Fragen

S0066110-001„Du hast ein Problem und alle wissen es“ – das war das Thema für den Juli-Beauftragten Frank Georg Schlosser, und seine Geschichte, besser gesagt, sein Kapitel, ließ auf der Oberfläche sofort denjenigen erkennen, der das Problem hat, von dem alle anderen wissen: ein Mann vor Gericht, unter Mordanklage. Wenn das mal kein echtes Problem ist! Aber die drei, die sich damit herumschlagen (nicht die Opfer, die haben es hinter sich), also Verteidiger, Ankläger und Richter, haben, folgte man Franks Vortrag, auch ein Problem, mindestens eins, und ein womöglich ebenso großes. Sie stehen vor der großen Frage: Ist der Angeklagte verrückt? Also zurechnungs- bzw. schuldfähig? Das wird ein Vierter, ein Gutachter klären müssen. Und das wird, soviel darf man verraten, im Verlauf des von Frank geplanten und in Teilen bereits geschriebenen bzw. entworfenen Romans, für den Psychologen ebenfalls zu einem Problem werden, denn die irren Geistergeschichten, die der Angeklagte erzählt, sind vielleicht gar nicht so erfunden oder wahnhaft, wie man gern meinen möchte. Die Einlassungen der Zuhörer wagten sich auch in spekulative Bereiche, Diskussion, Nachfrage und Vorschläge. Welche davon im Reich der Geister bleiben und welche in den Roman einfahren werden, bleibt noch im spannenden Dunkel, denn spannend dürfte es ohne Frage bleiben, was Frank dazu zu Papier bringen wird.

Als zweiter Vortragender machte ich es wieder Mal ziemlich kurz und stellte einen lyrischen Text vor: „Mysterium„, der erwartungsgemäß die Frage aufbrachte, ob die darin angesprochene Person eine Person ist. Auch wenn solche Fragen in der Literatur durchaus sein sollen, war dies nicht das Mysterium des Textes, und die Antwort auf diese Frage durfte eindeutig gegeben werden: Nein. Dabei war das Zentrum des Textes selbst eine Frage, die ebenso simpel, aber ungleich schmerzlicher ist. Es handelte sich nämlich um eine Auseinandersetzung mit der Unwägbarkeit der Liebe. Vermutlich lag es daran, dass jeder Erwachsene damit mehr oder weniger schmerzhafte Erfahrungen hat, dass die Zuhörer lebhaft an dieser Auseinandersetzung teilnahmen und diskutierten – auch über nicht-literarische, sondern philosophische Fragen.

S0176181-001Ein neues Gesicht auf der Lesebühne, das wir mit berechtigter Hoffnung wohl ab jetzt öfter sehen werden, erweiterte den literarischen Horizont des Abends um ein weiteres Genre. Michael Kuss, pensionierter Journalist, kann das Schreiben nicht lassen und versammelt detailreiche, lebenskluge und wortgewandte Beobachtungen aus dem Alltag in Form von kurzen Reportagen in einem Taschenbuch, aus dem er den ersten Text vortrug. „Lucie wartet“ in einer Neuköllner Kneipe zwischen mehr oder weniger gestrandeten Existenzen auf … was? Das ist die Frage. Ossis und Wessis, Treptow und Neukölln, Stütze und Mindestlohn-Jobber strudeln durch einen Tag mit Bier und Schnaps, Geldspiel- und Geldautomat, die ihren Inhalt beide nur unwillig hergeben, auch wenn man gerne anderes behauptet. Das Milieubild kam an, weil es aufmerksam beobachtet und frisch erzählt war, ein paar allzu schnell gewählte und klischeegefährdete Charakterisierungen sollen trotzdem nicht unerwähnt bleiben, gerade weil alles andere so anregend und lebhaft geraten war. Wir sind gespannt auf die nächsten Kuss- Texte.

S0346283-001Jörn Zacharias, Themenbeauftragter im August, feuerte ganze Salven von Fragen ab in seinem „Pärchenabend“-Text, dem inneren Monolog eines Erzählers, der, das wurde erst im Laufe des Textes eindeutiger, wohl gerade an einem Mensch-ärger-dich-nicht-Spieleabend teilnimmt und dem genau das immer weniger gelingt. Letzteres wird voraussichtlich, so kündigte Jörn an, in der weiteren Ausarbeitung des Textes zu drastischen und unangenehmen Konsequenzen führen, die hier und heute Abend aber nur von Ferne angedeutet oder in der Diskussion angesprochen wurden. Dass das Brettspiel, so wusste Jörn im Text zu berichten, während des ersten Weltkriegs erfunden und kurioserweise in der Truppenbetreuung eingesetzt wurde, lässt ein wenig die Richtung ahnen, die die Eskalation des nicht verarbeiteten Ärgers vermutlich einschlagen wird. So können Weltkrieg, Midlife-Crisis und Brettspiel-Abend auf ein und dieselbe Frage hinauslaufen: Wer kommt hier lebend raus? Wir sind nach diesem beziehungsreichen Text gespannt darauf, welchen Ausgang er einmal nehmen wird.

Zwei Fragen wurden eindeutig beantwortet an diesem Abend: Wer wird Themenbeauftragter im September und welches Thema wird er bearbeiten? Leovinus! „Vor den Schirmen“! Basta!

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P.S. Wer noch eine Idee braucht, darf sich bei den nicht gezogenen Zuschauervorschlägen bedienen!

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