Rekordverdächtiger September

Lag es am ollen Nieselwetter oder an der wachsenden Anziehungskraft unserer diskussionsfreudigen offenen Lesebühne? Jedenfalls zog es am vergangenen Montag, 22.9.2014, ganze zehn Autoren auf die heimelige Zimmer-16-Bühne.

Gewohnt charmant von Stefan anmoderiert (der Hinweis auf allfällige Peitschenhiebe bei Ignorieren der heiligen 15-Minuten-Sanduhr durfte auch diesmal nicht fehlen) fand der Abend Reihenfolge und Rhythmus per Losentscheid. Nur der bereits im Juli gewählte Themenbeauftragte Leovinus konnte sich seiner Pole-Position sicher sein. „Vor den Schirmen“  lautete sein Thema, das elegant in einem Nebensatz aufblitzte und darüberhinaus wohl auch sinnbildlich verstanden werden durfte. Denn was sind (zusammengeklappte) Schirme anderes als die gespitzten Waffen unseres Alltags? Um einen verschiedentlich bewaffneten Alltagskampf drehte sich die äußerst unterhaltsame Flughafen-Café-Geschichte, in der eine bedauernswerte Chipstüte die mangelnde Beziehungstauglichkeit ihres Nichtbesitzers ausbaden muss. Anleihen bei Douglas Adams waren vollständig beabsichtigt.

Als hätten die beiden sich abgesprochen, übernahm Michael K. mit dem Anfang seiner Romanerzählung „Französische Liebschaften“ den Beziehungsstaffelstab und beförderte ihn, zusammen mit einem fahnenflüchtigen deutschen Soldaten und einer am Abteilfenster betörend lächelnden Mona Lisa, per Nachtzug ins Paris der 68er. Quickie eingeschlossen, auch wenn dieser namentlich in Teilen der Welt womöglich noch unbekannt war. Die Spannung der Nacht verlor sich leider im morgendlich grauen verbalen Nachspiel, das von den Clochards unter den Seine-Brücken bis zu Madame Pompadour einen weiten Bogen schlug, dem die nackte Handlung nur erliegen konnte.

Nicht die Nacht, sondern den Tag wählte Johanna als Material für ihre detailfreudige Alltagsbeobachtung. Was wie ein Krimi begann, war ebenfalls der Beginn eines längeren Romans, in dem sich eine junge Frau nach durchzechter Nacht anfangs eher ziellos durch die Stadt treiben lässt, vermutlich am Ende aber doch auf den Weg zu sich selbst begibt. Die Meinungen gingen auseinander, ob die minutiöse Erzählweise auf Dauer zu fesseln vermag.

Michael W. weihte uns in die Abgründe seines allerersten Kinobesuchs ein. Es geschah am Tag vor seiner Einschulung und hätte durch umsichtigere Hände und eine Packung Ohropax leicht verhindert werden können, aber womöglich war es genau diese Erfahrung, die Michael noch heute dazu bewegt, sich seine Albträume von der Seele zu schreiben. Und sind wir dafür nicht alle dankbar? Viel mehr kann hier aus Gründen der Sittlichkeit nicht wiedergegeben werden. Nur so viel sei gesagt: Bambi hatte nicht den Hauch einer Chance gegen den Vorfilm.

Im Handumdrehen gelang es Antje mit „Meine ersten Handschellen“, ihr Publikum in eine eingeschworene BVG-Fangemeinde zu verwandeln. Ihr Horrortrip vom liegengebliebenen M48er Omnibus, der in ihrer filmreifen Verhaftung gipfelte, ist zwar eigentlich streng geheim, aber da wir überzeugt sind, dass die BVG sich keine bessere Eigenwerbung wünschen kann als solch unterhaltsame Geschichten (mehr unter http://www.netnovela.de), soll die Welt nun doch davon lesen. (Vorsorglich bitten wir jenen Polizisten, dessen Hände sich auf Waffensuche ein wenig – nun ja – vergriffen hatten, um Entschuldigung für diese Indiskretion.) Bitte, Antje, wir wollen alle mit dir Bus fahren!

Nach der wohlverdienten Pause gewährte Paula uns erfrischende Einblicke in die Feuchtgebiete des Klimakteriums. Erst kürzlich zu diesem zweifelhaften Club gestoßen, wäre ihre Heldin liebend gern wieder ausgetreten, standen doch den offensichtlichen Nachteilen einer Mitgliedschaft (schlechte Laune, Pickel, Schweißausbrüche) keine erkennbaren Vorteile gegenüber. Aber aus der Pubertät 2.0 gab es kein Zurück. Und so blieb Paulas Heldin nichts anderes übrig, als der leidigen Sache mit Humor und dem Herbst im Trägerkleid zu begegnen, in dessen Dekolleté sich ein interessierter Supermarktkassierer durchaus verlieren konnte. Sehr zum Genuss der Zuhörer. Solch witzige Episoden hätten gern auch die übrigen 2.0-Attribute illustrieren dürfen.

Bruce aus Kanada hat uns mit seinen poetisch-melancholischen Liebesgedichten in Bann gezogen. Vom Klang der englischen Sprache und Sätzen getragen wie: „Heute ist der Tag, an dem ich dich nicht sehen werde“, hätten wir dem Musiker gut noch länger lauschen können. Nachzulesen sind einige der Gedichte in seinem Blog: http://fallinginloverocks.wordpress.com

Ich war mit meiner Lieblingszahl auf Platz acht des Abends gut bedient und bin in meiner Geschichte dem Konflikt zwischen zertifizierter (in diesem Falle medizinischer) Autorität und dem eigenen Gefühl nachgegangen. Darin konnte sich ein Großteil des Publikums wiederfinden. Nur der Kampf hätte ausführlicher geschildert und sein Ausgang offener sein dürfen.

Von Franks Romanprojekt haben wir schon einiges gehört. Am Montag hat er das Pferd (oder besser gesagt: die Geister) von hinten aufgezäumt und uns den Anfang vom Ende erzählt. Sprachlich rund verwebt er darin Fantasy und Realität um den geschrumpften Richter Klaus, der von einem Adler aus einem Dottersack befreit wird und seine irrwitzige Geistergeschichte vor dem Staatsanwalt erklären muss.

Jörn übernahm den Abschluss mit seinem Prolog „Stummfilm“. Zwei Frauen, von denen eine kürzlich einen Araber geheiratet hat, ordnen in einer mecklenburgischen Kleinstadt die Auslagen ihres Blumenladens, während die Mörder der einen anrücken. Jörns Arbeitsfrage: Kann man eine Geschichte aus der Sicht einer toten Taubstummen erzählen? Wir fanden: Man kann – und sind gespannt auf die Fortsetzung.

Zuletzt sei die neue Themenbeauftragte für den Monat November genannt: Petra hat sich gegen „Sommerfrüchte im November“ und für „Storchschnabelgewächs“ entschieden. Alle übrigen Themenvorschläge waren weniger botanisch und können gern als Anregung für weitere Geschichten genutzt werden: Darunter so originelle Jahreszeitenanlehnungen wie „November“ und „Weihnachten“, außerdem sachliche Schlagworte wie „Neutralino“, „Muttersprache“ und „französische Gardinen“  und schlussendlich Situatives wie „Im Hintergrund Gläserklirren“, „Aus dem Rahmen fallen“, „Fernweh“ und „Leises Licht“. Bedient euch! Und lasst uns schon am 27. Oktober 2014 hören, was ihr aus diesem oder ganz anderem gemacht habt.

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s