichen, ohne äußere Perspektive. Da widersprach wiederum Inka. An der Stelle weiß ich nicht mehr genau, wer was gesagt hat. Beschreibung der Blicke der anderen – Mutter hätte es nicht gebraucht. Stimmt, sagte Inka; war das einzig Betuliche. Ein Mann sagte, gerade die Außenperspektive wäre interessant gewesen. Alle fanden es gut erzählt.

Demian

Demian

Stefan kündigte den nächsten internationalen Gast an, Demian aus Zürich, wollte drei kurze Bagatellen lesen, es wurden nur zwei, weil er sonst in den Folterkeller gemusst hätte. Ging um Alles oder Nichts. Bei der ersten Bagatelle ging es um den Pazifik, Aleuten, russisch-amerikanische Datumsgrenze, nordpazifische Idylle mit Herrenmokassins, Cousine Stalinallee 38, Schuhgröße 38, Zusammenhang leicht einzusehen; Lenin aus Blei und Zink – dann gab es einen Sprung zum Alexanderplatz – habe ich nicht ganz verstanden – meine Zeit kommt erst, wenn sie abgelaufen ist; Brötchen von morgen heute noch frisch; Mehl wird erst wieder vor zwei Wochen dagewesen sein – jeder Satz eine Pointe, was ich persönlich manchmal etwas bemüht fand. Zusammen mit der mütterlichen Brust hat man sie auch der Orthodoxie entwöhnt – Entkirchlichung und Misswirtschaft (glaubt jeder Religiöse?) – erst jetzt, da die Zeit auch hier besser zu werden droht, merkt man erst, wie schlecht sie eigentlich war.

Die zweite Bagatelle hieß „Bethlehem“ – hier als Schweizer Dorf, wo ein Besoffener nach Hause kommt und den Schlüssel erst nicht findet – die Gerber hält ihre Terrasse nicht sauber – hat es nicht anders verdient, als früh um fünf aus der Falle geholt zu werden – sie zieht ihre Stimme zu Rüschen – er merkt: sie will nur saufen, lässt ihr die Flasche, da findet sie den Jungen ganz nett – habe ihn dann verloren – irgendwie kommt er in die Wohnung – betritt verbotenerweise den Balkon, stürzt ab – und nun ist der Schlüssel in der Wohnung. Die Gerber endete in der Weldau, was eine Klapse sein muss.

Wolfgang

Wolfgang

Wolfgang Weber war dran: Rules and regulations hieß seine Anhäufung von Stichwörtern. Es begann mit Sport. Halbzeit, Abseits, Down, Schiedsrichter, Aufschlag, wann ist ein Tor ein Tor – Schlag auf den Tisch – Kopf hoch und runter – ein gespieltes Ausrufezeichen; Regeln gibt’s, da staunste – Schlag auf den Tisch – Höhe von Lesebühnentischen. Ich bin froh herumgekommen zu sein … um komische Regeln –

In der Diskussion wurde dem Text eine kathartische Wirkung zugesprochen – und es gab immer einen Bezug zu rules & Regulations – Demian lobte den Assoziationsreichtum, man erweitert als Leser seinen Horizont, was besser ist, als wenn man ihn verknappen muss. Alles rund und stimmig.

Am Ende las Michael Wäser aus seinem nächsten großen Projekt, einem Roman vermutlich, dessen Hauptfigur Gerald heißt – also ich schreibe mal meine Stichwörter hierher: Maria Pollack sah scharf aus – pralle Type mit 16, meine Güte – Ersatzmutter – echte Mutter kriegte nie jemand zu sehen – im Freibad mit Halbhohem –

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Michael

Marek ist so – quetscht kleinen Jungs im Bus die Eier – steinalte Busse – Schüler lachten und johlten – wenn sie noch geschrien hat, hörte sie niemand

Ein Wichser war Marek, weil er ein Polake war – Maria war keine Nutte – hoffte Marek – er fragte sie, was sie will für einmal – wenn sie eine Nutte wäre, hätte sie einen Preis gesagt und dann erinnert er sich 5 Jahre (zurück?) Nackte im Zimmer – an das Gefühl erinnert er sich – seitdem sah sie ihn nicht mehr an – STA-Jeans (buchstabenweise gesprochen) – was für dumme Torten – bauchfrei wie seine Schwester gab’s bei Maria nicht

Gerald hatte den Eingang gefunden als er einen Platz zum Kacken suchte – räumte den Dreck raus und beschaffte sich ein paar Möbel – Bundeswehrpetroleumbrenner zum Aufwärmen von Ravioli

Und dann brechen meine Notizen ab. Spielt Mitte der 70er – abfälliges Vokabular gewinnt – befand das Publikum – durch Nostalgie etwas Liebenswertes – das mitgeschleifte Mädchen am Bus – hat für Micha was mit der Zeit zu tun, dass das möglich war.

Und ich finde, seine von mir zu beobachtende Annäherung an das Drastische lässt hoffen. Mögen alle Schranken fallen – dann gibt’s den nächsten Houellebecq.

So freuen wir uns auf die nächste Lesebühne.  Am 22. August um 20 Uhr, leider ohne mich, denn ich bin da an der Ostsee. Euer fgs

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