Krieg und Frieden

Nach der 86. darf ich nun wieder die 89. Lesebühne bebloggen, falls das der richtige Fachausdruck für diese Art des Protokollführens ist.

Der Miterfinder der Bühne StefanS0010367 führte durch den Abend, begann mit einer kurzen Schilderung seines abenteuerlichen Urlaubs, die ein kaputtes Auto beinhaltete und … 24 (!) Sternschnuppen auf Rügen, die am 12. August allein für ihn fielen, er habe diverse Wünsche mehrfach äußern müssen. Hoffe es war auch der Mut zum Zahnarzt zu gehen dabei, denn am Ende des Abends fiel ihm ein wackelnder Backenzahn aus.

S0040396Themenbeauftragter war der Michael Wäser „Krieg und Frieden“. Er stellte es uns frei, ob wir was Lustiges oder was Ernstes hören wollten. Ich hätte ja lieber das Lustige genommen, aber erhört wurde der aus dem Publikum von einem (!) laut gerufene Wunsch nach was Ernstem. So kamen wir in den Genuss eines Essays „Was Mörder macht“.

Im Mittelpunkt ein Massenkindermörder aus dem sowjetischen Zarenreich – Tschikatilo – und zwischen den zwei Bindestrichen habe ich mir eine Dokumentation über ihn angesehen und den Film „Citizen X“ zu schauen angefangen, den Micha erwähnte. Das Grauen eines Jahrhunderts in einem Mann gebündelt. Fragen über Fragen: muss das erlebte Grauen des Kannibalismus in der Ukraine der 30er und 40er – die möglicherweise miterlebte Vergewaltigung der eigenen Mutter durch deutsche Soldaten einen Mann zum Impotenten und schließlich Rachemörder werden lassen? Sicher nicht. Wäre er ohne all das Grauen auch zu dem geworden was er schließlich war? Wahrscheinlich auch nicht. Manche interessante Literaturtipps zum Thema gab es gratis dazu: Klaus Theweleit „Das Lachen der Täter“ oder Rüdiger Safranski „Das Böse“ fanden Erwähnung. Es gibt aber auch noch Richard Lourie „Tschikatilo. Die Jagd nach dem Teufel von Rostow“ oder Robert Cullen „The killer department“, die sich alle mit der Jagd auf Tschikatilo befassen. Aber das hat schon kaum noch etwas mit der 89. Lesebühne zu tun. Danke, jedenfalls, lieber Micha, für Deinen Text. Es war für mich sehr anregend, weil ich mich selber ja auch mit den Geistern der Vergangenheit befasse.

ChristelS0130426 mit den großen Ohrringen war die zweite Lesende. Ihre Geschichte handelte von Chleo und spielte im Jahr 2200. Es gibt dann eine Weltregierung, an der immerhin Coca Cola beteiligt ist, was ich persönlich gar nicht erwartet hätte, eher amazon und google. Es ging um die Roboter Bob und Bill auf dem Weg zu Heli 61 – für mich war das alles eine Mischung aus schwer nachvollziehbarer Geschichte und wissenschaftlichen Mutmaßungen. Adrien Maurice Dirac, der Vorhersager der Antiteilchen spielte eine Rolle.

Jedenfalls trifft Chleo diesen Dirac und er verliebt sich in sie, während er wissenschaftliche Mutmaßungen äußert, während sie relativ kühl bleibt. „Er küsst sie aber sie schlafen nicht miteinander.“ Draußen gibt es eine Demonstration gegen die wertfreie Wissenschaft. Ein Demonstrant springt in das Restaurant, in dem die beiden sitzen. Dirac trifft ein Geschoss und er zerplatzt, Drähte und anderes technisches Zubehör in einer Blutlache.

In der Diskussion ging es um Menschen mit eingesetzten Roboterteilchen in Adlershof. Den Verdacht, von George Orwell inspiriert zu sein, fand die Autorin nach meinem Eindruck nicht so witzig. Auf Nachfrage stellte sich übrigens heraus, dass Dirac nicht ein Wiedergänger oder ein Klon oder eine Nachbildung des Dirac von 1928 sein sollte, sondern es handelte sich um eine zufällige Namensgleichheit, was mich persönlich ein bisschen enttäuschte.

Moniert wurde noch Chleos emotionale Distanziertheit. Die Autorin sagte darauf: „Wenn der eine ein Roboter ist, gibt es bei der Frau eine emotionale Blockade, weil: das spürt die Frau.“

Was bei mir sofort die Frage wach rief, ob es auch Roboterinnen gibt, doch dazu später.

Stefan verteilte die Themenzettel für Oktober und dann las erstmalig auf unserer Bühne der Oliver.S0150442

„Biografien von Idioten“ – nannte er sein Konvolut von fast zur Gedichtform gedrängter Prosa. Es ging um „Fränzchen“, einen Jungen, der Macht ausübte (wir waren alle sieben Jahre alt) und jetzt da ich das schreibe, muss ich an Tschikatilo denken. Körperliche Unterdrückung und auch das Zufügen von Schmerz – wer hat das nicht erlebt? „Es war nicht persönlich. … Wie wird man ausgesucht?“ Dieses „Fränzchen“ durfte er sogar zweimal lesen. Im zweiten Text ging es um „Christine“ – Familiengruft im Altvatergebirge; im dritten Text „Beusselstr.“ hieß er und das fand ich schon sehr schön gesagt: „Rentner setzen Dysfunktionen ins Verhältnis wie einst Liebschaften“. Der letzte Text hieß „Autobiografie“, geb. 1965, Feldpostbriefe aus dem Kursker Gebiet … Ich wollte Dichter werden, schreiben um nicht leben zu müssen.

Alles in allem nach meiner Meinung sehr anspruchsvolle Texte, denen hörend nicht immer leicht zu folgen war, aber: immer das Gefühl, dass da mit viel Ernsthaftigkeit etwas aufgeschrieben ist, das sich lohnt zu lesen.

In der Diskussion ging es um ein Detail aus „Christiane“ – knipse knipse – und Micha fand das Bild sehr schön, wie ein Fotograf die lohnenden Bilder seines Lebens auf anderthalb Sekunden Belichtungszeit summierte. Man kann nur hoffen, dass da viele ultrakurzbelichtete Bilder dabei waren.

Dann durfte ich S0210517lesen. „Mona Mu“ hieß der Text und es ging um einen, der einen anderen erschossen hat, weil über der Diskussion um ein Lied und ob man es singen soll oder nicht sich soviel Aggression angestaut hat, dass es für einen Mord reichte. Man kann sich, darüber waren sich alle einig, um das kleinste Detail so heftig zerstreiten, dass zumindest das Mordgelüst entstehen kann … und wenn dann eine Waffe in der Nähe ist …

S0240532Im Anschluss wurde der Themenbeauftragte für den Oktober bestimmt – als Mitglied der Ur-Stamm-Besatzung habe ich mich freiwillig gemeldet als sonst niemand wollte. Das erste Thema „Holterdipolter“ habe ich abgelehnt, musste dann „Roboterin“ nehmen (sh. Oben) und war ganz zufrieden, auf das Thema gestoßen zu sein, das ich selber in die Lostrommel geworfen hatte. Weil mich schon interessiert, ob es auch ein Mann spürt, wenn ihm eine Roboterin gegenüber sitzt ;-).

Als Letzter las der WolfgangS0250533 von einem Kompass, der nicht wusste, in welche Richtung er zeigen sollte. Aber da er nur alle 25 ¾ Jahre ein Trauerkloßgesicht machte, fiel das nicht weiter auf. Helfen nur wenn es erwünscht ist. Jedem seine Freiheitsstatue. Ein großes dickes Buch liest man nicht im Bett, man legt es auf ein Pult. Haus am Hang – von vorne 1. OG, von hinten Parterre … wie Wolfgangs galoppierende Geschichten so sind. Das Haus am Hang, was ist aus ihm geworden?

In der Diskussion enthüllte er, dass er Story Cubes benutzt hat und alle paar Zeilen ein neues Bild zur Grundlage seines Exkurses machte. Diese Geschichtenwürfel kann man kaufen.

Dem Oliver hat es gefallen. Ich musste an „Jenseits von Afrika“ denken, wo die Hauptheldin auch eine Geschichtenerzählerin ist, ihr Publikum muss ihr nur den ersten Satz vorgeben. Vielleicht – so sehe ich das – ist es besser, für eine Geschichte nur einmal zu würfeln.

Und das war sie, die 89. offene Lesebühne. Nächstes Jahr im Juli feiern wir – so Gott will und so wir am 28.12. dieses Jahr nicht ausfallen lassen, aber warum sollten wir – die einhundertste offene Lesebühne SoNochNie! Es wäre der 25.7.2016. Kann man sich schon mal dick im Kalender eintragen und den Urlaub drumherum planen.

Aber erstmal bis zum 28.9. und schreibt bis dahin was Schönes oder was Gruseliges, was Erheiterndes oder was Erhellendes, eine Geschichte, ein Gedicht, einen Aufsatz, eine Satire oder was auch immer.

Euer

 

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