Innenansichten

Es war die Diskussion zum letzten Beitrag dieses Abends, in der das titelgebende Stichwort anklang, und es wurde eine Unterscheidung vorgenommen, die eine ganz eigene, längere Diskussion verdient, so viel vorweg.

Dok W. als Themenbeauftragter des Monats – danke nochmal für den Heldenmut! –  ließ die Zuhörer in seinem Text zur „merkbefreiten Individualität“ – er formulierte es um zu „merkbefreitem Individualismus“ – am Leiden unter einer, wie nicht nur er meinte, um sich greifenden Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitmenschen teilhaben. Seine Figur „Dok W.“ will nichts als in Ruhe in einem Café in Berlin Mitte sitzen und am Laptop arbeiten, was ihm vom penetranten Teeglasgerühre am Nebentisch unmöglich gemacht wird. Der Herr ist nun nicht gerade ein entspannter Zeitgenosse und schätzt die Wahrscheinlichkeit des ruhigen Ungestörtseins in einem Szene-Cafe in der angesagtesten Stadt Mitteleuropas eklatant falsch ein, um nicht zu sagen: total weltfremd. Wer in dieser Situation nun wen belästigt, ist demnach gar nicht klar ausgemacht. Aus den Potenzialen dieses Settings entwickelte der Autor jedoch leider nur einen unentschiedenen Text, der weder die komischen Möglichkeiten nutzte, noch die Möglichkeit, den selbstbezogenen/selbstgerechten Charakter der Hauptfigur wirklich auf die Spitze und zu größerer Wirkung auf die Zuhörer zu treiben. Ob die geradezu formal-buchhalterische Sprache, die der Autor verwendet – jedes Ärgernis, jede Beobachtung wird wie ein Aktenvermerk aufgezeichnet und eingeordnet – dafür eher hinderlich ist oder gerade von Nutzen sein könnte, lässt sich wohl erst entscheiden, wenn der Autor sich entschieden hat, seine Figur vielleicht mit mehr ironischer Distanz zu betrachten, die uns ämüsieren würde, oder sie zu einem echten Monster der Kleinkariertheit wachsen zu lassen, über das wir beim nächsten Mal dann fassungslos staunen könnten.

Dok W.

Dok W.

Joachim stürzte seinen Protagonisten Wolfgang, der sich mitten im Studium zu einem Studienfachwechsel entschieden hat, erst in anhaltende Auseinandersetzungen mit den Erzählungen und Philosophien seiner Gesprächspartner (und seiner eigenen) und dann in ein vermeintliches Desaster. Die Auseinandersetzungen, die Wolfgang intellektuell mitgeht und mit sich trägt, stammen vornehmlich aus den Kontakten, die notwendig sind, um seinen Studienplatzwechsel einzuleiten und führen letztlich – weil sie ihn die wenige Zeit kosten, die er noch hat bis zur Anmeldefrist – dazu, dass er eben jene Frist um die „akademische Viertelstunde“ verpasst, die seinem Text den Titel, oder zumidest das Stichwort gab. Doch jedem Ende wohnt ein Anfang inne, und das Ende seiner Hoffnung, sein ungeliebtes Studienfach bald los zu sein, führt ihn zu einer weit tiefgreifenderen und für sein Leben wahrscheinlich wertvolleren Erkenntnis. Das war fein und flüssig erzählt, mit leiser Ironie und gelungenem Bogen hin zur Pointe und, wozu sonst der Titel dieses Artikels, irgendwie auch aus eigenem Erleben und Beobachten gespeist.

Clemens nahm uns wieder mit auf weitere Stationen seines ruhelosen Berlin-Durchwanderers Georg, immer ganz nah an dessen Empfinden und Beobachten der Straßenszenen, Erinnerungen, Begegnungen und, wie er, Clemens selbst sagt, auch seinem eigenen. Seine Beschreibungen, die sich einmal zu einem größeren Ganzen zusammenfügen sollen, worauf wir uns jetzt schon freuen, faszinieren wieder in ihrer sprachlichen Kraft, ihren poetischen Kombinationen, die immer den Unsteten, den Streuner durch die Stadt und ihre vielfarbigen Menschenblasen spüren lassen. Dass wir in der Lesebühne am Wachsen dieses Werks teilnehmen dürfen, ist eine Freude.

Clemens

Clemens

Benjamin präsentierte ein Prosa-Fragment, in dem sein Protagonist „Denk nach“ sich ebenfalls durch das Berlin von heute treiben lässt, die „Mitte-Avantgarde“, die wir schon in Dok W.s Beitrag erlebt haben, hat auch hier ihre Auftritte, doch wie bei allen anderen Texten, nicht als Hauptakteure, sondern als Umgebung der Hauptfiguren, in diesem Fall als mysteriöse Versammlungen an versteckten Orten. Die beschreibt Benjamin mit einer Sprache, die das heutige Berlin an das der vorletzten Jahrhundertwende heranrückt, als es noch schockierende Geheimnisse gab in Berlin und nicht jeder alles vom anderen aus Facebook wusste und sowieso mit allem rechnete. Dass dieses Fragment vielleicht einmal „so etwas wie eine Novelle“ werden könnte, unterstreicht Benjamins Ansatz nur um so deutlicher. Wir warten gespannt auf die nächsten Seiten!

Der nächste Themenbeauftragte musste gefunden werden. Mangels weiterer Freiwilliger wurde ich es. Mein Dezember-Thema: „Übergang vom Berufsleben zum Rentnerdasein“.

Gastgeber Stefan überreicht das Thema

Gastgeber Stefan überreicht das Thema

Wo die vier vorangegangenen Texte, wie in der Diskussion bemerkt wurde, wohl eher vom Erleben der Autoren erzählen, machte der letzte, mein Text, ein Fenster in das einer gänzlich fiktiven Figur in einer fiktiven Situation auf. Das Romankapitel über die Ordensverleihung an einen jungen Soldaten der Armee eines fiktiven Staates konzentrierte sich dennoch ebenso auf das persönliche Erleben dieses Menschen. Das allerdings mag verstörend und mitunter abstoßend auf uns wirken, was der Figur und der allgemeinen Situation zuzuschreiben ist, in der sie sich im Roman befindet. Dass diese, beabsichtigte, Wirkung bei den Zuhörern auch eintrat, freut mich, was soll ich sonst sagen. Die Frage stellte sich nun, ob es „fiktiver“ ist, wenn man sich vermeintlich von dem uns alltäglich umgebenden Leben entfernt, statt es unmittelbar zum Thema zu machen. Und ob man beschreiben kann, was einem fremd ist. Finden wir’s raus.

(Fotos: Wäser)

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