Ich bin X Lesebühnen

Ritter Hafenstein, der Themenbeauftragte des September

Ritter Hafenstein, Themenbeauftragter des September

Wie soll man über so einen Abend schreiben? Einen Abend? Vier, fünf Abende waren das, vielleicht mehr, eine multiple Persönlichkeit mit akutem Kontrollverlust über ihre Teile. Am besten fange ich einfach an, schön der Reihe nach.

S0040757Als erstes fiel auf, noch bevor es losging: Das Verhältnis von Schreibenden zu lediglich Literaturinteressierten zeigte eine Schlagseite zugunsten der Schreibenden, zumal von denen nicht alle auch am Lesetisch Platz nahmen/nehmen konnten. Der Werkstattcharakter von SoNochNie eben. Vielleicht hatte das Einfluss auf den Verlauf dieses Abends. Als unser Gastgeber Stefan dann das Lesen eröffnen wollte, musste er mit einer Enttäuschung beginnen, denn der vor zwei Monaten gekürte Themenbeauftragte Ritter Hafenstein fehlte unentschuldigt. Sein Text zum Thema „Höllenschlund“ blieb, sofern es ihn denn überhaupt gibt, folglich ungehört und unbesprochen. Das gibt einen Eintrag ins Klassenbuch.

S0090779So entschied nicht die gute Tradition, sondern das Los, wer den Leseabend eröffnen würde, und das fiel auf Angela Bernhardt, Mitbegründerin von SoNochNie, Kinderbuchautorin und bekennende Kurzgeschichten-Liebhaberin. Sie präsentierte mit „Gebirgskind“ einmal mehr ein Wagnis von einem Text, denn er verband zwei Perspektiven einer Begegnung zweier Frauen, jeweils von innen und außen, also vier Perspektiven. Die beiden Frauen unterscheiden sich in Alter, Lebens- und aktueller Situation außerordentlich, und was das innerlich und äußerlich bei ihrer zufälligen Begegnung auslöst, war einerseits komplex und widersprüchlich, von Missverständnissen und Mutmaßungen geprägt, andererseits führte es die beiden zusammen, und zwar weit tiefgreifender als sie, und auch wir, erwarteten. Chapeau! (Angela präsentiert übrigens am 9. Oktober ihren „Wutsch“ in der preisgekrönten Pankower Kinderbuchhandlung Buchsegler. Die multiple Lesebühnen/Publikumspersönlichkeit an dieser Stelle: der unterkühlte Skeptiker, der innerlich noch mit gaaaanz wichtigen Dingen beschäftigt ist. Nennen wir ihn Dr. Nickwald)

S0100789Martin, SNN-Debütant, las aus einem Romanprojekt, das um die Protagonistin „Dorothea“ kreist und eine weite Strecke der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts berührt. Die Passage, die er vortrug, spielte nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin, Dorothea arbeitet als junge Frau bei Aschinger und hat mit ihrem Vater etwas sehr wichtiges zu besprechen. Der scheint jedoch wenig umgänglich zu sein, und so träumt sie, während sie sich in ihrem winzigen Zimmer umsieht und wir dessen schäbige Einrichtung detailliert geschildert bekommen, dieses klärende Gespräch lieber, als es tatsächlich zu führen. Doch bevor selbst dieses erträumte Ereignis stattfinden kann, erwacht Dorothea. Für Martin stellte die Behandlung eines Traumes in der Literatur, wie er sagte, eine grundsätzliche Frage dar. Das sahen nicht alle so, auch ich nicht, aber letztlich kommt es ja darauf an, wie er das geschrieben hat. Und das war plastisch und mit spürbarem Gefühl für den sprachlichen Ausdruck, manchen etwas zu detailversessen. Wir sind gespannt auf den ganzen Roman, Martin! (Lesebühnenpersönlichkeit: Morgenmuffel Jutta, die um neun Uhr abends langsam wach wird, aber noch einen Kaffee braucht)

S0140826Petra beehrte uns endlich wieder einmal, und zwar mit der ebenfalls doppel-perspektivischen Story „Schön kross“. Eine Frau und einen Mann verbindet eine lange zurückliegende Liebesgeschichte, die von ihm damit beendet wurde, dass er sein altes Auto mitten auf einem hässlichen Platz zur Explosion bringt und den Platz damit (zum Glück für die Stadt) neubaubedürftig macht, den Rauch aber auch nutzt, um sich aus dem Staub zu machen. Doch beide lässt die alte Verbindung nicht los, und so begegnen sie sich – sie mittlerweile mit Mann und Kind (?) – er mit neuer Identität – eines Nachts an eben diesem Platz wieder. Und nun lassen sie beide ihre jeweiligen Leben hinter sich und werden wieder ein Paar. Das ganze aus der Rückschau und jeweils subjektiver Perspektive erzählt, eine Herausforderung, aber der Kniff erlaubte ihr, die Spannung zum finalen Ereignis hin aufzubauen und zu halten. Ein mögliches weiteres Verbrechen des Mannes in diesem Zusammenhang will Petra nur als Gedankenspiel sehen, aber gesagt/geschrieben ist gesagt! (Lesebühne: Jens, unschlüssig und mit der Alumanschette an der Bierflasche spielend)

S0170842Darauf rief Stefan/das Los mich an den Lesetisch, und ich kündigte, nicht ohne Stolz und Dankbarkeit, das erste Kapitel meines soeben erschienenen Romans an, das ich SoNochNie vorgetragen habe, im Unterschied zu anderen Kapiteln, die ich schon während der Arbeit am Roman dort zur Diskussion stellen und überprüfen durfte. („Warum der stille Salvatore eine Rede hielt“ ist übrigens gerade zu gewinnen – wer ein Exemplar für lau ergattern will, bitte hier hin.) Das Anfangskapitel erzählt von dem Unfall, der dem Protagonisten wiederfährt und ihn zu einer Berühmtheit macht, denn er wird von einem explodierenden Pottwal quasi von seinem Motorroller geschossen, vor den Augen zahlreicher Schaulustiger. Stefan bemerkte zutreffend, der Text sei ja nun schon gedruckt und Krittelei habe keine Auswirkungen mehr, aber erstens war es mir ein Bedürfnis, das Ergebnis auch einiger Lesebühnenabende hier vorzustellen und zweitens gab es an diesem Abend weitere bereits gedruckte Texte, aber dazu später. Das zugegebenermaßen unappetitliche Kapitel wurde recht freundlich aufgenommen und seine zugegebenermaßen abstoßenden Schilderungen als plastisch und nachvollziehbar gewürdigt, Diskussion gab es um die Frage, ob man einen Krieg erfinden oder einen realen schildern soll. (Persönlichkeit: Henry Kowalski, Paranoiker, aber medikamentös versorgt)

Nach der Pause wurde Petra Lohan, die sich als Themenbeauftragte für den November zur Verfügung stellt (danke!), mit Themenzetteln des Publikums konfrontiert, loste erst „Herbststürme“, die sie nicht wollte und musste dann „Der November in der Geschichte“ nehmen. Na dann: gut Holz! Wir erwarten den 23. November ungeduldigst.

S0210851Linzi Nikow (ihr neuer Künstlername) zog uns sodann hinab in die dunkelsten Abgründe deutscher Geselligkeit. „Ballermann in Pasewalk“,  Erfahrungsbericht der „Comedy-Kellnerin“ Chichi (französischer Akzent!), die in der Gartenkolonie „Zur ewigen Einheit“ das versammelte Feierpersonal zu bespaßen hat, was in diesem Fall in etwa der Aufgabe entspricht, einer Herde Rotwild mitten in der Brunft, na, wenn wir schon Chichi heißen, Französisch beizubringen. Die feiernden Kleingärtner befinden sich bei Chichis Ankunft bereits im unaufhaltsamen alkoholischen Absturz, eine Weile stemmt sie sich dem noch entgegen und macht ihren Job, bald jedoch gibt sie dem Drängen nach und säuft einfach mit, bis sowieso alles egal ist. „Oh mein Gott!“ dürfte wohl der häufigste Gedanke bei der Zuhörerschaft gewesen sein angesichts dieser „tragischen“ Ereignisse und dem absolut vorhersehbaren Verlauf, was in diesem Fall keine Schwäche des Textes, sondern sein komischer Urstoff war, so wie man von Anfang an weiß, dass ein Haus, das Laurel und Hardy betreten, am Ende nur noch ein rauchender Trümmerhaufen sein wird. Dennoch tickte unsere alte Tante Lesebühne (Persönlichkeit: wieder Jutta, die nun eindeutig ein paar Kaffee zu viel hatte) hier einigermaßen aus und es wurde heftigst gestritten u.a. über Standpunkte, Sympathie oder Überheblichkeit gegenüber dem beschriebenen Personal.

S0260894Bastian, der zweite „Neue“ an diesem Abend, las aus seinem bereits gedruckten Buch „Sommer hat gelogen“ einen Text, oder mehrere Texte, die sich mit der Laufbahn von Politikern befassten. Er teilte sie in fünf feste und meist bei jeder Karriere gleiche Phasen ein und beschrieb diese Phasen in fünf Gedichten/lyrischer Prosa/Reflexionen, wobei Letzteres ihren Charakter wohl am besten trifft. Die Phasen: Häme, Zorn, Zynismus, Verständnis und Geschichte meinen eher, wie ein Politiker von der Bevölkerung im Lauf seiner Karriere beurteilt wird, als seine Karriere an sich – mache würden jedoch sagen, das eine sei eigentlich identisch mit dem anderen. Das war nicht unüberlegt und auch nicht ungeschickt in Gedanken und Sprache, ein teilweise dialogisches oder an den imaginierten Politiker gerichtetes Reflektieren von vielem, was Politik mit sich bringt. Allerdings hatte ich (und nicht nur ich) auch den Eindruck, hier so etwas wie dem kritisch-literarischen Bonusmaterial für die erste Autobiografie eines zukünftigen Staats-, oder Generalsekretärs oder Ministers zu lauschen, und Bastian mochte seine Nähe zu dieser Art Existenzplanung dann auch weder bestätigen noch dementieren. (Lesebühne: Aurelia Würzknecht, als Reinigungskraft bei einer Personalvermittlung, hört sich mit der Marlboro in der Hand mal an, was der da so zu sagen hat.)

S0270908Der dritte SNN-„Rookie“: Eric. Seine Lyrik bzw. lyrische Prosa (ebenfalls bereits im Buch)  kam mit bedeutend mehr Bodenhaftung über den Tisch. Seine Gegend sind die Straßen und versifften Ecken der Großstadt/Mahlsdorf, die jungen Typen, die mit ihrer Kraft nichts anzufangen wissen und dann eben ihren Atze beschimpfen und anrempeln, umgekehrt genauso. Soziale Härtefälle als Normalfälle. Er findet dafür erstaunliche Sprachbilder und prägnante Situationen, so etwa, als überfressene Kinder auf dem Weihnachtsmarkt neongrün kotzen, als hätten sie verdorbene Kobolde verschlungen. Frei von einfachen Lösungen bzw. Klischees sind seine Texte aber auch nicht, also ist da noch Potenzial, wäre ja noch schöner, wenn nicht! (Lesebühne: Vitali, übergewichtiger Geisteswissenschaftler, nickt stumm, erinnert sich an früher)

S0330944End of day: Wolfgang. Er nahm sich (wieder) die Musik vor. „10. 69“ warf Erinnerungen an einen Berlin-Trip Ende der sechziger Jahre in seinen großen Zyklon-Wortsauger, aber streng nach Plan (den zeigte er vor), wirbelte Bandnamen und Songtitel hurrikanisch herum, ehemalige und bestehende (West-) Berliner Originale, ein wildes, wüstes, aber wiedererkennbares Gemälde der frühen Blumenkinder-Epoche in der BRD und West-Berlin spritzte als Ergebnis über Wände und Zuschauer, die einer musikalisch-sprachlichen Sternschnuppe nach der anderen hinterherblickten, einem ganzen Schwarm besser gesagt, bestehend mehr aus einzelnen Worten denn aus ganzen Sätzen. Irgend jemand (im Text oder im Publikum) sagte „Ich beneide dich um deine Jugend“. Siehste mal. (Lesebühnenpersönlichkeit Jean Quartz, Austauschschüler aus Montréal, ist fassungslos, schließt sich aber dem Jugend-Satz mit den Worten an: „Da wäre isch vraiment gärn dabei gewes!“)

Hiermit beschloss Stefan die September-Lesebühne und übergab dem Protokollanten die unbenutzen Zuschauer-Themenvorschläge zur Veröffentlichung: DAS THEMA, Horst-Omar, Versuchungen, Blutmond, grau in grau, Gewebeband, Kabuff, Emigration/Immigration, Teufelsmühle/Trugschluss, Fast wäre ich Tänzer/in geworden …
Na, damit wird sich doch was machen lassen!

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