Walter Ulbricht und die Musik

Themenbeauftragter Max weiß Dinge über Walter Ulbricht …

Nun wissen wir endlich, wo die monatliche Lesebühne einzuordnen ist, psychodynamik-technisch, organisationswissenschaftlich, historisch-materialistisch: zwischen Diktatur und Rummelplatz. So hat es unser geschätzer Moderator Leovinus auf den Punkt gebracht und nach seiner unterhaltsamen Begrüßung (Rummelplatz) sogleich den Themenbeauftragten Max Ludwig zum Lesetisch zitiert (Diktatur).

Dessen vor zwei Monaten bestimmtes Thema „YEAH!“ führte ihn (und uns) in Regionen, die man mit solchem Ausruf eher nicht verbinden würde (manche taten es dennoch – Allgemeinbildungsmonster!)  nämlich zu den musikalischen Präferenzen des ersten Staatsratsvorsitzenden der DDR. „Walters Musikgeschmack“ klang wie die nachdenkliche Rückschau eines Jugendfreundes von Walter Ulbricht auf erst gemeinsam und später getrennt verlebte Zeiten, Gespräche über Musik, ausgetauschte Briefe mit vielsagenden Leerzeilen und eben das mit Ulbricht verbundene und verbürgte „yeah, yeah, yeah“-Zitat. Dass Walter außerdem vom zweiten Album der Beatles enttäuscht war, klingt wunderbar skurril, und doch knüpft dieses intime Wissen ein Band zwischen dem Erzähler und dem Vorsitzenden, das bis an dessen Sterbebett hält, wo Walter, noch einmal darüber lachend, die Augen für immer schließt.

Weitere historische Figuren brachte dann ich auf den Tisch: „Bildbeschreibung Kleist Masson“ versuchte eben genau das – die Beschreibung des „Portrait des Dichters Heinrich von Kleist“ von André Masson aus dem Jahr 1939. Ein erschreckendes Bild in erschreckenden historischen Zusammenhängen von preußisch-napoleonischen Feldzügen mit minderjährigen Soldaten wie Kleist bis zu Hitlers Krieg und seinen Schockwellen ins Heute. Ein Textexperiment, das man auf einer Werkstatt-Lesebühne wagen kann.

Wolfgang Weber setzte das Experimentelle, das bei ihm Programm ist, mit seinem Assoziationsgewitter „Talking Juke Box Blues“ fort. Wort- und Bildverbindungen rund um das (Fest)Netz und den daran angeschlossenen AB ließen uns die Welt wieder aus der Perspektive von jemandem sehen, der in einem Wirbelturm durch die Moleküle des Alltags jagt, hier von AB-Nachricht zu AB-Nachricht, „perdido, lost“ im unsozialen Netzwerk der Realität.

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Maik Lippert brachte Lyrik mit. Seine sprachliche Alchimie hatte oft mit kontrollierter Chemie zu tun, wortwörtlich – „Tetrachlormethan“ und „Perchloroktansäure“ hört man nicht so oft in Gedichten. Sie schwappen in „braunen Flaschen“ herum, begleiten uns durch „Tage als Passgänger“, dampfen aus XXL-Wachsjacken, bis man „Zu Hause im Lehm“ angekommen ist, über uns Weltraumschrott verglüht und wir es für nächtliches Leuchten halten.

Die anschließende Bestimmung des Themenbeauftragten für September und die Wahl seines Themas ergab: Matthias „Ritter Hafenstein“ wird (freiwillig) Beauftragter, sein Thema aus dem Lostopf des Publikums ist „Höllenschlund“. Das nahm er gern.

Linzi Nikow ließ uns in „Extra lange Bratwürste“ aus der Perspektive einer als Ballontier-Clown jobbenden Erzählerin ein Einkaufscenter-Fest in Gropiusstadt miterleben. Dass man von der Hölle auf Erden auch so erzählen kann, dass sich die Zuhörer darüber schlapp lachen, muss nun nicht mehr bewiesen werden. Außerdem wissen wir nun, dass man sich vor der Hölle –  habgierigen Kindern, einsichtsbefreiten Kundinnen und Schneeschauern zu Ostern – auf dem Klo in Sicherheit bringen und ein Hassverbrechen an einem Ballonhündchen sehr heilsam sein kann.

Mit „Ritter Hafenstein“  ging es aus der Gropiuspassage in den Weltraum. Seine „Samples“ von bekannten Heldensagen und -Balladen änderten weniger den Duktus oder die Sprache ihrer Vorbilder („John Maynard“, „Der kleine Trompeter“, „Loreley“) als die Schauplätze und Tätigkeiten. Aus Seeleuten wurden Raumfahrer, aus Segel- Raumschiffe. Ganz ohne stilistische Blessuren steuerte er seine Schiffe zwar nicht durch die Untiefen des Weltalls, zeigte aber, wozu die alten Haudegen aus den Zeiten von Großmast und Holzplanken fähig sind, wenn sie Galaxien bereisen können. Und wie er selbst anmerkte: Ein Monster fehlt natürlich noch.

Abschließend noch unser beliebter kostenloser Themenservice mit allen Zuschauer-Themenvorschlägen, die NICHT gezogen wurden. Nehmt und schreibt!
Taubenscheiße, Asphalt, Captain Future, Ein Traum wird wahr, Festnebel, Kurve, Herbststürme, Brille ab und los!, 3.7./4.7./14.7./17.7.2015, Versuch(ung), letzte Nacht … erster Morgen.

Bis zur nächsten (89.) Lesebühne am 24. August!

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