SNN 99 – Wir stellen vor: Frank Georg Schlosser

Vor dem großen, 99. Jubiläumsabend am 27. Juni stellen wir jeden Montag und Donnerstag eine/n der acht AutorInnen hier mit einem Fragebogen vor, den wir sie zu beantworten gezwungen haben.


Frank Georg Schlosser ist Vater Nr. 3 von SNN und bis heute Kernautor. Beruflich jongliert er mit harten Zahlen, als Autor ringt er mit Hingabe um den adäquaten Ausdruck und die schlüssige Erzählung seiner tiefgreifenden, aber humorvollen Geschichten. Und er lässt das SNN-Publikum an der Entstehung seines Romans teilhaben – zum beidersetigen Gewinn.

Werden wir mal persönlich: Aus welcher Gegend stammst du überhaupt und würdest du unseren Lesern einen Wochenendtrip dorthin empfehlen?

Unbedingt ist der Musikwinkel um Markneukirchen, wo ich herstamme, für einen Wochenendtrip, sogar für einen Urlaub zu empfehlen. Herrliche Landschaft, tolle Restaurants, das Musikinstrumentenmuseum, Berge und Wälder. Und die Sprache!

Was hat dich ausgerechnet nach Berlin verschlagen?

Der Wille von da wegzukommen. Ich wollte immer schon ausschließlich nach Berlin, auch als mir nur Ostberlin zur Verfügung stand. Es hatte damit zu tun, dass ich nicht mehr jeden grüßen müssen wollte.

Wie bist du zum Schreiben gekommen, also außer dem Schreibenlernen in der Grundschule natürlich?

Schreiben ist eine Flucht. Revierbegrenzungsverhalten und doch in riesigen Welten leben. Bücherwurm sein – Welt ausblenden und auf eine andere Art doch in ihr versinken. Sich bemerkbar machen ohne dass gleich jemand zuhört.

Wie würdest du dich als Autorin/Autor charakterisieren?

Ich suche im Samenkorn das Himmelreich, in einer Handbewegung, einer Stimmlage, im Hineinlauschen in mich selbst und andere das, was aus der Tiefe gesagt werden will. Ich suche nach den Geistern, die uns antreiben oder bremsen. Ich suche im Hass die Liebe und in der Liebe die Brutalität. „Gewalt und Zärtlichkeit“ ist für mich einer der gelungenen Buchtitel.

Kannst du dich noch an deinen ersten SNN-Abend erinnern und wie du auf SNN aufmerksam geworden bist? Wenn ja: Gratuliere, du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn das muss schon ein paar Jährchen her sein. Und jetzt: Bitte erzähl deine SNN-Geschichte.

Angefangen hat es für mich mit Leovinus und der offenen Bühne, die es heute noch an jedem ersten Montag des Monats gibt. Das war 2008. Damals mussten die Geschichten witzig sein, fast kabaretthaft. Und es zählt zu meinen schönsten Erlebnissen, wenn während einer Lesung die Geräusche an der Bar erstarben. Dann hatte wahrscheinlich Stefan die Idee, eine eigene Lesebühne zu gründen. Da gab es das Studio 10 noch, und wir lasen zweimal im Monat, wenn ich mich recht erinnere. Im Studio 10 hatte ich meine erste Sololesung. Dann gab es den Autorentreff mit denen, die wir heute als Stammautoren der Lesebühne bezeichnen, mit Leovinus, der dem Schreiben leider abhanden gekommen ist, obwohl ich immer noch hoffe, dass sich das wieder ändert, Angela Bernhardt, Ulrike Lynn und Michael Wäser. Eine lange Zeit haben wir uns zum Schreiben getroffen und sind sogar zu einem Workshop an die Ostsee gefahren. Das war eine schöne Zeit. Und die Höhepunkte: „Vom Tresen gelesen“ gab es ein paarmal, Themenabende mit „Erotik“ im August 2012 oder „Mordgelüste“ im Januar 13, seitdem gibt es den Themenbeauftragten. Die Lesebühne SoNochNie! hat mir sehr geholfen, sie hat mich Disziplin gelehrt.

Was unsere Leser ganz besonders interessiert: Hast du Lampenfieber, wenn du hinterm Lesetisch Platz nimmst???!!?

Nein, nicht mehr. Was ein bisschen schade ist. Am Anfang bin ich nahezu neben mich getreten. Was immer noch passiert: ich versinke, während ich lese, in meiner Geschichte. Und ich leide, wenn ich spüre, dass eine Passage nicht funktioniert. Dann wird mir glühend heiß und ich nuschele mich drüber weg. Ich habe auch schon ganze Abschnitte weggelassen. Aber das ist lange her.

Das Zimmer 16 ist …

ein Kleinod in Pankow, ein Steinchen, ein Busch, eine zu kleine Lichtung, als dass all die Veränderungen um es herum vermocht hätten, es davon zu spülen. Auch wenn es harte Zeiten gegeben hat. Ich wünsche dem Zimmer 16 immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Ich ziehe den Hut vor all denen, die es in guten wie in schlechten Zeiten durch die Berliner Kulturlandschaft manövrieren, die sein Programm organisieren und gestalten. Ich bin dankbar, so viele Jahre ein kleiner Teil davon gewesen zu sein. Und mal sehen was noch geht.

Nach dem Lesen wird bei uns über den Text diskutiert, manchmal ziemlich lebhaft. Ist dir dabei schon mal, innerlich oder äußerlich, der Kragen geplatzt – egal ob vor oder hinter dem Lesetisch? Warum, oder warum nicht? (Namen werden unkenntlich gemacht 😉 )

Ich halte es für möglich, kann mich aber nicht erinnern. Ich habe mich fremdgeschämt und versucht, bei mir zu schauen, warum das so ist. Wir haben auch gelästert. Und hin und wieder dabei sicher auch im Glashaus gesessen. Aber der Charakter des Lesebühne bringt es mit sich, dass auch wirklich schlechte Texte – und ich denke, das mittlerweile hier und da beurteilen zu können – zu Gehör gebracht werden. Das war auch der Grund, die Eieruhr einzuführen, denn wenn die dann noch länger als eine halbe Stunde gehen …

Was wir unbedingt wissen wollen (Hosen runter!): Warum kommst du immer wieder zu SoNochNie?

Gute Frage. Der ursprüngliche Grund, mich zu disziplinieren und regelmäßig zu schreiben, ist eigentlich entfallen. Einige Jahre habe ich monatlich für die Lesebühne geschrieben. Und es hat Jahre gegeben, da jeden Monat eine Kurzgeschichte, die in fünfzehn Minuten gelesen werden kann, entstanden ist. Es hat auch Jahre gegeben, da ich von Januar bis Juni sechs verschiedene Fassungen einer Geschichte gelesen habe. Aber so ist das eben. Mittlerweile schreibe ich nicht mehr speziell für die Lesebühne. Ich schreibe aber auch noch nicht für einen Verlag, der mir hungrig im Nacken sitzt und sehnsüchtig auf den nächsten Roman wartet.

Zum Abschluss: Gibt es auch außerhalb des Zimmer 16 etwas von dir zu lesen/hören? Was? Wo? Wann?

Nein, im Moment noch nicht. Ich hoffe sehr, dass sich das ändert. Aber dafür muss ich mich weiter ändern. Um die 35 vorzeigbare Kurzgeschichten sind entstanden, ein Roman, drei Drehbücher für Langfilme, bestimmt fünf für Kurzfilme und drei tatsächliche Kurzfilme. Das ist eine Menge Kunst. Aber was ich gelernt habe, besonders in der Filmproduktion, aber auch bei der Buchgestaltung: Kunst ist, wenn sie wirken soll, immer auch ein Produkt. Das meine ich nicht so sehr im kapitalistischen Sinne, obwohl der natürlich am Ende dazu gehört, sondern vielmehr in dem Sinn, dass mehr Menschen als man selbst beteiligt sind. Für einen Film ist das naheliegend. Da ist der Autor nur ein Glied in einer teuren ellenlangen Kette. Aber auch ein stinknormales Buch erfordert die Mitwirkung einer Menge Menschen, die von meiner Kunst überzeugt sein müssen. Selbst wenn es heute einfach ist, ein Buch in Kleinstauflagen herzustellen.

Aber auch das war schon immer so. Kunst und Produkt stecken in ihrer Synthese für mich persönlich noch in den Kinderschuhen. Was mit Mitte Fünfzig spät ist. Aber auch die Spätentwickler sollten auf ihre Chance gucken. Und sich nicht von David Foster Wallace, Stephen King oder wem auch immer beeindrucken lassen, dass es Millionen Bücher gibt und die Welt nicht so sehr auf das millionenundeinste wartet? Ich will mit einem Filmzitat schließen aus einer dieser amerikanischen Komödien, die ich so liebe:
Künstler: Okay, okay, pros and cons, pros and cons – was spricht dafür, dass wir mit ihr zusammen einen Song machen.
Agent: Wir profitieren von ihrem Ruhm, die Leute erinnern sich an dich und wir werden alle reich.
Künstler: Sehr schön, sehr schön. – Und was spricht dagegen?
Agent: Egal was wir tun, in vierzig Jahren sind wir alle tot. *)

In diesem Sinne: lieber Micha, Danke für das Interview. Ein Hoch auf die Kunst, auf all die geschriebenen und ungeschriebenen Texte. Ein Hoch auf das Zimmer 16 und ein Hoch auf die 99. Lesebühne SoNochNie!

Hurra hurra hurra.

*) welcher Film? 😉


Vor Frank Georg Schlosser haben wir Angela Bernhardt, Clemens Franke, Heiko Heller, Leovinus und Petra Lohan vorgestellt, am 20. Juni folgt Michael Wäser.

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