Der Sprengmeister wird uns was hüsteln

S0032021Was für ein Jahresauftakt! Acht Autoren stürmten die Bühne der 94. Offenen Lesebühne SoNochNie. Leovinus, der den Abend moderierte, outete sich zugleich als Themenbeauftragter und ließ seinen Nachbarn kurz und knapp durch drei Gedichte hüsteln. Streng Haiku-klassisch im ersten mit fünf–sieben–fünf Silben, ich glaube, ich darf das hier zitieren, bevor es in die Lehrbücher unserer Kinder eingeht:

Durch dünne Wände                                                                                                        das Hüsteln des Nachbarn,                                                                                              der Winter dauert.

Limerick und Sonett umkreisten zur allgemeinen Erheiterung selbiges Thema, und die Frage kam auf, ob sich Leovinus nun das ganze Jahr mit seinem erkälteten Mitbewohner herumschlagen wolle und so vielleicht gar ein Hustenbonbonhersteller als Sponsor für die Offene Lesebühne zu gewinnen wäre.

S0052037aDas erste Los trug meinen Namen, also schilderte ich, Angela, als zweite Lesende des Abends, Ursachen und Folgen eines Unfalls, der keiner war, jedenfalls nicht ausschließlich. Das Publikum ließ sich offenbar von der Spannungsfrage Warum nicht? mitnehmen und befand meine Geschichte für ideenreich und ziemlich rund.

S0112088Monique saß zum ersten Mal auf unserer Bühne und bot in süffiger Sprache drei Fragmente einer Kurzgeschichte, die sich allesamt um Madeleine drehten, die wiederum in einem Territorialkonflikt mit einem gewissen Lennart (und eventuell auch Männern im Allgemeinen) feststeckte, aber Willens war, sich daraus zu befreien. Das Ende lässt uns zumindest für sie hoffen. Vielleicht hören wir irgendwann mehr davon.

S0142109Vor der Pause erfreute uns Petra mit einem weiteren Einblick in ihre surrealen Fantasien. Ein Beamter, der ein Lastenfahrrad samt zugehörigem Mädchen beschlagnahmt, weil auf dem Gefährt folgende Losung steht: Die Blockade unbedingt sprengen! So was gehört bestraft, da hilft alles Schrumpfen nix! Zum Glück bringt der Sprengmeister und wahre Besitzer des Rades schlussendlich sämtliche Blockaden zum Einsturz und das Mädchen zurück in die Arme seiner Mutter. Größe ist eine Frage der Anerkennung, lernen wir.

S0192144Unter dem Titel Das Trugbild setzte sich nach der Pause auch Gerhard mit einem Unfall auseinander. Leo trägt seit Kindertagen an einer schweren Schuld, hat er doch Feuerwerkszeug in eine Wohnung geworfen und dadurch einen Brand ausgelöst, bei dem ein kleines Kind starb. Nach seinem Unfall auf Kreta glaubt er, in der Klinik die Mutter des Kindes wiederzuerkennen, beichtet ihr sein quälendes Geheimnis und wird mit einem Kopfnicken endlich losgesprochen. Wirkungsvoller hätte das kein Therapeut hinbekommen. Was spielt es da noch für eine Rolle, dass Kopfnicken im Griechischen Nein bedeutet?

Wahlzeit. Als sich trotz Bitten, Drängen und Drohen kein freiwilliger Themenbeauftragter für den März fand, erklärte sich Michael wieder einmal bereit dazu, danke, Michael! Das Thema Revolution war dir vielleicht zu wenig subtil, jedenfalls musst du dich nun um die Begleitung des Rauchers kümmern. Ich bin sicher, du wirst uns auf ganzer Linie überraschen.                                                                                       Falls sonst noch jemand eine Anregung für seinen nächsten Text sucht, fasse ich hier die Erträge der übrigen Themenzettel zusammen:                                                      Schlaflos zwischen den Stühlen versucht Lolita, die Apfeltasche, Worte zu pressen, doch der kausale Zusammenhang zwischen Bierpinsel, dementer Gürtelschnalle und Ameisenpisse reicht höchstens für ein Gedicht ohne Titel.

S0262252Im Anschluss bot Wolfgang uns eine Performance der Abkürzungen. Der LBG RFR (Lauenburger Rufer), eine Bronzestatue aus den späten 50ern, beamt sich vom Ufer der Elbe, wo er Johnny Lytles The Village Caller hört, nach NKLN (Neukölln), ruft dort mit Jana und Wolf den Rap der Wildnis aus und springt weiter nach Alaska zu Jack London. Mit hohem Tempo entführte Wolfgang uns in sein Universum assoziativer Bezüge, und Michael befand: „Hier sitzt der Sprengmeister persönlich am Tisch.“

S0302291Marcel verweigerte 19jährig den Bund mit der Begründung, er könne kein Blut sehen und landete folgerichtig als Zivi auf der Inneren eines Krankenhauses, wo er weit mehr zu sehen bekam als nur ein bisschen Blut. Heute, doppelt so alt, befreit er sich schreibend von Bildern mit komischem Reiz und solchen, die man lieber auf keiner Festplatte gespeichert haben möchte, schon gar nicht im eigenen Kopf. Das alles in knapper, pointierter Sprache und nie auf Kosten seiner ehemaligen Patienten.

S0352325Zuletzt erheiterte uns Robert mit einem kurzen Intermezzo als Fernbedienung eines Rentners, der altersgerecht am ersten Programm klebt, während seine beingelähmte Fernbedienung auf die Simpsons steht. Zur ersehnten Rache kommt es nur im Geiste, und so lassen wir uns nach reichlich Applaus von tragikomischen Empfindungen erst an die Bar und dann auf die Nachtschweiß ausdünstende Straße hinausspülen – was für ein Abend!

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2 Kommentare zu “Der Sprengmeister wird uns was hüsteln

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