April in Pankow

Und wieder wurde es ein langer (und hochinteressanter und vielfältiger) Abend: Ganze neun Vortragende, und das waren nicht einmal alle, die sich angekündigt hatten, dann wären es elf gewesen, nahmen nacheinander Platz am Lesetisch. (Das brachte Moderator Leovinus auf einen neuen, trotzdem nicht ganz zutreffenden Namen für uns: SoVollWieNochNie) So erfreulich dieses wachsende Interesse an unserer Offenen Lesebühne ist, müssen wir uns wohl langsam überlegen, ob und wie wir die Konzentrationsfähigkeit aller Teilnehmer vor und hinter dem Tisch schonen können.

LEOVINUS: Ganz schön voll hier ...

LEOVINUS: Ganz schön voll hier …

Hätte die schiere Masse an Texten und Diskussionen nicht die unerfreulichen Nebenwirkungen, dass wie gesagt die Konzentrationsfähigkeit irgendwann leidet und mitunter auch ein Gefühl des Gehetztseins auftritt, wäre wohl kaum Handlungsbedarf. Aber wir wollen, dass jeder vorgetragene Text in Ruhe gelesen und diskutiert werden kann. Wir werden auch dafür eine Lösung finden!

Leovinus begrüßte die Schar der Anwesenden – irgendwie hatten er und Stefan darum geknobelt oder gerungen, ein Duell hatte aber nicht stattgefunden, denn beide waren wohlauf – und bereitete uns hocherfreut und schonend auf den bevorstehenden langen Abend vor. Die Spiele konnten beginnen.

Michael W: Pollen-Experiment

Michael W: Pollen-Experiment

Traditionell eröffnete der THEMENBEAUFTRAGTE, in diesem Monat ich. Das ausgeloste Publikumsthema „Frühlingsgefühle und Pollenplage“ brachte mich zu einem „geschriebenen Selfie“, angeregt von einem echten Foto-Selfie und Erinnerungen an das existenzielle Frühlingserwachen im Leben jedes Menschen, die Pubertät, das Mann werden/nicht werden wollen, an Monster und Mutter. Das gewagte Experiment schien einigermaßen aufgegangen zu sein, das Publikum jedenfalls sprach, so es denn sprach, recht anerkennend.

Anita: Akupunktur mit Überraschungen

Anita: Akupunktur mit Überraschungen

Anita beehrte uns endlich wieder einmal, trug ein kurzes Gedicht vor, das leider in der Diskussion nicht mehr auftauchte, und eine Geschichte vom Besuch bei einer asiatischen Akupunkteurin, der bei dem/der Erzähler/in in ihrem inneren Monolog für einige innere Verwirrung und galoppierende Gedanken sorgt, während die Akupunkteurin routiniert die diversen Energiezentren abcheckt. Ob diese die Gedanken- und Gefühlswallungen bei ihrer Patientin/ihrem Patienten beabsichtigt hat, durfte man getrost bezweifeln, aber die fernöstliche Medizin bezieht ja den ganzen Menschen ein!

Michael K: Polizei-Quälerei an der Seine

Michael K: Polizei-Quälerei an der Seine

Michael Kuss gab sich große Mühe, uns vor seiner Kurzgeschichte die Fallstricke des französischen Präsidentschaftswahlrechts zu erläutern – denn die bildeten die Grundlage für die Einmischungen der Politik in Pariser Polizeiarbeit, um die es in der Geschichte ging. Die Geschichte, die von einer Ermittlereinheit des Polizeipräsidiums handelte, die einfach nur ihre Arbeit machen wollte, aber von politisch motivierten Vorgesetzten daran gehindert wurde, um die bevorstehenden Wahlen zu beeinflussen, brauchte, da waren wir uns wohl einig, die penibel vorbereitete und aufgeschriebene Erklärung eigentlich nicht (die Michael dann auch gleich erleichtert zerriss). Ob die Geschichte aber zu knapp erzählt war oder grade richtig, da gab es unterschiedliche Meinungen. Interessant war sie allemal!

Elke: Abrechnung per Tagebuch

Elke: Abrechnung per Tagebuch

Der Ton änderte sich wieder merklich, denn nun trug Elke einen „Tagebucheintrag“ vor, eine Rückschau auf eine langjährige Beziehung, eine „Abrechnung“, wie sie sagte. Die war durchaus nachvollziehbar, allerdings vermissten die einen mehr konkrete Einzelheiten oder Erlebnisse anstelle der Deutungen und Zusammenfassungen, andere hätten diese lieber akzeptiert, wenn sie sprachlich plastischer, origineller, vielleicht poetischer gestaltet worden wären. Erkennbar war, wie sich eine Liebe in eine Beziehung von innerer und evtl. äußerer Abhängigkeit verwandelt.

Frank: Männer in Miniaturen

Frank: Männer in Miniaturen

Frank stellte vor der Pause zwei seiner „Männer-Miniaturen“ vor, die erste über die Begegnung mit einem offensichtlich grobschlächtigen und massigen Mann, der in einem unbeobachteten Moment tänzerische Leichtigkeit und Grazie entwickelt, die zweite über einen Autoren von Reiseliteratur, der niemals verreist ist und sich alles aus dem Internet zusammengeschrieben hat. Beide Männer auf jeden Fall Wert, in ihren besonderen Momenten und Eigenschaften so aufmerksam erkannt und beschrieben zu werden, das Publikum dankte es Frank.

Ivanna: Toilettenkampf in der Transsib

Ivanna: Toilettenturnen in der Transsib

Die Wahl zum Themenbeauftragten im JUNI fiel auf – gut, er meldete sich freiwillig – Frank, und aus den Publikumsvorschlägen zog er das Thema „Quadratur des Kreises“. Das ist ja einfach! 😉

Eine Premiere nach der Pause: Ivanna, Russin „aus Spandau“ (eigentlich aber Omsk), trug einen humoristischen Bericht über die zweitägige Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn zwischen Omsk und Moskau vor, der einige Überaschungen für Unkundige und etliche schlaue und süffisant servierte Pointen bereit hielt. Ivanna tritt mit eigenem Comedy-Programm bundesweit auf, schreibt ihre Texte mal auf Russisch, mal auf Deutsch. Außer ihrerm treffsicheren Humor war nach ihrem Bericht auch klar: Das Wort „NOTdurft“ ist ganz bestimmt auf einer Zugtoilette in der Transsib erfunden worden. Tschuch Tschuch!

Max: Someone to watch over me ...

Max: Someone to watch over me …

Max, mutiger Themenbeauftragter im Mai, hatte sich von seinem Mai-Thema „wohlproportioniertes Grün“ schon einmal für April inspirieren lassen und ließ uns in die Gedanken, Empfindungen und Phantasien eines Mannes hineinschauen, der einer Frau aus der Nachbarschaft hinterherschmachtet. Ob man diese Phantasien nun romantisch oder potenziell gruselig finden sollte, das entschied jeder selbst – Max ließ es bewusst unentschieden. Dicht und von eigener Intensität war der Text allerdings. Sein zweiter, kurzer Text über einen Flug in einem Linienflugzeug blieb leider unbesprochen.

Stefan: Bar der Erkenntnis

Stefan: Bar der Erkenntnis

Stefan führte uns spät nachts (oder früh morgens) mit seinem Protagonisten in die „Bar der Erkenntnis“, in der es außer dem Erwähnten keine Gäste, überdies auch keine Getränke gibt. Das erstere erklärt sich leicht aus dem zweiten, dieses allerdings erklärt sich nur unzureichend aus dem „Trinken verboten“-Schild, das dort an der Wand hängt. Denn dies, so lässt der Barkeeper mit einer gewissen Berliner Hipster-Arroganz verlauten, ist ja gerade das Alleinstellungsmerkmal seiner Bar.  Man wähnt sich entweder in einem surrealistischen Alptraum oder in einer echten Berliner Startup-Idiotie. Die Bar jedenfalls bricht bald nach ihrem Keeper ebenfalls zusammen, welcher sich nicht entmutigen lässt und einen Dönerladen aufmacht, in dem … Sie ahnen es. Herrlich abstrus und düster-komisch, manche wünschten sich noch etwas Feinschliff am Barkeeper.

Wolfgang: BabyLeipz einmal hin und zurück

Wolfgang: BabyLeipz einmal hin und zurück

Neunter Autor und Vorleser: Wolfgang. Eine Busfahrt zur Leipziger Buchmesse, ein Wortstrudel, der uns in die Wirren von „BabyLeipz“ zerrte, in die kakophonischen Hallen, die Fragment-Gedanken und Durchsagen aus anderen Dimensionen als der, in der man sich aufzuhalten scheint. Inklusive Rückfahrt in Dämmerung des Himmels und des Bewusstseins – viel Blick für Details, energisch vorgetragen, am Ende waren wir vielleicht doch zu erschöpft, um alle Details aufzunehmen. Danke für die 85. Lesebühne und bis bald, am 25. Mai im Zimmer 16!

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