Das autonome Publikum

Als März-Themenbeauftragter durfte ich die Lesebühne eröffnen – nachdem Leovinus alle, die an diesem Ostermontag im Zimmer 16 versammelt waren, willkommen geheißen hatte. Zu dem zwei Monate zuvor ausgelosten Thema „Die Begleitung des Rauchers“ brachte ich keine Geschichte mit, sondern zwei sehr unterschiedliche, kürzere Texte. Der erste, eine Art Prosagedicht, ließ Cyanobakterien aus der Tiefsee für sich selbst sprechen, der zweite, eine Anekdote in der Tradition der erzählten Begebenheit, setzte sich mit den unerwarteten Gefahren des Passivrauchens in der Öffentlichkeit auseinander – und so seltsam das alles klingen mag, war es anscheinend auch! Denn der kurze, anerkennende Applaus nach dem ersten Beitrag verhinderte nicht, dass es von da an für längere Zeit ziemlich still wurde im Zimmer 16. Nach lebhaften Diskussionen schien der Runde nicht der Sinn zu stehen, bis fast zum Ende des Abends.

Über Ulrike Warmuths beklemmend intensive und intensiv beklemmende Erzählung einer albtraumhaften heimlichen Geburt im Kohlenkeller mit anschließender Entsorgung alles Hervorgebrachten in einer Mülltüte vermochte einfach keiner so direkt nach dem Vortrag zu reden – später dann schon, in der Pause, als sich die Anspannung löste. Es war ein Text, den sie vor drei Jahren als Themenbeauftragte schon einmal vorgestellt hatte, damals zum Thema „Keller“. Ihr kohlenstaubschwarzer und -glitzernder Text ist, und das lässt auf mehr von dieser kunstvollen Sprach- und Imaginationskraft hoffen, Teil eines umfangreicheren Projekts.

Ulrike hatte sich zwar schon vorab dafür entschuldigt, dass sie dem nachfolgenden Vorleser vermutlich keine Hochstimmung hinterlassen werde, insofern hatte Karsten Kalotzke es nicht leicht mit seinem Beitrag, doch dass seine Thailand-Erlebnisse, die er als Teil einer „Comedy-Show“ sogar mit einem waschechten Werbe-Aufsteller auf dem Lesetisch präsentierte, nicht zündeten, lag an seinem weitschweifigen, eben nicht pointierten Text und seinem wenig lebhaften Vortrag. Ab und zu gibt es auf einer offenen Lesebühne nun einmal Beiträge, die selbst dem geübt wohlwollenden Blick unseres Publikums nicht standhalten. Dass bei einem als „Comedy“ angekündigten Beitrag mehr als eine Viertelstunde niemand lacht, ist daher Urteil – und hoffentlich Ansporn – genug.

Es folgte Nico, der zweite SNN-Debütant des Abends, mit seinem humoristischen Text „Der autonome Patient“, und Achtung, inspiriert von einem zurückliegenden Lesebühnenbesuch! So wollen wir das eben auch – SoNochNie als Generator von Kreativität und als Arbeitsbühne, zum immer besser schreiben. Nico versuchte sich an der Geschichte eines – natürlich – unfreiwilligen Krankenhausaufenthaltes und dem dortigen, immensen Potenzial an Fehlleistungen, Peinlichkeiten und Kuriositäten, für die Nico durchaus einen wachen Blick hat. Wenn jemand, der soeben noch sediert war, unbedingt seine Autonomie demonstrieren will, geht eben einiges schief. Hier dürfte das Feedback der Zuhörer für eine Überarbeitung gute Tipps ergeben haben, um das Ganze erzählerisch wirkungsvoller zu machen.

Nun wurde Leovinus wieder als Losengel aktiv. Die Wahl des/der Mai-Themenbeauftragten zeigte: Niemand traut sich, außer Ulrike, auch wenn sie im Mai voraussichtlich nicht selbst wird lesen können. Und ihr erstes Zuschauer-Themenlos, das sie aber ablehnte („Prüfungen“) wollte sie, als sie das zweite dann nehmen musste („Schreibblockade“), wiederhaben – zu spät!

Fünfter und letzter Leser des Abends war Wolfgang Weber mit zweien seiner stets überraschenden Sprach- und Themenjonglagen. Der erste Text entwarf ein zwischen Apokalypse und Treibjagd angesiedeltes Landschaftspanorama rund um das Axel-Springer-Hochhaus, der zweite, „Blues von der U2“, klopfte, rasanter als die echte Bahn, sämtliche Stationen der beliebten U-Bahn-Linie auf Poesie- und sommerliche Saunatauglichkeit ab. Was wörtlich gemeint ist, denn er strukturierte seinen Vortrag auch mit einem „Chuck-Chuck“ genannten Klopfbügel für Schlagzeuger. Sauna oder Wolkenbruch – erfrischend war’s.


Leovinus entließ das Publikum, und ich schließe mich an, mit einem Hinweis auf unsere 99. Lesebühne, die wir am 27. Juni mit einer Sonderveranstaltung feiern. Schickt uns Texte, Fotos, alles was euch zu „99“ einfällt, worauf/worin man 99 erkennen kann, oder was aus 99 Worten besteht – wir präsentieren möglichst alles am 27. Juni.


Im April ist das Thema des erstmals Beauftragten Martin: „Wenn Störche husten“. Wir sind gespannt und erwarten euch am 25. 4. wieder um 20 Uhr im Zimmer 16!

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