Von Bäumen und der Schwierigkeit, bei Regen in der Heimat freundschaftliche Sozialkontakte mit Veteranen zu pflegen

Schönen guten Abend,

ich freue mich, dass Sie so zahlreich vor den Bildschirmen erschienen sind. Auch die Gäste im Saal grüße ich auf das Herzlichste.

Die 95.Lesebühne offenbarte sich in voller Stärke, denn nicht nur waren Saal und Gläser gut gefüllt, sondern auch die Liste der Lesenden. Volle sieben Literaten (nicht sieben volle!) traten an, um sich der Meinung des zumeist wohlwollenden Publikums zu stellen.

Da ich wieder sowohl die Ehre als auch das Vergnügen der Moderation hatte, hielt ich mich nicht lang mit Vorreden auf, sondern bat flott Oliver auf die Bühne, der als Themenbeauftragter „Noch mal davon gekommen“ war.

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Sieben kleine Texte beleuchteten die Vorgabe, durchweg tragisch, zumeist mit Anspielungen auf Ereignisse aus der Zeit der Naziherrschaft. Mir persönlich gefiel der Satz „Flugzeuge fallen wie Klaviere vom Himmel“ sehr, auch wenn er ob der Wahrscheinlichkeit fliegender Klaviere bemängelt wurde. Entsprechende Kritik beantwortete Oliver trocken und wahrheitsgemäß mit „In der Literatur ist das so.“

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Zweiter in der Runde war Robert. „Es regnet“ – zwar ein etwas trockener Titel – befasste sich zunächst mit dem Problem, Fakten könnten verwirrend sein, um in eine Traumsequenz zu münden, in welcher der Ich-Erzähler Robert sich durch-Pfützen-hüpfend gemeinsam mit einer jungen braunäugigen Frau im strömenden Regen wiederfindet. Gelobt wurde die plastische Schilderung der Ereignisse, von mir leicht bemängelt die fehlende emotionale Spannung zwischen den beiden Traum-Protagonisten.

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Es folgte ein weiterer alter Bekannter der Offenen Lesebühne, Wolfgang. Auch er zeigte sich naturverbunden, „Baum“ hieß sein Text. 13 Blöcke, die sich dem Phänomen von verschiedenen Seiten assoziativ nähern, in seiner einmaligen Art rhythmisch, musikalisch „fast wie Jazz“ vorgetragen, hat Wolfgang auch diesmal wieder etwas sehr eigenes, als Gesamt-Kunstwerk Begreifbares geboten, auch wenn es nicht jedermanns Geschmack sein mag. Mir gefallen Wolfgangs Vorträge von Mal zu Mal mehr.

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Vor der Pause wurde das Los mit Heikos Namen aus der Schüssel gezogen. Er unterhielt uns diesmal mit zwei Texten. Vor dem ersten warnte er, es sei mit Gesang zu rechnen. Ein Versprechen, das er bei dem mit „Sozialkontakte“ betitelten Kurzstück durch das beliebte Arbeiterlied „Wann wir schreiten Seit an Seit“ einlöste. Mein Lieblingssatz der Schilderung einer Begebenheit am Grabe des Armeegenerals Heinz Hoffmann ist übrigens „Die Sozialisten sterben nicht mehr.“

Geradezu melancholisch war Heikos zweiter Text „Der Korbsammler“, in dem der Erzähler mehr oder weniger freiwillig sich einen Korb nach dem anderen einhandelt, mit dem Plan, all diese im Alter zu verkaufen – „Korbwaren von Frauenhand“.

Nach der wohlverdienten Pause kam es zur Wahl des Themenbeauftragten für den Monat April. Freundlicherweise enthob mich Martin der Last, auf der Florastraße nach Freiwilligen zu suchen und erklärte sich per Losverfahren bereit, das Thema „Wenn Störche husten“ zu bearbeiten, nachdem er „Sing mei Sachse, sing“ abgelehnt hatte.

Der bunte Strauß der nicht gezogenen Alternativen „Oachkatzerlschweif / Still und leise / Scherzkeks / Dein Schön ist mein Schön / Haus der Sinne / Katzenvideos / Erziehung / Strandgut / Reisegenuss / Adlerohr / Nordpol“ möge anderen als Inspiration dienen.

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Petra war die nächste Lesende. Schlicht „Heimat“ betitelt und als Zwiegespräch mit dem Aleph  verarbeitet, setze Petra so unterschiedliche Akzente wie es das Thema nur hergeben kann. Am intensivsten diskutiert wurde hinterher ihre Unterscheidung in „Mammutbaum-Menschen“ und „Minze-Menschen“, die vor allem in der Art ihrer Verwurzelung mit der Heimat differieren. So schloss sich eine Verbindung zu Wolfgangs „Baum“-Text, um am Ende aber doch zu fragen, ob Heimat wirklich vor allem durch die Sprache definiert wird, die man von der Mutter gelernt hat.

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Gleich drei Generationen umfasste Franks Geschichte „Veteranentreffen“. Ein Großvater, sich vom Enkel verraten fühlend, weil dieser unliebsame Wahrheiten über ihn, seinen Militär-Beruf und seine Familie im Internet verbreitet hat, will sich fortan weigern, mit diesem zu sprechen. Eine etwas größere „Männer-Miniatur“, für deren präziser Charakter-Darstellung Frank vom Publikum sehr gelobt wurde. Zu Recht, wie ich finde.

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Den etwas ungewöhnlichen Abschluss bildete eine Kindergeschichte von Angela über Freundschaft und einiges mehr. Dem Erwachsenen mag es an Spannung gefehlt haben, für die avisierte Zielgruppe ist sie mit Sicherheit genau richtig abenteuerlich.

Gegen 23 Uhr endete die 95. Lesebühne. Das Publikum zerstreute sich in alle Winde. Entlassen wurde es mit einer Erinnerung: Am 27.Juni feiern wir mit Pomp und Posaunen unsere 99. Offene Lesebühne SoNochNie. 100 kann schließlich jeder. Wer sich aktiv daran beteiligen möchte, ist ab sofort dazu aufgerufen, die Zahl 99 entweder bildnerisch – bevorzugt per Foto – oder aber mittels eines 99 Worte umfassenden Literaturstück (zu beliebigem Thema) darzustellen. Die per Mail/Facebook/Brieftaube eingereichten Werke werden bei der Jubiläumsfeier gebührend präsentiert. Wir freuen uns über zahlreiche Kreationen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen noch einen schönen Abend und freu mich auf den 28.März, wenn es heißt: Bühne frei für den Themenbeauftragten Michael Wäser und „Die Begleitung des Rauchers“.

Leovinus.

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