Junge Liebe und alte Geschichten

Stefan und der rätselhafte Gegenstand

Kapitän Stefan und der rätselhafte Gegenstand

Die Bude war voll, so nennt man das wohl, jedenfalls der für die Lesbühne traditionell abgetrennte Bereich drohte aus den Fugen zu geraten unter dem Andrang von Literaturfreunden, zwei Tage vor Heiligabend. Bei Sturmböen und vereinzeltem Regen. Alle Achtung!

Und, ganz weihnachtlich, hatte unser Gastgeber Stefan Greitzke, zuallererst ein Geschenk zu verschenken, besser gesagt: einen Preis, für unser facebook-Preisrätsel gab es unsere Anthologie für den Gewinner (er war nicht wirklich der Gewinner, er hatte von der Gewinnerin den Gewinn übertragen bekommen, aber alles ging mit rechten Dingen zu!)

Als Themenbeauftragter eröffnete ich selbst die Lese- und, ausführlicher als mir lieb war, denn ich wollte den anderen Vorlesern keine Vorlesezeit stehlen, die Diskussionsrunde. „Übergang vom Berufsleben zum Rentnerdasein“ war Thema und auch Titel meiner Geschichte. In ihr gestaltet sich ebendieser Übergang für einen gewissen Ludwin, wie soll man sagen, in familiär maximalkatastrophaler Weise, wofür er, so lässt die Geschichte vermuten, selbst eine gewisse Verantwortung trägt. Der Verlauf dieser Geschichte entzündete nun gleich die ersten lebhaften Diskussionen des Abends, sowohl fachlicher als auch inhaltlicher Art. Das ist nun für jeden Autor, denke ich, wünschenswert und ein frühes Weihnachtsgeschenk, natürlich auch für mich. Trotzdem machte ich mir im Stillen Gedanken über Wirkung. Über das Erzeugen von Wirkung, welches nicht beliebig und nicht simpel ist, aber auch nicht so schwer, wie man vielleicht meint. (Diese Geschichte erzeugt ganz bewusst Wirkung, und das muss eine Geschichte wirklich nicht unbedingt.) Andererseits sind die Aufträge unserer Besucher für mich auch immer eine Gelegenheit, mal fünfe gerade sein zu lassen, auf die Kacke zu hauen, zu schauen, was überhaupt herauskommt, wenn man sich schon, freiwillig, einem Auftrag ver-schreibt. Sie können den Text hier nachlesen.

Michael Kuss

Für eine Handvoll Tabak: Michael Kuss

Michael Kuss brachte anschließend gleich mehrere Kunststücke fertig. 1. Er zeigte uns, dass er, nicht nur meiner Ansicht nach, sogar noch schöner schreiben kann als wir bisher meinten. 2. Er brachte uns mit seiner Erzählung, die im Nachkriegswinter im ländlichen Gebiet zwischen Hessen und Bayern spielt, gleichzeitig auch noch in die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte, die, wie wir wissen, vor etwa 2000  Jahren auf einem Bauernhof in Palästina spielt, und ins aktuelle Tagesgeschehen nach, sagen wir Dresden. 3. „Das bayrische Weihnachtsessen“ selbst und seine Art, diese Kurzgeschichte vorzutragen. Wie hat er das bloß geschafft? Die biografische Geschichte aus seiner Kindheit im wohl härtesten Winter, den man sich vorstellen kann, erzählt von Not, von Verzweiflung, von Bigotterie und Hartherzigkeit und, am Ende, von Hilfsbereitschaft. Mit schlichter, aber sehr anschaulicher Sprache in der Tradition z.B. von Siegfried Lenz ließ er uns an dem Erlebnis eines kleinen Jungen und seiner Mutter teilhaben, die hungern und am Heiligabend versuchen, auf einem Bauernhof gegen ein bisschen Tabak etwas zu essen zu bekommen. Die abweisende Haltung der katholisch-unbarmherzigen Bäuerin war es nun, die die Geschichte in unsere Gegenwart katapultierte, mitten in die Menge der Pegida-Demonstranten, die es schaffen, gleichzeitig Ausgrenzung zu fordern und Weihnachtslieder zu singen. In der Geschichte ist es eine Nebenfigur, die der Mutter und ihrem Sohn am Ende doch noch zu einem Schlafplatz und einer Mahlzeit verhilft. In unserer Gegenwart bleibt hoffentlich Pegida eine Nebenfigur.

Es folgte ein echtes, wenn auch kurzes, Debüt: Pia Dylong las zum allerersten Mal bei SoNochNie. Ihr Text in Gestalt einer inneren Abzählreihe ließ uns an den letzten Schritten, vielleicht Sekunden, einer schwerwiegenden Entscheidung teilnehmen, nämlich der, dem Geliebten nach vier Jahren Zusammensein einen Heiratsantrag zu machen. Das war dennoch von einer gewissen Leichtigkeit, es war originell und schlüssig, ein wenig wurde anschließend über Details diskutiert, was hoffentlich der jungen Autorin auch nützlich war – ihr Text jedenfalls kam gut an.

Nach der Pause wurde der Themenbeauftragte für Februar bestimmt – diesmal wagt sich Michael Kuss in den Ring, danke! – und sein Thema aus den Vorschlägen des Publikums gezogen: „Die Hüftgelenksprothese aushebeln“ musste er nehmen, nachdem er „Salz im Blick“ abgelehnt hatte. Wir sind schon gespannt.

Petra Lohan

Revolutionäres Gemüse von Petra Lohan

Petra Lohan nahm uns nun mit in „Die Präsidenten-Suite“, welche sich als ein kurioses, rätselhaftes, von Mangel geplagtes und entmutigtes Land entpuppte, in dem das Gemüse im Topf revoltiert und der Fisch in der Pfanne verrückt wird. Wo die Präsidentenköchin ihr lange unterdrücktes Begehren nach ihrem Herrscher nicht mehr zurückhalten muss und der gerade noch eben, aber eigentlich nicht mehr lebendige Präsident außer „Yam Yam“ oder „Yum Yum“ seinen Untertanen kaum noch etwas zu sagen in der Lage ist. Was in der Diskussion aufkam, nämlich dass offenbar ein Generationenbruch durchs Publikum ging, ist ein gutes Zeichen: Für die Lesebühne interessieren sich alle – Junge und Alte! Der Bruch jedenfalls zeigte sich darin, dass es den Älteren keine Mühe bereitete, in dem paralysierten Land und seinem lallenden Präsidenten z.B. die späte DDR zu erblicken, worauf den Jungen, die jenes Land nur noch aus dem Fernsehen kennen, die märchenähnliche, sprachbedachte Beschreibung eher ein Rätsel blieb.

Frank Georg Schlosser

Let’s begin: Frank Georg Schlosser

Frank Georg Schlosser rahmte nun als zweiter Kernautor gewissermaßen den Abend ein. Er präsentierte uns wieder einen Einblick in sein Romanprojekt, diesmal, so sagte er, nicht mehr nur eine Vorstufe, eine Übung, ein Herantasten, diesmal schon, aber so wirklich festlegen wollte er sich doch noch nicht – brauchte er auch nicht – einen Auszug. Der Anfang des Romans, so wie er sein könnte. Danke, dafür ist die Lesebühne ja auch da: zum Ausprobieren, Testen, Feedback einholen genauso wie zum Präsentieren! Sein Romananfang jedenfalls sorgte für Interesse, Vergnügen und Neugier. Was ein Romananfang im besten Falle tun soll, finde ich. Also kann man diesen „Versuch“ nur als gelungen bezeichnen. Eine Gerichtsverhandlung, eine Mordermittlung, ein Täter, aber alles ist nicht so, wie man meint, dass es sei, das, worum es geht, kann eigentlich gar nicht sein, denn so etwas gibt es nicht, aber was ist dann wirklich passiert und warum sind die Leute im Gerichtssaal so aufgebracht? Frank, wir wollen wissen, wie es weitergeht!

Stefan wünschte allen zum Abschied – und ich schließe mich dem hier gern an – eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins Neue Jahr. Wir sehen uns am 26. Januar (Themenbeauftragter: Herr Schlosser, Thema: “Weihnachten/Heilig Abend”, ja, tatsächlich!) im Zimmer 16!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s