Wir nehmen uns in Kauf

Zum Jahresende machten wir es kurz: Drei Vortragende zählte die letzte Offene Lesebühne des Jahres im Zimmer 16, die Nummer 93 in der ewigen Liste von SNN. Drei extrem unterschiedliche* Texte wurden gelesen und besprochen, was wieder einmal beweist, wie vielseitig es zugeht bei SoNochNie.

*LYRIK: Elegant eingeführt von unserem diesmaligen Conférencier Leovinus, gab Oliver Issel sein Debüt als Themenbeauftragter. Dafür schon gebührt ihm Lob und Dank. Er stellte zu dem für ihn ausgelosten Thema „Suchen & finden, Nähe & Distanz“ ein Gedicht vor, das, wie man so sagt, am Rand der Gesellschaft angesiedelt war, der sich doch mittendrin befindet: „Die Puffstraße“. Es erinnerte an die schwerfälligen Gedanken, die sich einer am Morgen nach dem Besuch derselben machen könnte, mühsam Erinnerungsstücke aufklaubend, Augenblicke auf der Straße, Beobachtung von Huren und Zuhältern, billigen Papierlampions in noch billigeren Zimmern. Seine Sprachbilder machten dennoch das Geschehen lebendig, unter einem Schleier aus Melancholie, oder bloß Restalkohol? Den „russischen Grobianen“, die den „Verkehr regeln“, dürften solche Unterscheidungen egal, den Geschäftsparteien, die sich „in Kauf nehmen“, der jeweils nächste Verkaufsvorgang wichtiger sein, doch die Gefahr, „aus der Bahn geworfen“ zu werden, ist bei aller Routine präsent. Wir bedanken uns beim Themenbeauftragten des Dezember!

*SATIRE: Heiko Heller beehrte uns endlich einmal wieder, und er ließ uns humoristisch an einer Einladung teilhaben, die ihn zu einer Party führte, allerdings unter der Bedingung der Einladenden, dass er bitteschön nicht so sein solle, wie er immer ist. Eine Herausforderung für ein, und das ist als Kompliment gemeint, Schandmaul wie ihn. Da er sich aber wohl, größtenteils, an die Auflagen („das Schweigegelübde“)  gehalten hat, konnte er von peinlich-überheblichem Partygelaber berichten, dem er nicht mehr aus dem Weg gehen konnte, nachdem er noch möglichst lange mit den Kindern des Hauses herumgebalgt hatte. Als dann aber vor Selbstdisziplin die Zunge blutig gebissen war, musste doch die eine oder andere Bemerkung entweichen und die Entscheidung, die Party zu verlassen, stellte wohl für alle Beteiligten eine Entspannung dar. Und für den Erzähler auf dem Heimweg die Erkenntnis, dass er so, wie er ist, doch ganz in Ordung ist.

*PROSA: Ich las den letzten Text des Abends, wieder einen Ausschnitt aus einem neuen Projekt. Es ging um einen Jugendlichen in einem saarländischen Dorf in den Siebzigern, der mit geklautem Geld eine Armbanduhr kaufen will, dabei zuerst ein paar Nachbarsjungen bei einer schmerzvollen Aktion stört und dann den Uhrmacher in Bedrängnis bringt. Kein angenehmer Zeitgenosse, dieser Junge, und der Erzähler, der davon berichtet, scheint keine allzu große Distanz zu ihm zu haben. Es ist sprachlich ein Wagnis, eine umfangreiche Geschichte so zu erzählen, und das Feedback aus dem Publikum war einmal mehr hilfreich!

Abschließend wurde der Themenbeauftragte des Februar ausgeguckt – und tatsächlich erklärte sich Oliver wieder bereit – Danke schön. Aus den Themenwunschzetteln wurde erst „Altersvorsorge“ gezogen, was Oliver aber ablehnte und somit den nächsten annehmen musste: „Gerade noch davongekommen“ passte in dieser Situation. Wir sind gespannt auf den Februar! (Wer noch Anregungen für eigene Geschichten braucht, darf sich wieder bei den übriggebliebenen Themenvorschlägen bedienen: Edelweiß, JOY DIVISION, Wasserschaden, Kreissäge)

Wir wünschen allen einen guten Rutsch (Gastgeber Stefan meinte, das kommt von „Chutzpe“, was so viel wie „Mumm“,  „Mut“ heißt, und davon kann man ja nie genug haben), und freuen uns auf die nächste Lesebühne am 25. Januar 2016. Das Thema des Januar-Themenbeauftragten Leovinus wird sein: „Das Hüsteln des Nachbarn“ – Gesundheit!

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