Vor der 99 kommt die 98 und nur wenn die 98 war, kann die 99 kommen und nun ist sie gewesen

Die 99. Lesebühne SoNochNie! wirft ihre Schatten voraus. Hundert kann jeder, aber die Schnapszahlen feiern ist eine Herausforderung und vielleicht sollten wir nochmal über den Schampus nachdenken. Denn an sich ist zur 99. Slivovitz Pflicht und möglicherweise kann das auch passieren. Wenn einer eine Flasche mitbringt.

Aber vor die 99. Jubiläumsbühne hat der liebe Gott die Niederungen der 98. Lesebühne gesetzt, die sich wunderbar grün und poetisch präsentierte.

Es begann mit einer Premiere, die den Protokollanten überraschte: unsere wunderbare Ulrike hatte ihr Thema als Themenbeauftragte eingelesen und per Email zugeschickt und wir durften ihrer zauberhaften Stimme lauschen, dabei auf ein Foto auf Michas Laptop schauen und uns umfing zum Thema „Schreibblockade“ ein Hörspiel, vorgetragen von einer Frau, die einst ihr Kind, das sie – selber noch eins – nicht haben wollte – in einen Eimer gebar und in eine UlrikeMülltonne entsorgte. Die bereuende(?) Mutter suchte nach Worten, war gefangen in einer Schreibblockade: Du blöder Unfall – ist natürlich keen Name – Jason – ach nee, so heißen die jetzt alle im Block, dann nannte sie das Kind Matze nach seinem Großvater – ich schreibe Dir, wie blöd, jetzt schreibe ich ihm dass ich ihm schreibe – ging durch die Presse damals – fast wäre ich erwischt worden – dann wäre mein Leben im Arsch gewesen, viel mehr als mit ’nem Kind – hast Du eine nette Familie gefunden? – nicht ein einziges Mal habe ich Dich angefasst – erstes Baby-Foto in einer Kriminalakte – was für eine Phantasie – alle lauschten gebannt und bewunderten die gemeisterte Form des inneren Dialogs.

Ich war mit meiner Sympathie bei der Mutter. Die Not einer solchen Frau, auch wenn sie etwas simpel gestrickt sein sollte, ging mir nah, vor allem die Suche nach einer verschütteten Emotion und die Unfähigkeit sie zu empfinden und auszudrücken – der Fluch des Nachdenkens. Das macht man halt so in unserer überpsychologisierten Welt, wo sogar RTL II nach einer Erklärung sucht, wenn ein Kind im Eimer gelandet ist.

Nach der virtuellen Ulrike vom Band (Stefan korrigierte diese seine Aussage: vom USB-Stick) las die leibhaftige Bettina aus Frankfurt am Main, woher es sich wahrscheinlich leichter nach Berlin anreist als aus Chemnitz ;-).

Anneliese zieht Bilanz und es ging um eine Frau, die wohl die dienstälteste Tippse Deutschlands war mit 95 Jahren, obwohl sie eigentlich Gärtnerin oder Gartenarchitektin werden wollte. Aber einmal Sekretärin – immer Sekretärin, sie kam von dem Job nicht mehr los. Als Atheist habe ich ein neues Wort gelernt: Damaskuserlebnis. Es meint an sich die Wandlung des Paulus von einem Verfolger der Urchristen zu ihrem Anhänger und ward hier im Zusammenhang mit etwas verwendet, das die Wandlung einer Tippse zur Gartenarchitektin oder umgekehrt analogisieren sollte. Da habe ich etwas nicht verstanden, aber auch versäumt, im Anschluss nachzufragen. Es war auf alle Fälle science fiction, weil Rente abgeschafft ist und bis ans Lebensende gearbeitet wird. Nun hoffe ich, dass dies erst nach meiner Pensionierung wahr wird. Bettinas zweite Geschichte hieß „Die Entkräftung“ und beschrieb den hektischen Arbeitsalltag des Franz Bahro, der zwischen Tweet und Retweet kaum Zeit findet nachzudenken. Eine atemlose Erzählung, die ihre Atemlosigkeit daraus bezog, dass sie im Wesentlichen aus nur drei Aufzählungsbandwurmsätzen bestand – eine Erzählform ohne Konflikt und Ziel, hinstrebend auf die Pointe, dass ein ununterbrochen beschäftigter Mann sich am Abend fragt: War heute irgendetwas Wichtiges passiert?

Woran sich die nächste atemlose Nummer anschloss – unser Stammgast Wolfgang Weber klärte uns über das Wed-Ding auf. Bei ihm bleibt mir immer nur aufzuschreiben, was ich atemlos mitkritzeln konnte: Start ups und Stop downs – Was wollt ihr später mal werden? Gesundbrunnencenter. Wed-Ding, das nächste große Ding nach dem Ed-Ding. Frank Zappa und der trend monger – voll mit Galerien ohne Geld – 1000 Berlin 65 war einst die einzige PLZ WolfgangWeddings, heute hat alleine meine Straße zwei Postleitzahlen. Prime time Theater – und dann haben wir ihn animiert, seinen Text mit Rhythmus zu sprechen, mit einem Chuckchuck, benannt nach Chuck Berry. Ich habe es gegoogelt und fand im Ergebnis meiner Recherchen: er hat es sehr einfach benutzt. Da wäre mehr rauzuholen gewesen, aber die Einfachheit ist irgendwie auch sein Markenzeichen. Schenken möchte ich ihm meine Idee mit dem Stadtrat für Bauentwicklung als Wedding-Planer. Einer aus dem Publikum fühlte sich mit dem Begriff Wett-Ding allerdings auf die falsche Fährte gelockt.

Nach der Pause habe ich mich als Themenbeauftragter für den Juli (für die 100!) Lesebühne aufgedrängelt und habe nach dem dismissten Thema „Die Grillen fliehen das Terrarium“ das Thema „Schlafwandeln“ nehmen müssen. Nicht dass ich schlafwandele, aber zumindest kann ich mir das vorstellen. Eine kleine Auswahl aus den weiteren vorgeschlagenen Themen: „Schule schwänzen“, „Dackelblick und Kaugummi“ (finde ich auch sehr schön), „Warum bist du so schnell?“ und „Berlin, Traum oder Alptraum“.

Dann las Anja – eine kleine Überraschung für mich – sehr prononciert kleines Textmaterial, wie sie es selber nannte, zunächst über Marthe. Blockade – Arbeit – Stecker mit einem Ruck gezogen, nicht gespeichert.

Marthe fühlt Spannung, denkt, es ist Entschlossenheit.

Anja trug sehr gut vor.Anja

Blockade kriegt jeder einmal: hier nimm eine Tablette – Tablette bleibt an der Spucke kleben. Was für eine Blockade.

Marthe scheint mir eine zu sein, die außerhalb der Welt steht, eine ironisch-sarkastische Beobachtungsmaschine.

Sollte sie jemals Enkel bekommen, würde sie einen Strickkurs besuchen. Jedes Ding, länger als zwei Sekunden beobachtet, wird zu einer Geschichte. Marthe ist für alle eine Enttäuschung. Wohin verlegt man eine Enttäuschung? Auf die Rehabilitation. Es ist ein sehr flotter Text, bei dem jede Spitze sitzt. Anja las – da sie so pointiert schreibt und mithin wenig Zeit verbrauchte – noch weitere Miniaturen: Landschaft – Versuch sich einzugliedern ist gescheitert – aus dieser Rolle steige ich aus.

Oder: der 99-Worte Text: Nachbarschaft: er lebt allein. Kann man reinklettern. Tut niemand.

Es gab noch einen Moment einer angedeuteten Emotion, als Anja sagte, dass dies ihre erste Lesung nach einer langen Pause war. Aber er ging zu schnell vorbei.

Nach Marthe las Petra. Sie sprach mit ihrem Aleph über Heimat. Aleph ist ein Wuschelding auf der Schulter der Autorin, mit dem sie tiefsitzend-tiefsinnige Fragen bestreitet.Petra

Sehnsucht nach Heimat ist Sehnsucht nach dem Ursprung war die Ursprungsthese des Textes. Obwohl klar ist, dass wir nicht in den Mutterschoß zurückkönnen, auch wenn diese Vorstellung (Sehnsucht?) die Grundlage jedes soliden Mutterfluches ist (eba si maikata geht dem Bulgaren so flott von der Zunge wie unsereiner Boa eih sagt). Die Mutter muss ja auch einen Ursprung haben, überhaupt kann es nur einen Ur-Sprung geben. Das Aleph nickte verhalten, aber es war wohl einverstanden.

Es wendete sich in eine schöne Richtung. Von Anfang an macht sich der Mensch auf den Weg.

Ursprung= Zustand ohne Zeit – wir verlassen den Ursprung durch Bewegung – schaffen so die Zeit – Sehnsucht nach der Zeitlosigkeit.

Es hat mich beschäftigt. In der Diskussion ging es ums Weglaufen und Zurückkommen, um festzustellen, das Weglaufen doch besser war. Stefan warf ein, dass Weglaufen auch irgendwo hinlaufen heißt.

Stillstand ist auf alle Fälle Tod und deshalb zur letzten Autorin des Abends, zur Angela. Sie betonte, dass sie auf den Werkstatt-Charakter zurückkommen und einen absolut unfertigen (weil grade mal fünf vor zwölf fertiggestellten und mit Müh und Not einem streikenden Drucker abgerungenen) Text unter dem Arbeitstitel „Geschenkt“ präsentieren wolle, der sich dann als runde Geschichte entpuppte. Es ging um Lilli, die aus einem von Mann und Tochter Angelaverlassenen Haushalt Spielzeug zu einer Flüchtlingsunterkunft bringen und spenden wollte. Sie macht sich Sorgen um ihre Motive (weil wir alle das Helfersyndrom kennen) und kann es nicht aushalten, dass Djamila (ein Kind syrischer Flüchtlinge) sich ihr öffnet und sie besuchen will. Schreibst du mir deine Adresse auf … ich muss los – da hatte Angela mich und meine Tränendrüsen wie ein Hollywood-Autor: die Flucht vor der einfachen Zuneigung. Es gab einen kurzen Moment, als Lilli nach vier Bier bei Joannis, dem Griechen, ihre Wohnungsschlüssel wegwarf, und ich Angst bekam, dass es jetzt zu fett wird. Aber es war nur die Vorbereitung für den wunderbaren Abschlusssatz, den sie zu Djamila sagte: Erst musst du mir helfen, die Schlüssel wiederzufinden. Danke Angela: passiert mir nicht oft, dass ich bei SoNochNie! Pippi in den Augen habe.

Das wird uns hoffentlich allen so gehen, wenn wir am 27.6. die 99. Lesebühne SoNochNie! feiern.

PlakatmotivwebDann lesen wir alten Kämpen alle wieder, selbst Leovinus, das Urgestein. Und beantworten uns die Frage, warum wir das alle tun mit einem klaren: keine Ahnung, aber wir können nicht anders. Salman Rushdie schrieb: „…der Schriftsteller akzeptiert die Zerstörung seines Lebens und gewinnt (aber nur wenn er Glück hat) vielleicht nicht die Ewigkeit, so doch wenigstens die Nachwelt“ – und das war bevor ihn die Fatwa ereilte und seinen Ruhm durch die millionenschwere Todesdrohung ins Unermessliche steigerte.

So lasst uns unbedroht leben und schreiben und lesen (und murkeln). „Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

fgs-Signatur Stempel groß

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