Dies ist Klaus, besondere Kennzeichen: keine

Die offene Lesebühne vom 26.5.2014 ist Geschichte … es war die vierundsiebzigste und sie stand erstaunlicherweise unter dem

Motto „Hier ist Klaus, besondere Kennzeichen: keine.“

Und ich wage es, daraus Schlüsse auf den Zustand unserer Gesellschaft zu ziehen, dass Klaus als literarische Figur auf dem Vormarsch ist. Denn Klaus ist keine starke literarische Figur. Zunächst war er unfähig, eine Funktion in diesem Staat zu übernehmen und kompensierte das durch den missglückten Versuch eines terroristischen Anschlages auf seinen Beichtvater.
Dann war er unsichtbar da als wegen Zeitmangels nicht vorgestellte Hauptfigur in meinem Romanprojekt, wo er auch eher unfähig ist, seinen Raum auszufüllen, ihn überhaupt zu spüren, was ihn „so klein mit Hut“ macht.
In Johannas Gedichtprojekt geisterte er herum als Möglichkeit sich in ihn zu verwandeln; wenn sonst nichts hilft, kann man immer noch Klaus werden.
Und schließlich tauchte er in Axels Hartz-IV-Miniaturen als deprimierende Variante des ewigen Stent auf, der nur noch als Erziehungsprojekt des Arbeitsamtes seine Existenzberechtigung findet und sich dabei etwas desinteressiert zusieht.
Aber es gab auch Autoren, die ohne Klaus ausgekommen sind: Petra zum Beispiel, die das Geheimnis ihrer Tante zu ergründen suchte, als Rückblick vom Grab der guten Frau geschrieben. Sie führte uns dabei das Kopftuch in unserer eigenen Geschichte vor. Sehr faszinierend, wie die Ich-Erzählerin beobachtete, wie die Tante sich entkleidete; sie stand schon völlig nackend da, als sie zuletzt das Kopftuch löste und ein langer Zopf bis zum Po fiel. Der Zopf unterm Kopftuch als das letzte große Geheimnis. Von da ist es in die Türkei ausgewandert und kommt nun zurück. 😉
Silvania kam ohne Klaus aus, vielleicht weil sie Niederländerin ist. Sie trug aus einem Drehbuch vor, in dem zwei Frauen das lockere Liebesleben der Neuzeit, das trotzdem anstrengend ist, vorführten. Sie versicherte uns, dass im weiteren Verlauf des Films die Hauptheldin sich auf den Jacobsweg begibt um rauszukriegen, welchen Mann sie nehmen soll, oder wer ihrer Seele am nächsten ist. Das kann man machen, finde ich. Auf der Via Francigena habe ich eine junge Frau kennengelernt, die von Rom nach Santaigo die Compostella pilgern wollte um nach vierzehnjährigem (!) Medizinstudium herauszufinden, ob sie Radiologin oder Chirurgin werden soll.

Danach habe ich den Anfang eines Romans über einen Menschen gelesen, der nicht Klaus heißt, aber glaubt, den Geist seiner Mutter versöhnen zu müssen.

Danach kam Johanna. Verdichtete Gedanken. Also ich fand, es waren eher ausgesponnene Gedanken. „Aus Versehen leben“. Es war sehr traurig. Gerade das hat mich fasziniert. Hineinstürzen in die Traurigkeit, sonst kommt man nie ans Ufer, lernt nie schwimmen.
Ich brauch den Körper nicht,
nur ein Herz, das vorwärts schwingt.
Versuch nur Seele zu sein …
misslingt.
Gottseidank, möchte ich rufen, wo sollte die Seele denn wohnen? Es ist ein Faszinosum: die Seele, die im Körper wohnt, aber ein ich, das ihn nicht leiden kann. Dieses Ich möchte nun die Seele schützen, aber ihm fällt nichts besseres ein, als ihr die Lebensgrundlage, den Körper, entziehen zu wollen. Sehr spannend.
Es folgte Axel (die Reihenfolge der Lesenden wie immer mit viel Charme von Stefan gezogen), der letzte Klaus des Abends. Deprimierendes Erziehungsobjekt Klaus. Es ist nicht unterhaltsam, aber wertvoll und sinnig, so was aufzuschreiben, weil es einen Blick erlaubt auf etwas, das viele erleben (wer es nicht erlebt, kann es sich nicht vorstellen) und das irgendwie nach Axels Text zu urteilen schief läuft. Fortsetzung der Schulpflicht im Alter. „Die Gesellschaft“, die Erwachsene behandelt wie ungezogene Kinder. Ich fand, ein überzeugendes Plädoyer für das berühmte leistungslose Grundeinkommen.
Zuletzt hat Angela gelesen, das Los wollte es, uns so den Höhepunkt des Abends ganz ans Ende zu verlegen. „Dreieinhalb“. Toskana. Radtour der Familie. Endlose Steigung und eine schwarze Wolkenwand, der man im nächsten Dorf in einem Café zu entfliehen hoffte, aber die Naturgewalten waren schneller. Dreieinhalb meinte die Sekunden vom Zucken des Blitzes bis zum Krachen des Donners. Das Spiel mit dem eigenen Mut beim Bezwingen der Angst der Kinder und der eigenen Angst, als dann aus dreieinhalb eins geworden war, und die Frage stand: war es das?
Die Geschichte bot kurz vor Mitternacht Anlass zu einer lebhaften Diskussion, u.a. darüber, wie strukturiert der Mensch im Angesicht des Todes denkt und was er gelobt, sollte er davon kommen, und wie gefährlich ein Gewitter wirklich ist.

Augustinus ist oben ein wenig zu kurz gekommen. Dabei war er der Themenbeauftragte und hat auch die längste Geschichte gelesen, was wir ihm durchgehen lassen haben, a) weil er der Themenbeauftragte war und b) weil seine Geschichte „über die Unfähigkeit, eine Funktion in diesem Staat zu übernehmen“, über lange Strecken sehr amüsant war. Klaus, der die angegebene Brenndauer von Kerzen mit der Stoppuhr überprüft (how weird ist that!), wird vom Arbeitsamt (!) darauf hingewiesen, dass er unfähig sei, eine Funktion in diesem Staat zu übernehmen. Er wohnt in einem Hochhaus, das nur darauf wartet, dass er auszieht, um gesprengt werden zu können; ihm folgt ständig die Dohle Elsa und er hat bei jeder Frau, deren Haut eine gewisse Jugend ausstrahlt, ein Ziehen unter den Rippen. Wegen seiner Unfähigkeit, eine Funktion in diesem Staat zu übernehmen, geht er zu Pastor Hahn um zu beichten. Da der aber sogar zwei Funktionen, eine in diesem Staat und eine im Staate Gottes, innehat, baut Klaus mithilfe seiner Brenndauerkerzen einen Mechanismus, der, wenn die Kerze heruntergebrannt ist, eine Wippe in Gang setzt, die einen Stromkreis schließt, der Pastor Hahn funktionslos machen soll. Kein Wunder, dass das in einer Viertelstunde nicht zu machen war. Pastor Hahn wird gerettet. Unter anderem mithilfe der Dohle Else und einem vergessenen Regenschirm und nun ist aber wirklich Schluss.

Ach so: der neue Themenbeauftragte für den Monat Juli: aus dem Drehbuch von Silvania stammte der Satz: „Du hast ein Problem und alle wissen es.“ Das wurde als Thema gezogen und ich werde derjenige sein, dem dazu was einfallen muss.
Die nächste (die 75.!) Lesebühne ist am Montag, d. 23.6.2014. Bis dahin – orido.

FGS

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2 Kommentare zu “Dies ist Klaus, besondere Kennzeichen: keine

  1. Hat dies auf primatberlin rebloggt und kommentierte:
    Gestern bei der SNN-Lesebühne mit Werkstattcharakter hießen fast alle Protagonisten KLAUS. Auch in meiner erdichteten Geschichte über Herrn Sinn, Frau Wahnsinn, Frau Schein und Herrn Voll entpuppte sich die Hauptfigur als ein KLAUS SINN. Was sagt uns das? Frank hat darüber nachgedacht. Mit meinem Gedicht übers Leben aus Versen habe ich ihn traurig gestimmt. Ich hoffe, er hat sich wieder erholt. Bis zum nächsten Monat, wenn ich als Themenbeauftragte über „Bushmaster“ schreibe. Was für ein Thema … Naja … Meine Fantasie ist grenzenlos …

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  2. Hui, schöner Abend! Sehr verschiedene Klause, mal aufregend, mal wasweißich. Nach dieser Zusammenfassung könnte man prompt Lust bekommen selbst in die Tastatur zu greifen. Vielen Dank an alle mutigen Vorleser. Jana

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