Gefangen


Puh, bin ich froh, diesen Titel gefunden zu haben! Das Wort nämlich lässt sich auf alle Beiträge der gestrigen November-Lesebühne beziehen, in unterschiedlicher Weise selbstverständlich. Jetzt habe ich Sie hoffentlich neugierig darauf gemacht, in welcher.

Die Ehre und Bürde des Beginnens lag wie immer bei der Themenbeauftragten, im November: Angela Bernhardt. In ihrer Geschichte zum Thema und unter dem Titel „Fangzahn“ fühlte sich die jugendliche Protagonistin erst von den Augen eines Schulkameraden mit diesem Spitznamen und dann auf seinem Dachboden gefangen – letzteres aber nur für ein paar Schrecksekunden. Nicht wenige Zuhörer fanden das im besten Sinne gruselig. Allerdings auch ganz nah dran – oder drin – in den Gedanken, die sich eine Dreizehnjährige so macht am laufenden Band – vermute ich mal, unterstützt von den zustimmenden Worten aus dem Publikum gestern. Ein sehr spannender Einblick in die Empfindungswelt einer Pubertierenden ist aus diesem Auftrag geworden!

Frank Georg Schlosser ließ uns unter die Motorhaube respektive in seine Werkstatt schauen: keine Kurzgeschichte, sondern ein fiktives Interview, eine Annäherung an eine (Neben)Figur seiner aktuellen Erzählung präsentierte er. Der Geist eines mörderischen Tadschiken fühlte sich gefangen im Werbellinsee, auf dessen Grund er, nun ja, gefangen ist, seit er  sein finales Verbrechen beging, zeigte aber weitaus mehr Facetten, als nur ein Fiesling aus dem Pamir zu sein. Wir sind gespannt auf seinen Auftritt in der fertigen Erzählung.

Premiere I: Zwei SNN-Novizen zeigten die (meines Wissens) erste pantomimisch-literarische Performance auf der Lesebühne. Elisabeth trug erotisch-existenzielle Gedichte vor, wechselte sich dabei mit Bühnenpartner Sebastian ab, der auch den Darstellerpart übernahm und, leider, das Vorgetragene bloß illustrierte und keine eigene Darstellungskraft aufbaute. So waren am Ende beide gefangen im Unfertigen. Das Ganze war allerdings als Arbeitsstadium angekündigt – das konstruktive Feedback vom Publikum ist hoffentlich konkreter Ansporn, weiter zu feilen.

Premiere II: Erstmalig im Zimmer 16 –  auf sehr endgültige Weise waren die Personen aus Philipp Tophovens Gedicht gefangen, nämlich in ihren Gräbern. „Ci gît“ (Hier ruht), hieß es, war ursprünglich auf Französisch verfasst, nun trug der Berliner aus Paris es in seiner deutschen Übertragung vor. In dem klugen, philosophischen Gedicht ging es um höchst verschiedene Verschiedene (pardon), u.a. um Robert Desnos, Lenin und Hitler, und ihre letzen Ruhestätten, die kaum so ausgefallen sein dürften, wie ihre Bewohner sich das vorgestellt haben, egal, ob sie Massenmörder, Weltveränderer oder tragisches Opfer waren. Hoffentlich können wir Philipp bald wieder bei SNN begrüßen.

Meine beiden Auszüge aus dem aktuellen Romanprojekt bildeten den Abschluss des Abends. Der Erzähler der Hauptgeschichte ist darin zwar auf Reisen, aber dennoch gefangen in einem furchtbaren Trauma, das hier nicht offenbart wurde. Auch wenn das gestern nicht meine Absicht war (politische Diskussionen zu provozieren), entwickelte sich dennoch eine solche und veranlasste sogar einen Kollegen, unter Protest zu gehen (Weil er lieber literarisch diskutieren wollte.) Das Politische machte aber wieder Platz für die literarische Diskussion. Bleibt mir die fruchtbare Einsicht, dass mein Projekt auf beiden Seiten – literarisch UND politisch – etwas von einem Drahtseilakt hat.

Natürlich wurde auch wieder gewählt/gelost. Zum ersten Mal (Premiere III) konnten sich auch Schreibende, die nicht zum SNN-Kernteam gehören, zur Verlosung des Themenbeauftragten stellen, und es gab einen Mutigen: Philipp hob die Hand. Danke für deinen Pioniergeist! Ausgelost wurde jedoch Frank Georg Schlosser, sein Thema, gezogen aus den Vorschlägen des Publikums, wird „Eisregen“ sein, nachdem er „Gluteus maximus“ aus erster Ziehung abgelehnt hatte. (Was noch im Topf lag: peinlich berührt, Die Seele im Strudel der Zeit, Pause, Eröffnung, Schaum und Splitter, Doppelleben, Apfelbäume am Straßenrand, Kälte)

Eine interessante, anregende und ereignisreiche Lesebühne, dank an alle Teilnehmenden, ans Zimmer 16 und natürlich an unseren Gastgeber und Moderator Stefan Greitzke!  Am 23. Dezember (!) findet die letzte Lesebühne dieses Jahres statt, ich werde als Themenbeauftragter „Das perfekte Fest“ ausrichten (versprochen!).

Vorher sehen wir uns aber bestimmt noch in der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek, oder?

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