Glanz

Auszug aus der Geschichte von Michael Wäser, Themenbeauftragter Oktober zum Thema „Parabolspiegel“

Beinahe Stille. Mehr und mehr Sonnenlicht bricht sich Bahn durch die letzten aufgewirbelten Sandwolken und umher schwebenden Objekte, die bald auch zu Boden gesunken oder von der Strömung sanft fortgetragen worden sein werden. Große, silbrig glitzernde Augen spiegeln sich in mir, deren mit ihnen verbundenes Gehirn nicht im Entferntesten zu erfassen in der Lage sein dürfte, was gerade geschehen ist und warum es geschehen ist, nicht einmal, warum das Bild, das diese Augen sehen, auf dem Kopf steht, das Bild der ganzen Welt.

Ich wurde geschaffen vor drei Jahren im französischen Limoges, als eines von 362 Teilen des exklusivsten Speisegeschirrs dieses Jahrzehnts. Ich bin einer von 48 Speisetellern mit 270 mm Durchmesser, welches mich und die anderen Speiseteller von den 48 Platztellern mit 285 und den 48 Suppentellern mit 250 mm Durchmesser unterscheidet, wobei ich die kleinen Speiseteller, die Salatteller, die Dessertteller und -schalen, die ebenfalls in einer jeweiligen Anzahl von 48 Stück und der ihnen jeweils angemessenen Größe vorhanden sind, und die dazugehörigen, umfangreichen Serviergeschirre nicht ausdrücklich erwähnen möchte. Der Name, den die Manufaktur in Limoges diesem Service gab, das nur einmalig und nur für einen einzigen Kunden angefertigt wurde, war „Helios“. Dieser Name verband auf bestechend klare Weise, ebenso wie das so bezeichnete Service, die Vorstellung von Erhabenheit und Macht mit dem Anspruch wahrhaftiger Exklusivität. Diese wurde auch dadurch sichergestellt, dass der Preis für einen einzigen Speiseteller, also mich, bei etwa 6000 Euro anzusetzen war. Diese Preisgestaltung kam dem Wunsch des Kunden durchaus entgegen, der sich um die Kosten nur insofern Gedanken machte, als sie für alle anderen Menschen, abgesehen von sehr, sehr wenigen Ausnahmen, vollkommen unerreichbar sein sollten. Sie erklärte sich aber auch durch die neuartige und kaum weniger exklusive Art der Herstellung des Geschirrs. Es bestand im Kern aus feinstem Limoger Porzellan. Eine flämische Designerin hatte das komplette Service in konsequenter und radikaler Reduktion der Form entworfen – es gab bei keinem Teller, keiner Schale, keiner Platte einen althergebrachten „Tellerrand“. Stattdessen wiesen alle Stücke, soweit das irgendwie realisierbar war, eine perfekte Kreisform auf und von Rand zu Rand durchliefen die jeweiligen Durchmesser ein vollkommen geformtes Kugelsegment. Um zu dem gewünschten Ebenmaß zu gelangen, wurden in der Porzellanfertigung bis dahin noch nie eingesetzte Techniken aus dem Maschinenbau und der Feinoptik angewendet. Jedes Stück, das den ersten Brand, den anschließenden Schliff und die folgende, erste Qualitätskontrolle überstanden hatte, wies daher an seiner Oberseite eine perfekte konkave Kugelsegmentform auf, deren Abweichung an keiner Stelle mehr als ein Hundertstel Millimeter betrug. Anschließend wurden diese konkaven Oberseiten in einem für die Herstellung astronomischer Spiegel entwickelten Verfahren mit Rhodium bedampft, einem der seltensten und teuersten Edelmetalle dieses Planeten. Rhodium besitzt außergewöhnlich starke Reflexionseigenschaften, weshalb es für die Beschichtung von Präzisionsspiegeln verwendet wird. In der Tat konnte man daher jedes der kreisförmigen Teile, also jeden Teller, als hochpräzisen Parabolspiegel bezeichnen. […]

Den kompletten Text können Sie hier lesen.

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2 Kommentare zu “Glanz

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