Die Zeit, der Mensch und Tom Schilling

  1. Unser Gastgeber und Moderator Stefan Greitzke bannte uns nicht nur durch seine wie immer charmanten Begrüßungs- und Einweisungsworte, sondern diesmal auch auf Polaroid. Nein, wir haben vorher keine Zeitreise in die Achziger hingelegt, er hatte tatsächlich so ein Gerät dabei, allerdings fast im selben Alter wie er selbst. (Auf die Frage des Alters kommen wir später noch zurück.) Ist Teil seines neuesten Foto-Projekts, das er hoffentlich dann auch austellen wird.
  2. Der Themenbeauftragte Jörn Zacharias hatte sich bei der Juni-Lesebühne mutig beauftragen lassen und eröffnete nun tatsächlich als erster Leser die des August. Was er vortrug, war nicht bloß eine Geschichte (war es eher nicht) und nicht bloß ein Text zum Thema (war es), sondern war Teil eines zukünftigen Theaterstückes, das eigentlich nicht von ihm, sondern von einem befreundeten Schauspieler geschrieben wird (auf einen Schauspieler kommen wir auch noch zurück) – aber dieser Teil eben von Jörn. Es war eine Rede, eine Ansprache, ein Monolog. Der Welterklärer, das Weltwissen höchstpersönlich, so die Rollenbeschreibung aus dem Theaterstück, sagte uns, was Sache ist. Zeit- und menschmäßig. Da schlackerten uns die Ohren, denn was der Erklärer so alles zusammenerklärte, konnte man nur mit dauerndem inneren „Aha“ durchwinken oder davor kapitulieren (was wohl dasselbe und vom Erklärer beabsichtigt ist). Ein brillanter, noch im Entstehen begriffener Ansatz mit Witz und Hirn. Da wird sich der Schauspielerfreund ranhalten müssen mit seinem Teil des Theaterstücks.
  3. Clemens (Klemens?) beehrte uns endlich wieder lesend, und zwar mit Beobachtungen aus der Berliner U-Bahn. Klingt wenig spektakulär, war aber geil. Seine Fähigkeiten des Hinsehens, Darüber Nachdenkens und vor allem des sprachlichen Abbildens sind erstaunlich. Mit wenigen Sätzen zieht er die Leser/Zuhörer in die Innenwelt des Beobachters/U-Bahn-Reisenden, der die Außenwelt erlebt wie eben nur er. Da fällt die Charakterisierung des erzählenden Ichs mit der des erzählten Ereignisses, des beschriebenen Vorgangs zusammen. Mosaiksteine, die kurzen Texte, aber was für welche. Das Mosaik, an dem Clemens mit seinen fragmentarischen Texten zu arbeiten scheint, wird immer größer und tiefer und schillernder.
  4. Bei der letzten Lesebühne hatte Michael Kuss uns erstmals etwas vorgetragen. Der gelernte und mittlerweile pensionierte Journalist stellte uns nun einen noch nicht veröffentlichten Text vor, las also „vom Blatt“. Der eröffnete im Vergleich zu seinem letzten Auftritt neue Dimensionen. Aus einer banalen Situation – ein alleinstehender, älterer Herr versucht, eine Kontaktanzeige zu formulieren – entwickelte er eine höchst spannende Gratwanderung zwischen Humor und Tragik. Die Unerbittlichkeit des fortschreitenden Alters kämpfte in den Gedankengängen dieses einsamen Menschen an seinem Cafétisch gegen den nun mal vorhandenen Wunsch nach einem Gegenüber, einer Frau. Und nicht nur der bloße Verfall stellt ihm ein Bein, es ist auch die immense Erfahrung, die das Alter nun mal mit sich bringt, das Wissen darum, was alles schief gehen kann. Und überraschend steht am Ende ein ganz realer Mensch vor dem Mann.
  5. Premiere: Dok W. traute sich erstmals an den Lesetisch und kämpfte daher noch ein wenig gegen unsere Sanduhr. Was bedeutet, er hetzte doch ein wenig durch seine drei eher kurzen Texte, was ihnen nicht gut bekam. Sie kreisten um jeweils eine Person, offenbar mit Alkoholproblem, beschrieben sein Leben, seinen Charakter, Situationen. Ironisch, in einer, wie wohl alle fanden, distanzierten Sprache mit vielen Sustantivierungen. So ganz fand das alles noch nicht zu einem Ganzen zusammen, auch der etwas unruhige, undeutliche Vortrag eben nicht, Dok W. ist offenbar noch am Anfang seines Schreib- und Lesebühnenwegs. Aber dafür ist unsere Lesebühne genauso ein Ort wie für alte Hasen und Profis. Die Diskussion geriet daher für ihn hoffentlich so fruchtbar wie für uns. Und, nicht zu vergessen: Dok W. erklärte sich bereit, der Themenbeauftragte des Oktober zu sein! Das erste von unserer Fee Stefan aus den Zuschauervorschlägen gezogene  Thema „Liebe“ schlug er aus und wird sich nun alternativlos der „merkbefreiten Individualität“ annehmen. Wir sind gespannt auf den Oktober!
  6. Frank Georg Schlosser beschloss (!) den diesmonatigen Lesereigen mit einer äußerst humorvollen, sprachgewandten und leichten Beschreibung eines Kneipenabends mit einem Freund. Als jener Freund den Schauspieler Tom Schilling am Nebentisch bemerkt, gleiten die Gedanken des Erzählers scheinbar unkontrolliert ab zu weiteren Prominentensichtungen seiner jüngeren Vergangenheit und zu der Frage, ob bzw. wie man den eigenen unbedeutenden oder lückenhaften Lebenslauf „vervollständigen“ bzw. frisieren soll. Der Freund, das Gegenüber, bringt, auch wenn er mal nervt, auch in der Hinsicht doch einiges in Bewegung.
  7. Stefan verabschiedete uns unter tosendem Applaus bis zum nächsten Lesebühnenabend am 22.September, und hier als Ideenpool für eigene Geschichten die restlichen Zuschauervorschläge.

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