Leicht macht es der Nebelmond nie

Die Überraschung ist unserer Themenbeauftragten Petra Lohan gelungen: „Der November in der Geschichte“ war ihr Thema, und was auch immer man da nun erwarten mochte, konnte nur meilenweit von dem entfernt sein, was sie als erste Leserin des Abends vortrug. Sie hatte nur ein Leerzeichen gelöscht und einen Buchstaben groß geschrieben, und so hieß ihr Text: „Der November Inder Geschichte“, und all das kam auch vor in ihrer eigentümlichen, mit behutsamer, aber permanenter Spannung sich entwickelnder Geschichte um ein indisches Mathematik-Genie, welches in der Lage ist, alle Sinneseindrücke und Gegenstände mit mathematischen Formeln zu beschreiben. Um diese seine einzigartige Fähigkeit weiterzuentwickeln sucht er Distanz, die er in der Ferne, in Berlin, findet, wo er ein Studium beginnt und bald zu einem Star der Mathematik und Dozenten mit eigenem Thema wird – „Die Berechnung aller Dinge“. Doch der berüchtigte Berliner November-Blues ereilt auch ihn, und immer stärker, von Jahr zu Jahr, so sehr, dass er nicht mehr richtig leben, geschweige denn arbeiten kann, denn er wird „empfindungsblind“ und verstummt, nur den immer aufdringlicheren Stimmen in seinem Innern ausgeliefert. Doch er wehrt sich, zusammen mit seinen Studenten, gründet ein „Insitut zur Eliminierung des November“, erfolglos. Erst seine Heimkehr bringt ihm die Lösung und die Erkenntnis, dass seine Lösung zwar korrekt, aber undurchführbar ist. Phantasievoller und philosophischer kann man sich wohl kaum mit so einem Thema befassen.

Frank Georg Schlosser schickte seinen Romanhelden, den Richter Klaus Morgenthaler, auf die Suche nach einem gerichtlichen Gutachter für Geister-Angelegenheiten – auch nicht gerade das Alltäglichste von der Welt, zumal es dabei um verschwundene Personen, mutmaßlich Ermordete geht, und der Angeklagte alle Schuld auf längst Verblichene schiebt, die als Geister ihr sprichwörtliches Unwesen treiben. Der Sachverständige, ein Psychologe und, ich nenne ihn einfach mal „Spritist“ und Fachmann für (Familien- usw.) Aufstellungen, soll Licht in die dunklen Vermutungen bringen, sträubt sich aber, bis der bittende Richter quasi sein Innerstes nach außen kehrt. Wir waren uns wohl ziemlich einig, dass wir auf diese Aufstellung alle sehr gespannt sind!

Nun las ich selbst die ersten Seiten eines neuen Roman-Projekts und war selbst gespannt, was das denn nun würde. Eine Zumutung auf jeden Fall, mal wieder, weil es um Unzumutbares ging, schlimme Andeutungen und noch schlimmere Durchführungen in einem nicht näher benannten Dorf in den Siebziger Jahren, erzählt von einem, der selbst vielleicht nicht zumutbar ist, und, das war mein Plan, vielleicht würde ich ja hören, ob man so eine Stimme/Sprache überhaupt länger als ein paar Seiten hören/lesen möchte. Ernsthaften Widerspruch bekam ich darauf nicht, stattdessen etwas Bestätigung und, mehrheitlich, Schweigen. Ich hoffe nur, das Schweigen erwuchs nicht aus blankem Entsetzen dem literarischen Vorhaben gegenüber …

Leovinus, Moderator der ersten Hälfte, ließ sich nun auch noch von Stefan, Moderator der zweiten Hälfte, dazu überreden, im Januar Themenbeauftragter zu sein – Danke, ihr beiden! Leovinus lehnte das erste Los „Adelsgeschlecht“ ab und musste das zweite nehmen: „Das Hüsteln des Nachbarn“ – na dann mal los, Leo!

Angela Bernhardt trug eine taufrische Kinder-Adventgeschichte vor, die sie für eine Kalender-Geschichtensammlung verfasst hat. Darin geht es um eine Familie auf dem Land, die jedes Jahr eine ausländische Familie zu Weihnachten einlädt, diesmal eine indische. Da aber deren weihnachtlicher Brauch (es gibt nicht wenige Christen in Indien) darin besteht, dem Vater eine Zitrone zu schenken, müssen sich die versammelten Kinder einiges einfallen lassen, denn es gibt weit und breit keine mehr – außer im Gesicht eines schwer bewachten Schneemanns. Die Story kam gut an, Angela bekam auch noch den einen oder anderen kleinen Vorschlag, und so freuten sich alle, so wie das zu Weihnachten auch sein soll.

Ein SNN-Debütant beschloss den Abend: Frank Freitag hatte sich ebenfalls das Beauftragtenthema vorgenommen und ein Gedicht verfasst: Der November in der Geschichte. Da hatte er grob geschätzt von der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart des November 2015 alles recherchiert, was so dem November zugerechnet oder sich in ihm zugetragen hat im Laufe der Historie unseres Planeten. Präsentiert hat Frank es in Form von Reimen, die sich nicht wirklich an die strenge Kandare nehmen lassen wollten, aber hier stand eindeutig der Inhalt und Franks humorvoller Blick darauf im Vordergrund. Auch wenn er die dunklen Novemberereignisse der Vergangenheit und Gegenwart nicht aussparte („Leicht macht es der Nebelmond nie.“) Er hängte, weil unsere 15-min-Sanduhr noch Sand über hatte, noch ein kurzes Gedicht über einen, heute sagt man wohl: kiss-fail dazu, wo es zwischen dem Paar, das sich doch eigentlich mag, dennoch nicht zum ersten Kuss kommt. Charmant, leicht, naiv, und wahrscheinlich so oder ähnlich von jedem schon einmal erlebt.


Bleibt noch der Aufruf zu zwei wichtigen Ereignissen im Dezember:

  • am 17. Dez. um 19.30 liest das SNN-Kernteam wieder in der Janusz-Korzcak-Bibliothek Pankow. Wir freuen uns auf zahlreiche Zuhörer und auf die Geschichten und Texte rund um das Motto des Abends: „wohin“.
  • am 28. Dez. um 20 Uhr steigt die letzte Offene Lesebühne des Jahres, SoNochNie im Zimmer 16 – wir sehen uns!

 

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