Aus vier mach mehr

Ginge es nach Anzahl und Charakter der vorgetragenen Texte dieser 73. Lesebühne, so waren weit mehr als vier Autoren vertreten. Wie das geht? In der Literatur geht alles. Aber eins nach dem Anderen und vorher noch ganz wichtig:

Das Zimmer 16 braucht eine Lampen-Spende! Die Leselampe am Lesetisch hat das Zeitliche gesegnet. Wer also eine Steh-/Büro-/Couchlampe übrig hat, bitte bei uns oder dem Zimmer 16 melden!

Zinnschrei“ war der Auftrag, den Michael Wäser (also ich) zu erledigen gehabt hatte, und der war erst mit dem der Begrüßung durch Stefan Greitzke folgenden, lesebühnenöffentlichen Vortrag und der diesbezüglichen Diskussion mit den Anwesenden offiziell abgeschlossen. Ganz so formell wie das klingt, wurde es natürlich nicht, wenn auch eher streng formal. Denn erstmals seit es bei SNN den „Themenbeauftragten“ gibt, wurde aus dem Auftrag ein rein lyrischer Text. Was über die Jahre aus einer Zweierbeziehung werden kann, wenn die beiden Liebenden miteinander ganz verschmelzen, und wie schwer wahrnehmbar diese doch gewaltige Veränderung ist, darum ging es in dem Gedicht „Zinnschrei“. (Mit einer Seite Länge der bisher knappste Beauftragtentext. Rekord! )Die 15min-Grenze kam also nicht in Sicht, sodass das Gedicht sogar zweimal gelesen wurde, irgend jemand (ich) sagte, das sei auch nötig gewesen!)

Kurz, wenn auch nicht ganz so kurz, fasste sich auch Johanna Sailer, die zum ersten Mal bei SNN las. Sie trug allerdings derer vier sprachoriginell – witzige Beobachtungen aus dem Kosmos des Berliner ÖPNV vor, die jeweils einmal im Monat in den „Prenzlberger Ansichten“ erscheinen. Die Monate sind es auch, die den Texten neben dem Schauplatz ihr verbindendes Element geben. So fuhren wir mit Johanna humorvoll und poetisch von Januar bis April per Bus, U-/S-Bahn und Tram durch die Metropole und begegneten kulinarisch kreativen Kleinkindern, von dem frühlingsbegeisterten Ausruf (oder der Aufforderung?) „Spring!“ überraschten Fahrgästen und vielem mehr, was man mit einem BVG-Ticket so alles als Beifang finden kann. Johanna meldete sich übrigens freiwillig als Themenbeauftragte des JUNI – herzlichen Dank! Dazu später mehr.

Ultrakurz – in ihrer Knappheit kaum noch zu steigern waren manche der Gedichte von Regine Leonore Birkner. Die zukünftige Berlinerin (herzlich willkommen!) stellte eine Reihe sehr unterschiedlicher Texte vor, die doch vermutlich alle eher der Lyrik zuzurechnen sind, manche eindeutig, manche auf den zweiten Blick. Wortklang, Bedeutungsbeziehungen, Umdeutungen, Neuzusammensetzungen zur Assoziationsfreisetzung, nachdenklich bis ausgesprochen spielerisch dem Leben und der Sprache gegenüber. Manchmal nur ein auseinandergenommenes/neu zusammengesetztes Wort – wenn ich mich nicht verhört habe. Die Diskussion entwickelte sogar eine gewisse Schärfe. Wenn es um Lyrik geht, wird eben mit der Goldwaage abgemessen und die Grenzen sind oft klar. (Diese und viele weitere Gedichte hat Regine in ihrem Buch versammelt.) Danke auch für diese Lesbühnenpremiere, wir hoffen, alle Vortragenden des Abends bald wieder begrüßen zu können.

„Ladies first“ sagte Levend Seyhan, als es um die Festlegung der Lesreihenfolge ging, was ihm die Ehre und die Bürde des Abschlusses einbrachte (Ich gehe einfach davon aus, dass er die beiden Frauen meinte, die vor ihm lesen sollten und nicht auch mich, da mein Platz als Beauftragter ohnehin oben auf der Liste war 😉 )  Ebenfalls ein Debütant auf der Bühne des Zimmer 16, außerdem ein Gast aus Frankfurt am Main, auch ein herzliches Willkommen an ihn. Auch er hatte kein großes Gepäck, sondern kurze und darüberhinaus verschiedenartige Texte – keine „reine“, erzählerische Prosa, keine Geschichten im engeren Sinne, sondern reflexive, sprachlich mehrstimmige Gewebe, Flächen, Folien, die glänzen, schimmern, durchscheinen lassen konnten, manchen zu „klassisch“ schön, manchen angenehm farbig und warm. Auch hier nicht eines wie das andere, sondern verschiedene Versuche, dem Leben mit Sprache etwas abzugewinnen oder hinzuzufügen. Levend ist ebenfalls bereits veröffentlichter Autor.

Wir danken allen, die gelesen und mitdiskutiert haben, und ein besonderes Dankeschön an Johanna, die Themenbeauftragte im Juni. Ihr Thema, das wie angekündigt nun offenbart wird: BUSHMASTER. Wir sind gespannt! Vorher allerdings sehen wir der Mai-Lesebühne aufgeregt entgegen, wo Augustinus, der allererste Themenbeauftragte, der nicht dem SNN-Kern entstammt, zum Thema „Die Unfähigkeit, in diesem Staat eine Funktion zu übernehmen“ lesen wird.

P.S. Das noch: die Themenvorschläge, die NICHT gezogen wurden, bieten wir hier als open-source-Kreativpotenzial feil. Wer will, kann sich bedienen: Unterschiedlichkeiten, Hundekotsauger, PVC, Experiment, kariert, Esprit, Pfingstrose.

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2 Kommentare zu “Aus vier mach mehr

  1. Pingback: So noch nie-Lesebühne, 28.04.14 | prima-t

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