Träume, die 72.

Am 24. März 2014 gabs im Zimmer 16 bei der 72. Offenen SoNochNie-Lesebühne nicht nur viel zu hören, sondern auch zu sehen, denn manch Autor unterstrich die Wirkung seines Textes auch auf besondere optische Weise. Aber ich greife vor.

Den Anfang machte in souverän-dreister Regelauslegung Leovinus. Er nahm sich die Freiheit, sein zugelostes Themenbeauftragten-Thema mit dem zuvor in einem seltenen Anfall von Wassolldasdenn abgelehnten nahtlos zu verbinden. Und weil solcherlei Themenhochzeiten unnachgiebig ihren Raum einfordern, geriet der Text ein wenig über Sanduhrlänge. Was allerdings niemanden störte, denn größtenteils fühlte sich das Publikum von „Traumfänger oder Wer hat Fedde?“angenehm unterhalten. Ob nun aus der verrätselten Geschichte auf drei Ebenen die Botschaft, zu sich selbst zu stehen herausgehört, erste jugendlich-zarte Liebesbande gewittert oder über von Ast zu Ast hüpfende Gedanken gestaunt wurde – für jeden war etwas dabei.

Elian Meußß übernahm mit einem Kapitel aus seiner umfangreichen Textsammlung „Überdruck“. In seinem zum Teil schmerzhaft ehrlichen Selbstbekenntnis in Signalrot ging er der Frage nach, wie man erwachsen wird und trotzdem glücklich bleibt und erntete damit reichlich Zustimmung.

Auch Petra Lohans feinfühlig leiser Text kreiste um eine Frage, noch dazu eine, die ständig und fürchterlich nervt und die doch jeder kennt. Zum Glück nie eplizit ausgesprochen konnten die Zuhörer ihren eigenen Gedanken nachhängen, bevor die Geschichte mit ihrem geradlinigen Happy End eine Schneise für Tatkraft und Optimismus ins Dickicht lähmender Unschlüssigkeit schlug.

Was eine abgehalfterte Couch empfindet, wenn ihr Besitzer sich von ihr trennen will, und mit welchen – auch durchaus verwerflichen – Mitteln sie dagegen ankämpft, auf dem Müllberg ihrer eigenen Geschichte zu landen, war von mir zu hören.

Um Metaphysik und Spuren hinterlassen ging es in Chris Rautenbergs kurzem Gedicht ‚Leben Nr. 2‘, das zum besseren Verständnis gern auch zweimal vorgetragen wurde.

Clemens schloss den Lesereigen gewohnt poetisch und sprachsicher mit einem dreifachen Charakterporträt, das einmal in eine Geschichte münden soll und vorerst leichtfüßig zwischen Nabokov und versifften Matratzen oszillierte. Einer meiner persönlichen Lieblingssätze, sogar jetzt im Frühling: „Hinter der Fensterscheibe novemberte es.“

Zum Abschluss des Abends gabs noch eine Überraschung: Augustinus ist der erste Nicht-SoNochNie-Stammautor, der sich mutig als Themenbeauftragter zur Verfügung stellt, in diesem Falle für den wunderbar sinnlichen Monat Mai. Wir dürfen gespannt sein, welche lustvollen Farben er seinem eher trockenen Thema ‚Die Unfähigkeit, eine Funktion in diesem Staat zu übernehmen‘, abgewinnt.

Was wären seine Alternativen gewesen? Honigmund, goldene Mitte, Wie lebe ich die Verzweiflung?, Am Anfang war der Wahnsinn, Schaulaufen, eine reichliche Sekunde, Lebenshunger, Folgen des Lebens, Termindruck, Burnout und Prenzlauer Berg.

Für alle anderen gilt: freie Fahrt durch den Themendschungel. Und nicht vergessen: Die nächste Lesebühne kommt garantiert, nämlich am 28. April 2014!

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s