die dreiviertelhundertste Lesebühne

Und keinem ist es aufgefallen.
Lässt ein bisschen auf den Zustand schließen. Die gestrige war die 75. offene Lesebühne. Sind die alten Kämpen müde geworden? Immerhin zwei von ihnen haben gestern gelesen.
Und immerhin neun Lesende waren es insgesamt, und die Diskussionen waren durchaus rege.
Begonnen hat die Themenbeauftragte Johanna mit dem Thema „Bushmaster“. Das Thema sich ausgedacht zu haben, dazu hat sich Micha bekannt. Und bei google sind erst eine ganze Menge Bilder zu dem Sturmgewehr bevor das von der Schlange kommt, an die uns Johanna gestern erinnerte, also nicht Johanna in persona, sondern ihr Text, von Willi aus Buch, dem noch alle Wege offen stehen, weil er sich für noch keinen entschieden hat. Witzig fand ich die Fettspuren auf der Smartphone-Oberfläche als die Spuren, die ein Mensch heutzutage im Leben so hinterlässt.

Danach hat Maik mit Backenbart informelle Rhetorik als Lyrik vorgetragen. Und die Harzer Roller Oma – und etwas mit Lidl … es war überhaupt eine sehr Lyrik-lastige Lesebühne gestern.

Unmittelbar folgte nämlich Annette, die Biologielehrerin, die über das Liebesleben der Tiere zu uns kam. Debello animali und animal erotica nannte sie ihre Gedichtzyklen, die sich reimten, viel mit Worten spielten und ihre Hände spielten auch. Wollten sie den Text untermalen oder uns von ihm ablenken?

Danach las Petra einen sehr kurzen Text über einen Komponisten, dessen Klavier von Kranichen davongetragen wird, nachdem er eine Symphonie beendet hatte. Sie musste ihn zweimal lesen und sagte, dass er eine Übung gewesen wäre im Zehn-Minuten-Schreiben. Das ist gar keine schlechte Ausbeute – in zehn Minuten einen Text zu schreiben, der zweimal gelesen fünf Minuten dauert.

Nach der Pause begann Ute, die Chefin vom Zimmer 16 und Moderatorin der offenen Bühne, mit einer deutschen Bearbeitung eines albanischen Märchens von einem halben Hahn, der auf das Geld des Königs scheißt und auf eben märchenhafte Weise am Ende zu diesem Geld kommt, um es von den Großeltern, die ihn eigentlich böse behandelt haben (erst als er nur noch ein halber Hahn war, waren sie anständig zu ihm), aus sich herausprügeln zu lassen. Tiefenpsychologie lass nach. Aber diese Geschichte, stelle ich grad fest, ist mir am nächsten gewesen den ganzen Abend. Die kann ich noch.

Jörn, der neu gewählte Themenbeauftragte August (er hat Venusmuschel abgelehnt und „Die Zeit und der Mensch“ genommen), las Gedichtelieder. Was ist gut? Wasser ist gut. Was ist gut? Wasser ist gut. Er verband damit, so sagte er, Island mit Afrika und dann gab es noch etwas für Nietzsche, glaube ich: Wer zuletzt lacht, zimmert den Parcour, dann wird das Lachen Kreatur.

Magnus las einige Gedichte, die ich alle nicht verstanden habe, einige las er auch nicht, weil die peinlich werden könnten, sagte er. Warum wissen wir nicht. Das Publikum diskutierte sehr rege. Die Diskussion habe ich schon besser verstanden. Es ging unter anderem um einen roten Faden, der all diese Gedichte verband. Woraus der bestanden haben soll … ? Keine Ahnung.

Als nächster Lesender wurde Micha gelost, der uns ein späteres Kapitel aus seinem aktuellen Romanprojekt vorstellte. Der Held kommt mit Ingrid (die eine Mutterfigur für ihn zu sein scheint) nach Hause und sie stellen fest, dass Lothar (der Mann von Ingrid) im Garten die schwere Wanne ausgekippt hat, so dass die Karpfen auf dem Rasen nur deshalb noch nicht alle aufgefressen waren, weil der Held und Ingrid gekommen waren und alle potenziellen Räuber vorerst verschreckten. Und die Festplatte hatte Lothar mitgenommen. Aber die Tochter Janine wunderte sich darüber gar nicht, eher dass es so milde abgelaufen ist und nicht eine Bombe das Haus zerfetzt hat.

Zum Abschluss durfte ich (Frank Georg Schlosser) drei Männerminiaturen lesen, die erfreulicherweise auch eine lebhafte Diskussion auslösten, u.a. über die Frage (die auch Michas Romanausschnitt betraf), welche Rolle ein Ich-Erzähler spielt. Jörn beschäftigte das sehr, inwiefern dabei Dinge gebracht werden dürfen, die der Ich-Erzähler gar nicht erlebt haben kann. Ich habe das ein bisschen von mir gewiesen, weil das bei mir nicht so war, fand ich, trotzdem interessant die Frage, wie sinnig die Perspektive einer handelnden Person ist. Muss man wohl jedesmal neu entscheiden.

Und Larmoyanz – das kam als Kommentar – und dazu fand ich folgenden Satz bei Wikipedia: „Weil er aber an Harmoniesucht leidet und gleichzeitig der Annahme verfallen ist, dass er Frauen unbequeme Wahrheiten nur im Gewand des Büßers überbringen kann, kleidet er seine als Freiheitsdrang getarnte Unentschlossenheit in Larmoyanz.“
Allein für den Satz hat sich der Abend doch gelohnt.

Ja. Einen getrunken auf die viertelhundertste Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 und vorher im Studio 10 habe ich nun alleine. Aber das macht auch nix. Denn wie heißt es so schön bei Mamma Mia: I’m a writer, lone wolf. 😉

 

FGS

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2 Kommentare zu “die dreiviertelhundertste Lesebühne

  1. Hat dies auf primat berlin rebloggt und kommentierte:
    Frank hat mal wieder vorbildlich und in Turbotempo die gestrige offene Lesebühne im Zimmer 16 zusammengefasst. Vor allem die hinreißende Vorführung (oder Verführung) von Annette wird mir lang im Gedächtnis bleiben und die fließende Atmosphäre, die Magnus mit seinen Gedichten schuf. Kurz war wir alle Eins (außer Frank, der hat Magnus‘ Texte nicht verstanden). Schön war es, inspirierend, es knisterte sogar an einigen Stellen. Vielen Dank für den schönen Abend.

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  2. Ich habe die Gedichte von Magnus auch nicht „verstanden“, aber dennoch habe ich sie verstanden. Das macht echte Lyrik aus: Sie ist erkennbar, aber nie eindeutig zu verstehen, teilt sich immer anders mit und hört damit nie auf, so oft man sie auch liest. Mit einem Mal Hören ist wohl eher das Erkennen machbar, weniger das Verstehen, was natürlich immer subjektiv ist. Ich würde Magnus‘ Gedichte gerne öfter „hören“/lesen.

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