Von einsamen Geisterschatten, gelikten Autos, Premieren, Verlust und Kirschkernmassagen

DSCF8680Mit unserer 82. Lesebühne haben wir gestern Abend im Zimmer 16 das neue Jahr literarisch ausschweifend begrüßt. Diskussionsfreude wird bei uns ohnehin groß geschrieben, aber diesmal sind wir mit acht Lesenden und achtmal Rückmeldungen bis in die Geisterstunde geschlittert.

DSCF8691Alles begann wie gewohnt mit Stefans flockiger Anmoderation, Michaels startbereiter Kamera und unserem Themenbeauftragten. Frank hatte sich dankenswerter- weise bereit erklärt, im Januar noch etwas über Weihnachten zu schreiben. (Die Wege der Themenfindung sind unergründlich …) Wieder ließ er uns einen Blick in seine Romanwerkstatt werfen und übertrug seiner sich mittlerweile raumgreifend verselbstständigenden Nebenfigur Barbara die ehrenvolle Aufgabe, seinem Protagonisten Klaus aus der Klemme äh … Blase im See zu helfen. Dafür musste sie tief in ihre Vergangenheit eintauchen, bis Weihnachten 1944 zurück. Und was sie da über das grausame Wirken ihres Vaters, NS-Richter Fritz, zutage förderte, ließ niemanden von uns unberührt, indirekte Rede hin oder her. Ganz gleich, ob 70 % der Deutschen mit dem Thema Drittes Reich nicht mehr behelligt werden wollen, wie Clemens uns weitergab, wir meinen mit Frank: Die Frage, wie bin ich geworden, wer ich bin?, führt an diesem Teil unserer gemeinsamen Geschichte auch heute noch nicht vorbei.

DSCF8704Elke las eine Kurzgeschichte aus ihrem Erzählband Begegnungen, Situationen, Phantasien. Darin erzählt Meilenfresser, einst ein scharfer Schlitten, im Straßengraben liegend die Geschichte seines wechselvollen Treibstoff-schluckerlebens. Vom Publikum klar als Opferauto identifiziert, gingen die Meinungen auseinander, ob Meilenfresser eher weiter in Richtung Kinderbuchfigur zu treiben sei oder aber sich endlich mal wehren sollte. Der Grundgedanke der Autorin, dass die Natur alles wieder ins Gleichgewicht bringt, sprach jedenfalls nur aus dem Schlusssatz. Nach meinem Gefühl hätte dem Text ein kräftiger Schuss schwarzen Humors gut getan.

DSCF8711Im Anschluss kamen wir mit Michael Kuss (und Elkes Lesebrille) in den Genuss pointierter Kürzestprosa. Dreißig Sekunden hatte Michael uns versprochen, und weil die so flux und sinnreich vergangen waren, durfte er glatt noch mal lesen. ‚Landstraße. Im Scheinwerferlicht Gestalt zum Erbarmen …‘ Was auf den ersten Blick wie ein weiterer Autotext wirken konnte, enthüllte sich als minimalistische Studie über die Einsamkeit. Zwischen den Zeilen viel Raum für eigene Bilder.  Die Geschichte wäre auch in zehn, fünfzehn Minuten erzählbar gewesen, aber das Publikum fand einhellig: Weniger ist in diesem Fall unbedingt mehr! (Extremisten verwiesen gar noch auf die Entbehrlichkeit gewisser Adjektive.)

DSCF8776aIch habe mir ausnahmsweise erlaubt, für mein druckfrisches Kinderbuch WUTSCH – Der Innerirdische (Baumhaus Verlag, ab 8) und die Premierenlesung am 14. Februar 2015 um 16.00 Uhr im PANKEBUCH zu werben. Danke für all die Glückwünsche! Weitere Infos unter http://www.angela-bernhardt.de.

S0328814Ulrikes Beitrag war mit nahezu dreißig Minuten der längste, wurde aber trotz gewöhnlich strenger Spielregeln zugelassen und hälftig um die Pause gruppiert. Mit viel stimmlichem Ausdruck las Ulrike Vom Tod meiner Tochter. Es ging um Abtreibung vor dem Hintergrund der ersten Nachwendejahre und noch junger Ost-West-Beziehungen, um die damit verbundenen Rollenzuschreibungen und Schuldgefühle. Fraglos ein berührendes Thema. Dennoch spaltete dieser Text wie kein zweiter das Publikum. Da waren einerseits jene, die der sehr persönlichen Geschichte ergriffen lauschten und nichts oder wenig ändern würden, und andererseits die, denen klischeebeladene Figurenzeichnungen, häufiger Perspektivwechsel sowie zu viel Erklärung und Urteil unangenehm aufstießen. Trotz aller Streitbarkeit im Umgang mit so einem Thema und jenseits der Frage, ob die Schilderung eigener Erlebnisse nun literarisch sei oder nicht – schön, wenn ein Text derart bewegte Diskussionen auslöst!

DSCF8828Mit Kirschbaumblüte führte Petra uns anschließend in die morbiden Verzweigungen ihrer Fantasie. Die junge Frau Teresa, bekennende Kirsch- und Kirschkern(!)esserin, verwandelt sich durch einen in ihrem Unterleib austreibenden ebensolchen Kern mehr und mehr in einen Kirschbaum. Anfangs glücklich mit dem neuen Halt im Boden, den Vögeln und Kindern auf ihren fruchtreichen Ästen, befällt sie im siebenten Jahr die Einsamkeit. Doch der Versuch, sich loszureißen mündet in vollständige Entwurzelung und ihr allmähliches Absterben. Aus dem einst heiteren Gemüt fließt Galle, sie rächt sich an ihrer Umwelt … Metaphernstark und sprachlich dicht kam dieser Text beim Publikum gut an.

DSCF8830Clemens stellte in Gefällt mir literarisch knapp und wirkungsvoll nebeneinander, was uns tagtäglich ebenso begegnet: die smiley- und like-versessene Banalität sozialer Netzwerk-Kommunikation, kaum getrennt von hochbrisanten aktuellen Nachrichten, von denen uns jede einzelne um den Schlaf bringen müsste, aber für so viel realglobales Elend scheinen unsere Synapsen nicht ausgelegt. Stattdessen lassen wir uns von der ständigen  virtuellen Verfügbarkeit den Schlaf und manchmal gar den Partner rauben. Fein formuliert und auf den Punkt!

DSCF8840Elmars fünfunddreißigstrophiges Gedicht Die Vollmassage entspannte uns schlussendlich so griffig (einzig unsere Lachmuskeln hatten Schwerstarbeit zu leisten), dass wir uns rundherum bereichert aus diesem vielseitigen Abend verabschieden konnten.

Erwähnt sei unbedingt noch unser freiwilliger Themen-beauftrager für den März, Leovinus (Danke, Leo!), der sich mit dem ersten Thema nicht Qua(e)len wollte und sich zweitens Orange mel(l)iert eingehandelt hat, Schreibweise nach Gutdünken verwendbar.

Was sich sonst noch im Losschälchen tummelte, sei euch nicht vorenthalten: Punktlandung; Nachwuchssorgen; Kornkreise; Winter, Winter und kein Schnee – oh weh; Radiomusik; Glück empfinden; Berliner Eckkneipe; vom Leben nach der DDR; die Uhr tickt; vom Weg abgekommen; was Lustiges (ernst gemeint); 6. März. Vielleicht ist ja die eine oder andere Anregung dabei …

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