Fünf Ecken hat ein Tisch

S0018845

Gastgeber Stefan räuspert sich, dann geht es los.

Lag es am Thema (das doch nur der Februar-Beauftragte zu bewältigen gehabt hatte), dass an diesem Abend niemand am Lesetisch platznahm, der nicht schon mindestens 40 Jahre auf dem Buckel hat? So uncharmant drücke ich das aus, weil es das Thema ebenso war: „Die Hüftgelenksprothese aushebeln“. Was hat Michael Kuss daraus gemacht? (Im Publikum immerhin saßen auch einige Junge, die das zu interessieren schien. Am Lesetisch nahmen nacheinander fünf Schreibende Platz und verließen ihn wieder, hoffentlich bereichert, wie die Zuhörer.) Begrüßt wurden wir alle ohne Rücksicht auf Alter, Krankheit, Musikgeschmack und Weltanschauung wie immer herzlich von Stefan.

S0088869

Michael Kuss fasst sich an den Kopf. Wir auch.

Ein galliges, schwarzhumoriges Traktat über (seine) Erlebnisse mit der deutschen Medizin hat Michael Kuss daraus gemacht. Erlebnisse, die er lieber nicht gehabt hätte bei und nach dem operativen Einsetzen einer: Hüftgelenksprothese. Es war sowohl das Ausmaß als auch die nicht enden wollende Ignoranz, Schlamperei, Selbstgefälligkeit und schlichte Unmenschlichkeit, die uns die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ließen, von Michael angekündigt als „keine Kunst, sondern Realität“, und doch mit Souveränität verfasst und mit wohl dosierter Ironie, man könnte auch sagen, Sarkasmus durchtränkt. Sogar einen passenden, ironischen Schlusspunkt hat er dafür gefunden. Da geht man doch gerne wieder zum nächsten Arzttermin!

Elke blickt durch eine romantische Brille.

Elke blickt durch eine romantische Brille.

Elke platzierte sich mit ihrem Beitrag zwar am selben Tisch, aber am anderen Ende des künstlerischen Spektrums – sie trug uns ein Gedicht vor. Beinahe klassisch, auf jeden Fall romantisch, womit die Epoche gemeint ist, an deren Lyrik sich ihr Gedicht formal und inhaltlich orientierte. Naturerlebnis und Sehnsucht nach dem Liebsten, im nicht ganz durchgängigen Versmaß und Reim, also einerseits anheimelnd und andererseits angreifbar, denn so schreibt man doch heute nicht mehr, und wenn doch, dann aber ohne Kompromisse – meint man. Doch sie hat’s getan, wie manch anderer auf der Lesebühne vorher.

Angela forderte die Zuhörer auf andere Weise heraus – „Der Flaschenbaum – ein Sukkulent“ ein Experiment, sagte sie zur Einleitung. Ein Dialog ohne Szenenanweisungen, ohne Erklärung – die musste man aus dem Verlauf des Gespräches ableiten. Das gab dem Text gleich eine konspirative Note. Ein Zusammentreffen zweier alter Bekannter auf einem Friedhof schien da stattzufinden, Erinnerungen an alte Zeiten – unruhige, auch tragische Zeiten kamen hoch, Schuldgefühle, Wendezeiten, Schwangerschaft und geheimnisvoller Tod. Sie lässt einen nicht los, die Vergangenheit, und sie zeigt plötzlich ein ganz anderes Gesicht, unvermutet vielleicht, vielleicht nicht ganz. Der Sukkulent speichert Wasser, auch altes.

So viel Aufgeräumtheit hätten wir dem Objekt von Franks Beschreibung gewünscht.

So viel Aufgeräumtheit hätten wir dem Objekt von Franks Beschreibung gewünscht.

Frank präsentierte eine seiner (ebenfalls schon etwas älteren, aber nicht Ü40-jährigen) „Männerminiaturen“, hier deren Nummer drei. Da besuchte der Erzähler einen Mann in dessen Wohnung, den man nach den Beobachtungen und Deutungen des Erzählers schwerlich anders denn als Loser bezeichnen konnte. Vollgemüllte Wohnung, wobei „Müll“ Definitionssache ist, denn der Mieter sah Verkaufspotenzial in uralten Laptops und Festplatten aus der Jungsteinzeit, wo der Erzähler eben bloß Müll erblickte. Eine schon längst gescheiterte Existenz wurde da besichtigt und eindrücklich beschrieben, die es bloß noch nicht gemerkt hatte – und es vielleicht niemals zu tun in der Lage sein würde.

Die Wahl zum April-Thema: Gastgeber Stefan ließ Angela das erste Los ziehen, welches ich selbst – ich stellte mich als Beauftragter zur Verfügung – vorlas: „Bedürfe des Lebens, denn es wird besser.“ Das mochte ich nicht nehmen. Das zweite Los musste ich daher akzeptieren, komme was wolle: „Frühlingsgefühle und Pollenplage“. Manchmal eben bereut man eine Entscheidung.

Mit meinem unbetitelten Text war ich der letzte Vortragende des Abends. Er befasste sich mit Seifenblasen, die man mit Strohhalmen (Trinkhalmen! rief jemand) auf Plastiktischdecken macht, mit der Druckwelle einer Explosion und der Expansion des Universums. Das längere Schweigen im Raum nach dem Vortrag mochte damit zu erklären gewesen sein, dass sich die Zuhörer das zu erklären versuchten … Ein interessanter Austausch kam dennoch zustande.

Stefan verabschiedete das Publikum bis zur nächsten offenen Lesebühne am 23. März, wo Leovinus zum Thema Orange mel(l)iert lesen wird. Wir seh’n uns!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s