84. Lesebühne 23.3.2015

Was für eine Lesebühne! Erstens war es vergleichsweise voll. Und zweitens haben elf Autoren gelesen. Und die meisten im Publikum haben bis zum Schluss durchgehalten und waren lebhaft bei den Diskussionen dabei.
Dabei begann der Abend mit einem Novum. Der Themenbeauftragte hatte die Waffen gestreckt. Aber wie es so ist, hatte das jemand anderes im Blut und genau zu dem Thema selbst etwas geschrieben, doch dazu später mehr.

DSCF8961

Orange melliert? Ich trag nur rot.

S0028975

Zettel untern Scheibenwischer? Vergesst es. Wahrscheinlich müsste man die Luft aus den Reifen lassen. 😉

Leovinus, der, ein bisschen auch zur Buße, souverän durch den Abend führte, schickte den weit angereisten Michael Kuss ins Rennen. Flirtversuch mit Traumfrau oder die Sache mit dem Dopamin und der Einbildungskraft. Im Grunde erklärte er uns, dass es besser ist, nicht zuviel in das Lächeln einer Frau hineinzuinterpretieren. Andererseits beruht auf dieser Überinterpretation ja der Fortbestand der Menschheit. Und es ging, da der Micha schon ein paar Jahre hinter sich hat, auch ums Thema Flirten im Alter. Aus dem Publikum kam von einer jüngeren Frau die Mitteilung, das sie am schamlosesten von deutlich älteren Männern angeflirtet werde. Das wäre ja dann ein Freibrief, befand der Micha noch, bevor er die Bühne räumte für

S0078989

Orange meliert ist nicht lustig. Nicht in der Gerichtsmedizin.

Ulrike, noch weiter angereist, die sich des Themas des Abends „orange meliert“ angenommen hatte. Das Beeindruckende an Ulrikes Texten ist, dass ich mir in Fetzen immer selbst zu begegnen glaube. Dabei will ich das im vorliegenden Fall nicht hoffen. Dem Leben im Nichts begegnen … mit deinem Ende soviele andere gesetzt … konntest nicht still in einer Ecke sterben … hast dich aus der Welt gespritzt, egoistisch, selbstverliebt und kriminell. Manipulierte Gasleitung, … den der klingelt zum Mörder gemacht. Dann die Kastanien, die sie einst mit diesen Resten von einem Zellhaufen gesammelt hatte, übrig geblieben ist etwas orange Meliertes, das einst ein Mensch gewesen ist.
Interessant war auch die Diskussion zum Text, die sehr kritisch war – kann ein Schriftsteller in den Text fliehen?
Der Text sei selbst wie eine Kastanie gewesen – Du bist in die Sprache geflohen, wenn du mich hättest packen können. Aber ist es nicht das was ein Schriftsteller tut und darf und muss? Muss alles eine Haltung sein? Reicht es nicht manchmal, den eigenen Schmerz und die Wut in Worte zu fassen. Prosa wie ein Gedicht.

DSCF9002

Michail Kalaschnikow wusste worum es geht.

Es folgte das nächste Experiment. Michael Wäser mit einem Text unter dem Titel Zyklus. AK 47, Kürzel. RAF über Osama bis Charlie Hebdo. Versuch der Dekodierung oder Entzifferung eines Gegenstandes: Sprengkraft, Impuls – wie brennt Schwarzpulver? Die Waffe ist um den Explosionspunkt herum gebaut. Exotherme Reaktion – Sauerstoff dafür in der Patrone – so könnte man sie auch unter Wasser abfeuern. Energie zur Verrichtung von Arbeit, Schlagbolzen, Abzugsfeder, Patronenkammer, aber auch … Dreck und Sand und Blut werden dahin befördert, wo sie die Arbeit der Maschine nicht stören. Kalaschnikow hat verstanden worum es geht. Kann man eine legendäre Waffe literarisch beschreiben? Man kann. Auch wenn die Diskussion dazu den Sinn einer solchen Übung in Frage stellte.

Unser Moderator führte uns (wenn ihr noch nicht erschossen seid … ;-)) zur nächsten Autorin, Angela, die uns eine Geschichte über das Schicksal las. Drei Frauen, drei Generationen, die Großmutter, die Mutter Ewa und die Tochter Anna sinnieren über Alfons, der zu seiner Beerdigung das ganze Dorf verdient hätte. Hat der Pfarrer schön geredet? Ein Jammer, so ein Mann in den besten Jahren. Aber Ewa, die Frau des Verstorbenen fand, es sei eine Erlösung gewesen. Pflege über Jahre. Schicksal annehmen. Es stach ihr in den letzten Winkel des Herzens der noch etwas spürte. Und sie denkt an all die verlorenen Träume. Und noch einmal greift sie die Versuchung an zu gehen. Eine sehr stimmungsvolle Geschichte um Träume und Realitäten. Die Kritiker fanden das auch, nichts Konstruiertes, sehr angenehm.

Anschließend las Wolfgang rhythmische Prosa über Dresdner Orte. Metallene Stützen und Streben, bestimmt für Raucher bestimmte metallene Körbe usw. Dann die Dresdner Heide, Infineon hat dort die Dresdner Mauer gebaut – auf einem Parkplatz vor einem Tanzsaal keine fünf Autos – wann beginnt die Tanzsaison – da wo früher eine Napolaschule war … grün überwuchert … Deckel wofür, ich weiß es nicht.
Es waren ein wenig gehetzte Impressionen, aus dem Publikum kam der Begriff elliptische Schreibweise.

S0029015

Die Schamanin sah Horst schlafen und dachte sich, den muss sie zurück trommeln.

Petra las eine Geschichte von Horst, der auf einer schamanischen Reise sein Krafttier finden soll und enttäuscht ist, dass ihm nur ein Spatz begegnet. Schließlich freundet er sich mit der Vorstellung an, aber der Spatz will auch nicht sein Krafttier sein. Das wäre ihm zu anstrengend, so viel Verantwortung. Ein interessanter Versuch, ein literarisch sperriges Thema in den Griff zu kriegen. Und in der Diskussion die Frage, was ein Krafttier eigentlich ist.

Anschließend wurde der Themenbeauftragte bestimmt und Max erklärte sich bereit, im Mai zum Thema „wohl proportioniertes Grün“ etwas zu schreiben, nachdem er „vor der Anzeigetafel“ nicht genommen hatte.

S0039023

Er rüttelte an der Tür, was sinnlos war, da ein Schloss davor hing.

Danach durfte ich (fgs) lesen, mein Exposé zum Romanprojekt „RKM„. Es ist ein Kreuz mit der Dramaturgie, aber ich bin sehr dankbar für all die Hinweise auf nicht beantwortete zentrale Fragen, auf die Gefahr eines verernsthafteten Kleinhickhacks. Immer wieder die Frage, warum schreibe ich das! Ja warum – im Grunde weil ich mir selber ein paar Fragen beantworten will. Warum und wann stößt so ein Körper und seine Zellen eine Todesangst aus, die einen so klein mit Hut macht. Und ich glaube die Antwort zu wissen. Aber kann ich sie formulieren? Demnächst hoffentlich mehr.

S0079037

Innerlich ausdrucksvoll gelesen

Max, der eben zum Themenbeauftragten Mai erwählte, las dann eine Geschichte von einem, der die Wohnung beiläufig verlässt, bevor er das zu erwartende Kratzen ihres Schlüssels hört, um nicht nichts sagen zu können (was er getan hat am Tage). Huhu, ich bin geheimnisvoll, ruft er ihr zu. Es passiert nicht viel, bis er sagt: so, genug erlebt für heute. Sind sie hinaus oder hinein gegangen? So genau habe ich nicht darauf geachtet. An sich die Beschreibung ungefilterter Langeweils, trotzdem empfand es das Publikum als Abenteuer in der Vorstadt.

S0109054

Ringe aus Brotteig zeigen uns den Weg

Ute erfreute uns zu schon fortgeschrittener Stunde mit einem albanischen an Frau Holle erinnerndes Märchen über die böse (Stief)mutter und Maropepelascho (gut – also so eine Art Aschenputtel) und Marometano (schlecht). Die Gute ist immer gut, auch wenn es schwer fällt; bringt sogar die richtigen Lügen an den richtigen Stellen über den Inhalt geheimnisvoller Truhen und wird dafür mit Gold und Kleidern und Geschenken überhäuft (auch weil sie clever im Täuschen des Wolfes agiert). Die Böse wird, weil sie gierig ist und sich für Täuschung nicht die Zeit nehmen will, vom Wolf gefressen. Maropepelascho wird daraufhin doch noch von der Stiefmutter geliebt und dann hatte Ute einen Schluss, der an wennsienichtgestorbensindlebensienochheute erinnert, aber anders war; wie, habe ich vergessen.

S0119060

Rüdnitz – kann auch Heimatgefühle wecken

Die Stunde rückte gegen Mitternacht, da las Andrea (deren wunderschöne Blume im Haar man auf dem Foto gar nicht sieht) etwas über die Sommerfrische in Rüdnitz bei Bernau, aufgerissene Nachkriegsruinen, in denen die Menschen lebten als wären sie ein Theaterstück, den Besuch des zwölfjährigen Micha bei der Oma im brandenburgischen, Hutbänder mit Namen von Kriegsschiffen darauf, Zündplätzchen aus Kaiserzeiten, die man auf die Straßenbahnschienen legte und den Kinomann in Rüdnitz, der mit seinen schweren Rollen in den Gemeindesaal die Welt brachte. Geschirr im Spülstein. Alljährliche Fahrt nach Bernau – mit der Dampflok – Besuch im Spielwarenladen … und dann ein Tag im August, als die Ferien bei der Oma abrupt unterbrochen wurden, die Kinder zurück in den Wedding mussten. Und Micha hat seine Oma nie wiedergesehen.
Es war ein wunderschönes Zeitgemälde. Mit einem traurigen Ende. Aber die Mauer stand nicht vierzig Jahre, wie sie sagte im Nachgang in der Diskussion. Es waren „nur“ achtundzwanzig. Ein Drittel Leben.

S0149078

Ich hatte einen Bruder, der stand einfach auf und ging. Dafür bewunderte ich ihn.

Marathon, Marathon, so viele Lesende hatten wir noch nie … zum Abschluss ein Gast aus Österreich, der auch zum Berliner geworden ist, der Stefan erzählte von der Schwierigkeit zu lügen. Wie soll man lügen, so eine zentrale Frage, wenn man die Wahrheit nicht kennt? Also muss man, um lügen zu können, erst mal die Wahrheit herausfinden. Und wer viel weiß, muss also auch viel lügen.
Der Text war kurz, pointiert. Ich musste ein wenig an Enzensberger denken.
Sein zweiter Text zwischen Aphorismus und Essay hieß: Gestern hatte ich etwas zu sagen. Sie nahmen mir das Megaphon weg und nannten es Dikatur. Später, als die Diktatur weg war, teilten sie sie wieder aus, so dass niemand mehr etwas verstand, das nennen wir Meinungsfreiheit. Neid auf Menschen, die zu wissen glauben, wer ihr Gegner ist.
Und er sagte immer „wir“ nicht, um jeden im Publikum zu seinem Komplizen zu machen, sondern um sich selbst einzuschließen und nicht immer von denen da zu reden, mit denen er nichts zu tun hat.

Das war sehr erfrischend zum Ende. Es war nach Mitternacht und alle wankten wir dankbar und glücklich durchgehalten zu haben, ins Bett. Und auch ich beschließe diesen ausführlichen Bericht in der Hoffnung, eine kleine Erinnerungsstütze geliefert und nicht zu sehr ermüdet zu haben.

fgs

Advertisements

Ein Kommentar zu “84. Lesebühne 23.3.2015

  1. Pingback: Review / Nachlese: Mein Beitrag zur 84. Lesebühne “So noch nie” | andreamaluga

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s