Petra Lohan: Als der junge Inder Singh ausgerechnet den November in seine Geschichte einbrachte

Auszug aus der Geschichte der Themenbeauftragten des November 2015, Petra Lohan

Umgurtet mit einem Sandelholzkasten, dessen Inneres eine Seidenrolle beherbergte, deren Anfang an einem Pfosten seines Elternhauses im Süden Indiens befestigt war, reiste der Inder Singh von seiner Heimatstadt aus nach Berlin.

Er beschloß, den Landweg zu nehmen und sich seinem Ziel nur langsam zu nähern.
Niemals wollte er auf die sanften Übergänge der Sprachen und Kulturen verzichten, denen er unterwegs begegnen konnte.
Er wollte schmecken, wie der Tee sich vom indischen Nelken-Gewürztee in den persischen Kardamon- und später dann in den arabischen Zimttee verwandelte.
Er wollte selbst sehen, wie sich die grellen Farben indischer Gewürze und Stoffe beruhigten und weicher wurden, wenn er sich gebirgigen Gegenden näherte.
Auch die Schärfe der Gerichte von Indien über Pakistan bis in die Türkei ließ etwas nach, und selbst die Farben verloren an Kraft.
Dies alles wollte er schmecken, in sich aufnehmen und in die klare Schönheit der Mathematik übersetzen.

zurückgelassen hatte er eine behütete Zeit als jüngster Sproß einer wohlhabenden Familie und ein Umfeld, dem es nicht gelang, ihn wirklich ernst zu nehmen.
Sie mochten ihn, aber sie verstanden ihn nicht, verstanden nicht seine große Leidenschaft für die Mathematik und die an Wahnsinn grenzende Manie, mit der er, seit er Zahlen kannte, Dinge, die ihn umgaben, darin auszudrücken versuchte.
Man ließ ihn gewähren, weil es nicht anders ging, und weil man dachte, daß Singh sowieso für nichts anderes zu gebrauchen wäre.
So erreichte er im Auffinden der Formeln einen solchen Grad der Vervollkommnung, daß er nur die Augen zu schließen brauchte, und vor seinem Geist entstand genau der Gegenstand, für den er die Formel erdacht hatte.
Als er älter wurde, nahm er die Sinneseindrücke hinzu. Am liebsten schlenderte er über den Markt und überließ sich ganz den Düften der Gewürze, der Kräuter, der Lebensmittel, der Seifen und Parfums, die von allen Seiten in ihn eindrangen; später dann, am Abend, berechnete er ihre Eigenschaften und sortierte sie in sein System ein.
Schon lange war Singh ein Student der Naturwissenschaften, als er einsah, daß dieses System zu komplex geworden war und unbedingt einer Auffrischung bedurfte.
Und so beschloß er, sein Studium an einem Ort fortzusetzen, der seiner Geburtsstadt möglichst wenig ähnelte, und es gelang ihm, durch geschäftliche Beziehungen, die seine Eltern in Berlin hatten, eines der beliebten Stipendien in einer europäischen Hauptstadt zu ergattern.

In Berlin angekommen, ging alles sehr schnell:
Als folgte er einer gewissen Logik, fand er ein paar Tage schon nach seiner Ankunft ein Zimmer in einer Pension am Stadtrand von Berlin, schrieb sich in der Universität ein und setzte sein Studium fort.
Den Sandelholzkasten hatte er ins Regal gestellt, da er ihn nun als hinderlich empfand.
Es war Frühling in Berlin und das Leben war leicht. Wie selbstverständlich versammelte sich alsbald eine Gruppe junger Mathematiker um ihn, die sein Genie erkannten und von seiner Methode, alle Gegenstände und Sinneseindrücke in Zahlen und Formeln zu übersetzen, fasziniert waren.
Alles schien seinen Gang zu gehen, als habe er sein vorheriges Umfeld lediglich umgetauscht, und er erfreute sich an der größeren Aufmerksamkeit, die er hier genoß.

Doch allmählich, als es langsam kühler wurde, die Blätter an den Bäumen sich gelb und rot verfärbten, da bemerkte er eine Stimmung, die er so nicht kannte, die er aber bei sich selbst und auch bei einigen seiner Kommilitonen beobachten konnte:
Das Lachen wurde verhaltener, die Menschen zogen sich zurück.
Auch er selbst ging nicht mehr so oft zur Universität, das Aufstehen fiel ihm zusehends schwerer.

Nasskalt durchzog es schließlich die Ritzen seines Zimmers, als es November geworden war.
Die Tapeten, die einmal, vermutlich in den 70ern des vorigen Jahrhunderts, der ganze Stolz der Besitzerin der kleinen Pension gewesen waren, fielen schon von den Wänden ab und ließen die Geschmäcker der Vorgänger zum Vorschein kommen.
Die allererste Farbe ließ sich jedenfalls nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Vielleicht war es ja tatsächlich weiß gewesen.
Das war Singh in seiner ersten Zeit nicht aufgefallen. Erst jetzt, zusammen mit der Kälte nahm er auch die Hässlichkeit seiner neuen Heimatstadt wahr.
Erschrocken stellte er fest, daß die Tage allmählich kürzer wurden, ja, daß von Tag zu Tag mehr Sonnenlicht entzogen wurde, der Himmel von einem schrecklich eintönigen Grau war, so eintönig, daß man nicht einmal ein klitzekleines Wölkchen vermuten konnte, ein Himmel, der sich in seiner bleiernen Schwere über alles legte, Kopfschmerzen und schlechte Laune verursachte und über Wochen lang nicht die geringste Veränderung versprach.

Es gelang ihm weder, die diffusen Weiß-Töne der Wände seines Zimmers, noch die Grautöne des Himmels zu berechnen: so wenig Kontur ließ sich ausmachen.
In Decken gehüllt saß er in einer Ecke seines Zimmers und dachte nach.
Versuchte Verbindungen zu den Formeln herzustellen, die er aus seiner Heimat und von seiner Reise mitgebracht hatte, doch es gelang ihm nicht.
Versuchte, mit seiner Mutter zu telefonieren, doch die Verbindung war zu schlecht, als daß sich ein anregendes oder tröstendes Gespräch ergeben hätte.
Er, dem es während seiner Reise auf der alten Seidenstraße gelungen war, nur anhand der Gewichtabnahme der Seidenrolle und seiner Formelsammlung, herauszufinden, wie der Tee schmeckte, den er sich 500 km später in der nächsten Großstadt bestellen würde, war nicht mehr in der Lage, eine Formel für die Farbe der Wand seines Zimmers zu berechnen.

Da der Ausgangspunkt sämtlicher Berechnungen seine ersten Formeln für die heimischen Gerüche und Farben darstellte, verspürte er eine Verbundenheit nach Hause, solange er die Dinge noch berechnen konnte.
Doch jetzt, als es November wurde, gelang es ihm nicht, diesen Faden, wieder aufzunehmen.
Deprimiert wartete er ab. Nur sehr widerwillig besuchte er die Universität – aber das schien niemandem aufzufallen; es lag überall diese Stimmung in der Luft, die machte, dass das Leben weniger draußen stattfand, sondern mehr in den Häusern, mehr im Verborgenen.
Auch seine Bewegungen fielen ihm schwerer.
Wie ermattet ergab er sich den Gegebenheiten. Wenn sein Erschöpfungszustand zu groß wurde, geschah es manchmal, dass er Stimmen vernahm. Wehklagende Stimmen, deren Sprache er nicht verstand. Aber in ihrer Dringlichkeit und ihrem Leid fraßen die Stimmen sich in seine Seele und nahmen von ihm Besitz.
Es ließ erst wieder nach, wenn er sich zwang, etwas zu tun – dann ging er nach draußen, begab sich in die Universität, tat so, als sei alles in Ordnung.
Nur nachts, wenn er sich niederlegte um zu schlafen, da hörte er sie wieder, versuchte zu verstehen, woran sie so sehr litten.
Erst im Januar, als die Tage wieder deutlich länger wurden, ließen ihn die Stimmen los und er konnte sich mit neuer Kraft seinem Studium widmen.
Übers Jahr vergaß er die Stimmen.
Wie besessen arbeitete er an etwas, das er die „ Berechnung aller Dinge“ nannte und verdiente seinen Lebensunterhalt jetzt als Dozent für außergewöhnliche mathematische Studien.
Und tatsächlich hatte er, auch mit Hilfe anderer Studenten, ein unglaubliches System erschaffen, das beständig wuchs und dessen Ende niemals erreicht sein würde.
Trotz der vielen Helfer, die ihm Informationen zutrugen und ihn unterstützten, wußte er, dass er der einzige war, der die Sensitivität besaß, die Dinge zu erspüren und sie gleichzeitig in ihren feinen Unterschieden in mathematischen Gleichungen darzustellen.
Und so füllte er den Großteil seiner Zeit mit Arbeit.

Erst, als es wieder November wurde, da überfiel ihn die Stimmung des vorangegangenen Novembers, diesmal mit noch größerer Wucht, quälten ihn die Stimmen der Leidenden und ihre Klagelaute suchten ihn sowohl nachts im Schlaf, als auch tagsüber heim, so sehr, dass er niemals genügend ausgeruht war und in eine immer noch größere Lethargie verfiel.
Andere Geräusche mengten sich dazu:
Zerspringendes Glas, Gegenstände, die hart aufeinander schlugen – dann der Geruch von Feuer. Verbranntes Fleisch. Gleich denen, die dies alles erlebten fühlte auch er sich gemartert. Bilder drängten sich ihm auf, die er lieber nicht sehen wollte, die er nur mit der allergrößten Kraftanstrengung wieder von sich stieß.
Allmählich versank er selbst in dem Leiden, welches er an den anderen erspürte.
Von diesem November erholte er sich nur sehr langsam.
Er erledigte gerade das nötigste, und es war schon Frühling, als es seinen Kommilitonen gelang, ihn zur Weiterarbeit zu überreden. Nur mühsam leistete er ihren Bitten Folge, und selbst, als er seinen alten Rhythmus wieder aufgenommen hatte, fand er nicht mehr in die Leichtigkeit zurück, mit der er früher mathematische Beschreibungen für die Beschaffenheit aller Gegenstände und ihrer sinnlichen Äußerungen gefunden hatte.
Zäh kam ihm nun seine Arbeit an der „Berechnung aller Dinge“ vor, aber er blieb dabei, das Frühjahr hindurch und auch den Sommer.
Schon im Spätsommer befiel ihn die Angst vor dem, was ihn im November erwartete und er überlegte, welche Vorkehrungen er treffen könnte.
Aber schon die leise Ahnung der Stimmen und der Angstschreie, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren und er verfiel schon vorzeitig in eine Passivität, die alles noch verschlimmerte.
Tatsächlich war im November alles wie zuvor.
Ungeahnter Schrecken der Jahrhunderte brach über ihn herein, verschonte nicht seine Nächte und nicht seine Tage. Schweißüberströmt quälte er sich morgens aus dem Bett. Er nahm gerade so viel Nahrung auf, wie notwendig war, aber schon gelang es ihm nicht mehr, seine morgendlichen Waschungen vorzunehmen, oder sich zu rasieren. Den Tag über verbrachte er im Morgenmantel, das Essen ließ er sich liefern.
Trotzdem die Heimsuchungen durch jene unheilvollen Stimmen, Geräusche und Bilder nichts von ihrer Heftigkeit verloren hatten, gelang es ihm nun, Unterschiede auszumachen. Es gab Schreie und Ereignisse, die lagen schon viele hundert Jahre zurück, andere waren noch nicht so alt.
Er stellte Veränderungen in der Sprache fest die ihn sehr faszinierten, was ihn vorübergehend aus der Depression herausriss.
In einem solchen Moment geschah es, dass er einen einzelnen Schrei hörte, einen Schrei, der sich so laut in seinem unsäglichen Schmerz durch alles hindurchstieß, einen unerträglich langen und schrillen Schrei nach Erlösung, dass Singh auf einem Schlag klar wurde:
Der November mußte weg.
Er mußte vollständig eliminiert werden, nicht nur aus seinem Leben, sondern auch aus dem Leben aller anderen Menschen – alle zukünftigen November und alle November der Vergangenheit.
Der November ein für allemal weg aus der Geschichte und weg aus den Köpfen der Menschen.

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