ein großer Haufen kleiner Dinge

Die 86. Lesebühne also…
begann mit einem launigen Einstieg unseres Co-Moderators NorbertS0039195, der uns an diesem Tage, Lichtjahre nach den Anfängen, Einblick gewährte in die Entstehung seines Künstlernamens, … Leovinus nämlich, was daran gelegen haben mag, dass Handtuchtag war und er in seinem Gürtel ein … ja … Geschirrhandtuch trug, wenn mich nicht alles täuschte. Hat was mit Douglas Adams‘ „Starship Titanic“ zu tun. Nicht das Handtuch, aber der Künstlername.
„Arrrgh, you’re choking me!“, screamed Scraliontis.
„I know, that’s what I’m trying to do!“ Leovinus tried to put some conviction into his voice, but he was finding it extremely difficult to make his fingers actually constrict the accountants scrawny neck. I suppose you could say that _MG_9920Leovinus just did not have the killer instinct.“
So. Nun. Da verstehe ich das endlich. Ist ja auch was Liebenswertes, so ein Moderator ohne Killerinstinkt.

Aber um den Moderator ging es zwar mehr als sonst, aber nicht in erster Linie. In erster Linie ging es um die Autoren. Und was war das wieder für eine Parade, angeführt von unserem … oh Gott mir sträubt sich die Feder, in Verbindung mit AngelaS0059206-001 das Wort Urgestein zu benutzen, aber hier ist es: angeführt vom Gründungsmitglied der offenen Lesebühne SoNochNie! Angela mit einem Text, der den Titel trug: „Vergleichsweise“. Es ging um Holländerräder und Amsterdam und während ich beim Holländerrad noch den Eindruck hatte, sie findet Berlin doch schöner, haben es die Märkte und das Spielzeug und manches andere doch zugunsten Amsterdams herausgerissen. Ich denke ja immer, das ist die Sucht des Deutschen im Allgemeinen und des Berliners im Besonderen, alles da draußen schöner zu finden als zuhause, aber wahrscheinlich wird sie das nicht so gemeint haben. Amsterdam war eben einfach diese Reise wert. Schade nur, dass es von der Klimakatastrophe hinweggespült werden wird, also: schnell noch mal hinfahren. Riecht dort wohl auch überall nach frischem und gerauchtem Grün.
In der Diskussion gefiel mir am besten der Satz: „… ob du das bewusst gemacht hast oder ob das absichtlich war …“

Als nächstes kündigte Leovinus den Michael KussS0119250 an, der eine 25 Jahre alte Kurzgeschichte darüber las, wie er einst auf der Buchmesse Ephraim Kishon nicht erkannt hat und ihn auch für einen verzweifelten Autor auf der Suche nach etwas Zeit mit seinem Agenten verwechselte. Er hatte der Geschichte den Titel „Kleine oder große Fische oder Humor ist wenn man lachen kann“ gegeben. Denn obwohl er Kishon nicht erkannt hat, fiel ihm doch auf, dass der große Humorist, dem man wegen Ablebens ja nichts Schlechtes nachsagen soll, wenig Humor hatte, als er fünf Minuten warten musste, ein Star eben, der wir ja alle noch werden wollen.

Dann las unser Österreicher StefanS0179299 ein Gedicht und einen Text. Aus seinen Texten kann man immer wieder schöne griffige Weisheiten oder schöne Bilder zitieren, was ich hier tun will. Das Gedicht hieß „Als ich mein Leben beenden wollte“ und beschäftigte sich mit einem „großen Haufen kleiner Dinge von vorgetäuschter Wichtigkeit“, die das literarische Ich in einer Badewanne verbrannte. Man nimmt sich sein Aktenleben, um sich das Leben zurückzuerobern.
Die Geschichte handelte davon, wie „er“ verhaltensauffällig wurde. Es ging um eine Elefantenseele und am schönsten fand ich den Satz: Beim Arzt ergab sich, „…dass ich ganz normal funktionierte, sehr zur Sorge meiner Eltern, die sich fragten, ob sie etwas falsch gemacht hatten.“

Dann gab es eine Premiere, Peter Hafenstein_MG_9933 wurde von Leovinus angekündigt, der korrigierend eingriff: Ritter Hafenstein müsse es richtig heißen. Er las aus einem Versepos über die Nebelkönigin, „Die Hochzeit“ und „Drei Riesen“ und ich persönlich fand es sehr bemüht und mit Gewalt in Reime gepresst. Aber als ich ihn fragte, warum das so sei, setzte der Ritter zu einem überzeugenden Vortrag über die deutsche Mythologie an, die „gothic“ sei; er erwähnte die Kinderschreckfiguren wie den schwarzen Mann, den Bibabutzemann und andere. Clemens (sh. weiter unten) zitierte aus dem Werbetext für die Lesebühne und fand, der Ritter sei dem Anspruch der Lesebühne am nächsten gekommen, wo doch Prosaautoren meist eh nur über die eigene Psyche schrieben. Der Ritter betreibt einen blog, wer sich dafür interessiert … „märchenvommorgen“ …
Stefan (sh. weiter oben) griff meinen Einwand von den bemühten Reimen auf und ging auf das Kunstmittel des bad writing ein, also etwas bewusst schlecht zu machen, weil das (wie im vorliegenden Fall) vor hunderten Jahren so üblich gewesen sei. Man müsse im Text selber einen Hinweis darauf unterbringen, dass es sich um einen solchen Fall handele, sonst könne der Leser nichts damit anfangen … ein bedenkenswerter Einwand wie ich finde.

Danach war ich, Frank Georg Schlosser_MG_9935, dran und ich las aus dem Beginn des zweiten Kapitels meines im Entstehen begriffenen Romans. Wie fast immer fühlte ich mich in allen Kommentaren und Bemerkungen sehr aufgehoben und gestützt und möchte mich dafür bei allen Lesenden und Gästen bedanken. Diese Lesebühne ist ein Kleinod.

Dann war Pause und nach der Pause übernahm StefanS0289381 wieder das Ruder. Er kündigte den Themenbeauftragten an, den Max Ludwig, der sich auch langsam zu einem Stammlesenden entwickelt. Vorher wurde jedoch der Themenbeauftragte für Juli gewählt. Bereit erklärte sich erneut Max, was uns alle sehr freute. Er lehnte das erste Thema – auch weil der Vorschlag von ihm selber kam – ab, nämlich „Interessenkonflikt und Heimat“ und musste dann das zweite geloste Thema nehmen: „Yeah!“ – das sollte dann wohl ein begeisternder Text werden, der da im Juli die 88. Lesebühne eröffnen wird.
Die sonst in der Lostrommel befindlichen Themenvorschläge waren: „Licht und Schatten“, „Hustenreiz“, „Umsteigen“, „Menschen leben auf dem Mars“, „Schraube locker“, „Im Zweifel für den Teufel“, „James Bond“, „Bildende Kunst“, „Weltuntergang“ und „Juli-ANE“.
Also … liebe Autoren und Autorinnen … nach dem Maupassantschen Motto, das man über jeden Bindfaden eine Geschichte schreiben können müsse, frisch auf, eins ausgewählt und was draus gezaubert!

Das Thema der 86. Lesebühne war „wohlproportioniertes Grün“ und MaxS0299387 las dazu über die Strahlemanns mit seiner wunderbaren Dreißiger-Jahre-Stimme Sätze wie
„Im Städtebau muss man Visionen haben…“ oder „bedankte sich höflich wie jemand, der das was er bekommen hat, nicht braucht.“ oder „…fragte ihn nach seinem Lieblingsgebäude. Er nannte den Schuppen in seinem Garten.“
In der Diskussion kam die Frage auf, was das Thema gewesen sei. Clemens sagte, er als nicht so Plotfixierter fand, dass dies der schönste Text des Abends sei. Stefan als Plotfixierter wollte schon wissen, was das Thema wäre. Micha machte den Vorschlag: Orientierungslosigkeit und Angela meinte: vielleicht Fassade – bin ich auch nur Fassade? Wir sind da zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen.

Der zweite nach der Pause war Wolfgang WeberS0339415 … er schrieb über Spezialisten, mit dieser Konnotation: Na du bist mir vielleicht ein Spezialist. In seinen gehetzt wirkenden Satzfetzen, die auch noch schnell und etwas abgehackt vorgetragen sind, scheint immer sehr klar auf wovon er erzählen will. Seine Stichpunkte, die er dem Leser geradezu hinwirft wie Helge Schneider dem Publikum Konfetti am Silvesterabend, so beiläufig, treiben in schnellem Tempo Bilder, Szenen an mir vorbei, Fußgänger, die sobald die Ampel rot wird, umkehren, damit sie nicht von nervösen Autofahreren des bei Rot über die Kreuzung Gehens beschuldigt werden – und schon jetzt habe ich viel zu viele Worte gemacht.
Wolfgang tritt am kommenden Montag (1. Juni) zur Offenen Bühne mit der „Philosophie des Radlers“ auf – wer ihn kennenlernen oder nochmal erleben will …

Eine Nicht-Premiere war der Auftritt Wolfgang EndersS0369440 – Nachfrage zur Kosmologie des Geldes in der Scheibenwelt der Banker – Tierischer Strip – Elefant entkleidet Seidenraupe – Tag der Befreiung – Geist ist geil.
Sein Name sei B. Liebig. Toleranz ohne Grenze für gepiercte Schwänze.
Max fragte warum er so vulgär sein müsse. Wolfgang meinte, vulgär sei das vielleicht in den Sechzigern gewesen – er trete an gegen das anything goes der modernen Welt. Gegen diese haltungslose Toleranz.

Und dann hatte der Protokollant einen Aussetzer, das gebe ich unumwunden zu. Der mag der späten Stunde, dem anstrengenden Wochenende oder dem Weingenuss geschuldet gewesen sein, aber sicher nicht dem Text des nächsten Lesenden Jörn GerstenbergS0419486, der Fetzen aus einem Schauerroman „Von Geisterhand“ zum Besten gab. Karl Maar ist der Protagonist und es geht um die Jagd nach den Geistern toter Nazis zu DDR-Zeiten, die gegen Devisen (natürlich) durchgeführt wird. Er startet am 20. Juni 1985, dann gibt es 1980 wieder eine Handlung, bei der Kadaver nach Leipzig ins Institut für Strahlenforschung geschickt werden. Ich habe nicht alles verstanden, vielleicht war es auch eine Abwehrreaktion, weil ich schließlich auch eine Geistergeschichte schreibe. Aber vielleicht liest der Jörn ja auch nochmal einen anderen Schnipsel.

Zum Abschluss las der ClemensS0429488 mit einer kleinen Vorrede – er sei eben ein bierernster Mensch – Junge klebten einfach mehr an sich selbst und so werde er doch nur eine weitere Episode aus Georgs (seines alter ego?) Leben lesen.
Die Geschichte hieß dann „Thesa“ und er mochte ihren Gesichtsausdruck nicht wenn sie miteinander schliefen. „Die Chemie stimmt dann eben nicht, hörte er sich selber denken.“
Schön fand ich auch: „… als lagerten die Gefühle auf den Dingen, aber man konnte doch nicht alles wegwerfen, oder doch?“
An dieser Stelle schloss sich für mich, der ich eben umgezogen bin, doch der Abendkreis, denn das Thema, dass es eine Menge Schei … gibt, den man nur sieht und anfasst, wenn man umzieht und der doch tagtäglich um einen herumliegt, beschäftigte mich in den letzten Monaten auch sehr – ein großer Haufen Sch… kleiner Dinge von vorgetäuschter Wichtigkeit.

Damit war die 86. Lesebühne vorbei – ein wunderbarer Abend … und neben des Wetteiferns der Moderatoren gibt es auch eines der Fotografen – die Bilder stammen von Michael Wäser und aus weiterer Ferne von Stefan Greitzke und ich bin Euer Euch immer wieder sehr verbundener fgs

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