Überall Schöpfung!

In dulci jubilo, in süßer Freude also, durften wir mitansehen, wie der Zuschauerraum des Zimmer 16 vor der 97. Lesebühne voll und voller wurde und die Leseliste lang und länger, bis kaum noch ein Stuhl vor dem Lesetisch frei war. Rekord?!? Gastgeber Stefan war auch dementsprechend entzückt und extra charmant aufgelegt, als er den ersten Beitrag ankündigte, natürlich den des Themenbeauftragten für April, Martin.

Martin hatte sich mutig zum ersten Mal als TB aufstellen lassen und sein Thema „Wenn Störche husten“ war sicher kein leicht zu bewältigendes! Passenderweise lautete der Titel seiner Fabel eben In dulci jubilo. Und ja, FABEL, eine Tiererzählung hatte er verfasst, vermutlich also eine doppelte Premiere bei uns – SO NOCH NIE. In Ton und Schauplatz hatte er ganz vertraute Elemente verwendet, ein Fest der wohl situierten Vogelgesellschaft anlässlich der Enthüllung eines Denkmals, Geplauder, Tratsch, Punsch wird gereicht, man ist unter sich, die großen Vögel werden von den kleinen hofiert oder bedient, Storch und Marabu sind die Potentaten, man fühlt sich im frühen vorigen Jahrhundert. Bis die Krähen auftauchen, die kein langes Federlesen machen, und man ahnt, dass die selbstzufriedene Gemütlichkeit nicht mehr lange Bestand haben wird. Da saßen wir denn auch plötzlich im Jahr 2016. Danke, Martin.

Frank hatte es dann auch mit einem Tier, aber das kam erst einmal nur symbolisch vor, als Teil des Alias eines depressiven Gamers (Der General der Hunde in japanischer Sprache, die ich nicht korrekt wiedergeben kann), der in Franks schon etwas älterer Geschichte in einer Kneipe während der Übertragung eines Spiels Hertha gegen den BVB von einem zwielichtigen Russen auf die wahren Werte des Lebens aufmerksam gemacht wird. Der Gamer zeigt sich jedoch unempfänglich, worauf ihn der Russe kurzerhand mitnimmt und ihn in einer brandenburgischen Lagerhalle von einem Schläger und einem Rottweiler traktieren lässt. Eine eigenwillige Lebenshilfe, aber womöglich, die Geschichte lässt es offen, erfolgreich.

Noch näher an den Tod, aber nicht ganz dorthin, begab sich Sigrid mit „Nahtod in der Urania“. Ihr Debüt bei SNN handelte von zwei Freundinnen, die gemeinsam einen Vortrag in dem berühmten Berliner Bildungstempel anhören wollen, der sich, genau, um Nahtoderfahrungen aus wissenschaftlicher Sicht dreht. Doch Julia hat eigentlich gar keine Lust und schläft während des Vortrags ein – was ihr eine ganz eigene Erfahrung einbringt, zwar nicht nah am Tod, aber näher am Himmel, denn sie kann fliegen – bis sie wieder aufwacht und ihre Freundin stinksauer auf sie ist. Dabei sind schlafende Vortragsbesucher doch bestimmt alltäglich, nicht nur in der Urania.

Andrea ließ uns mit „Regine“ ein ebenso alltägliches wie unerträgliches Schicksal aus dem Leben in der DDR kennenlernen. Eine Kraftwerksarbeiterin mit Mann und Kindern telefoniert im Jahr 1968, das Bitterfelder Chemie-Kombinat ist, so gehen Gerüchte um, gerade explodiert, mit einer Freundin. Viele sind es noch nicht, die 1968 in der DDR ein eigenes Telefon zu Hause haben, trotzdem halten die beiden sich für unwichtig genug, dass sie sich politische Witze zu erzählen trauen – die werden sie schon nicht abhören. Falsch gedacht, Regine wird kurz darauf zu drei Jahren Haft verknackt, einfach so. Ihr Mann lässt sich scheiden, nimmt die Kinder mit, ihr Leben ist zerstört. Doch nach der Haft macht sie weiter, lebt weiter. Keine erfundene Geschichte, aber schlicht und einfach und leider immer wieder so oder ähnlich passiert.

Heiko erwies sich als wahrer SoNochNie-Patriot. 99 Worte wollte er für seine Geschichten verwenden, so wie wir es für unser Jubiläum gewünscht hatten. Aber er warnte gleich: Er war mit seinen sechs Geschichten gescheitert, keine hatte 99 Worte. Das machte aber gar nichts, denn was er mal in 55, mal in 267 Worten zu erzählen hatte, war so komisch und absurd, dass niemand den Erbsenzähler hätte spielen wollen. Auch Heikos Texte gründeten in wahren Begebenheiten, handelten von Zimtschnecken, Käsekuchen, Missionierung auf Friedhöfen („Überall Schöpfung!“), Verschwörungstheorien und fortgeschrittener Navi-Legasthenie in Taxen (Taxis?).

Rosemarie, die nächste Debütantin des Abends, schöpfte den Stoff für ihre Gedichte ebenfalls aus dem Leben. Sie erzählte, wie der Untergang der DDR sie wohl dauerhaft so sehr aus der Fassung brachte, dass sie begann, Gedichte zu schreiben, aber ihre Handschrift später gar nicht mehr lesen konnte – eine eigene, eindrückliche Geschichte, die es wert wäre aufgeschrieben zu werden. Ihre Gedichte dieses Abends handelten von einem unerwünschten Kind und seiner Mutter und von einem Weltkriegsveteranen, der sich über die jungen Leute Gedanken macht, die freiwillig in den Dschihad ziehen. Und vom Vergehen der Zeit und der Dinge. Auch bei ihr wie bei manchen anderen Lesern des Abends zeigte sich das Publikum nicht gar so diskussionsfreudig – bei manchen aber doch.

Petra stellte uns einen Dinosaurier vor, dessen Herz tonnenschwer ist, dessen Hirn aber bloß die Größe einer Walnuss besitzt – und einen jungen Mann, der dieselben Eigenschaften zu haben scheint. Der eine heißt Brachiosaurus und ist hundert Millionen Jahre alt, der andere heißt Louis Philipe und ist siebzehn. Wie der jüngere der beiden, der lebendige, sein ungestümes Herz, das ihm ein Mädchen gebrochen hat, nicht mehr beherrschen kann und zur Gefahr wird, gar langsam zu einem echsenartigen Wesen, das in einem Vergnügungspark bei den Saurier-Nachbildungen lebt, wochenlang, monatelang, bis er dort einfach bleibt als Ausgestoßener, war sehr eindrücklich beschrieben und ein starkes Bild für ein zuweilen herrschendes Ungleichgewicht in Menschen.

Ein anderes Ungleichgewicht, das zwischen dem, was sein sollte und dem was sich im Kind abspielt, wenn eine Mutter mit dem Münchhausen-Stellverteter-Syndrom es zugrunde richtet, erzählte Matthias, auch zum ersten Mal bei SNN. Dieses Kind nämlich, „Der kleine Prinz“ fügte sich in die ihm zugewiesene Rolle, erhöhte seine Mutter zur Märchenkönigin, der er als Prinz zu dienen und die zu lieben er verpflichtet sei. Da trafen seine Perspektive und die, ganz andere, der Menschen, die seine Lage erkennen und ihm zu helfen versuchen, beklemmend aufeinander. Und auch er zog sich in den Wald zurück, verfolgt von vermeintlichen Feinden und sah nicht, wer wirklich sein Feind war.


Eine Wahl zum Themenbeauftragten fand diesmal ausnahmsweise nicht statt, denn am 27. Juni wird gefeiert! Die 99. Lesebühne wirft bereits ihr Licht voraus, wir stecken bereits tief in den Vorbereitungen für einen glanzvollen Abend der Literatur, der Kunst und der fröhlichen, gemeinsamen Rückschau auf über sieben Jahre SoNochNie. (Bleiben Sie dran, denn es wird hier bis dahin immer wieder Updates geben, und merken Sie den Termin für sich und alle Ihre Freunde vor! ) Wir sehen uns aber hoffentlich schon wieder am 23. Mai zur 98. Offenen Lesebühne im Zimmer 16 und freuen uns darauf, was die Mai-Themenbeauftragte Ulrike Warmuth zu „Schreibblockade“ vollbracht haben wird.

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3 Kommentare zu “Überall Schöpfung!

  1. Pingback: Überall Schöpfung! — So noch nie – Deutsch als Fremdsprache

  2. Pingback: Mein Beitrag zur Lesebühne „So noch nie“ am 25.4.2016 | andreamaluga

  3. Pingback: e-Letter Nr. 113 / Mai 2016 - Sigrid Engelbrecht

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