So klein mit Hut – Ausschnitt 2. Teil

Sie fahren los“, piepste Klaus mir ins Ohr.

Das sehe ich.“

Und was machen wir jetzt?“

Du schleichst dich ran und lässt ihr in einem passenden Moment die Luft aus dem Reifen, hinter ihrer Satteltasche sieht sie dich nicht.“

Bist du wahnsinnig?“

Ich nahm ihn von der Schulter und setzte ihn auf den Boden.

Kurz bevor sie alle losgefahren sind, dann haben wir sie von der Gruppe getrennt.“

Ich erwartete, dass er sich sträuben und an mich klammern würde, aber wie ein Indianer huschte er davon. Ich verbarg mich noch eine Sekunde hinter dem Busch bis mir aufging, dass das nun albern war.

Klaus schlich sich durch das hohe Gras links vom Weg zu der Gruppe. Bald hatte ich ihn aus den Augen verloren. Komm Klaus, mach hin. Nacheinander stiegen sie auf, Diana zurrte was an ihrer Tasche fest, sie wandte dem Wegrand den Rücken zu, jetzt, komm, ich sah eine Bewegung des Grases, da kam dieser andere Kollege, den ich eigentlich erschießen wollte, und fragte sie was, wahrscheinlich, ob er ihr helfen könne. Diana braucht keine Hilfe, du Arsch, du weißt gar nicht, wie gefährlich du lebst. Diana winkte ab, sie stieg auf und rollte los – elegante Bewegungsabläufe und schönes Fahrgestell, das musste ich zugeben – Scheiße. Der Kollege wandte sich ab. Pech. Ein Plan war das auch nicht gewesen. Ich setzte mich in Bewegung um Klaus aufzusammeln, da schoss er aus dem Gras und rannte wie früher, als es noch Sinn machte, angefahrenen Zügen hinterher zu hetzen und sprang und krallte sich am Rahmen fest, sein linkes Bein rutschte ab und er pendelte zum Rad hin. Ich schloss die Augen, ich wollte nicht sehen, wie er zwischen Ritzel und Kette oder zwischen Speichen und Gabel zerschnitten oder zermalmt wurde. Aber als ich den Blick wieder hob und Diana in den Weg zur Straße einbiegen sah, winkte er mir zwischen den Satteltaschen vom Gepäckträger zu. Pfeifend entwich die Luft meinen Lungen. Dann waren er und sie verschwunden.

Ein Loch blieb zurück, im Wald und in mir. Ich könnte jetzt meinen kalten Zander essen oder Richtung Joachimsthal fahren und von da den Zug nehmen. Aber ich dachte nicht mal daran. Diana, die Göttin der Jagd, war zur Gejagten geworden. Dieser Sog zog mich schließlich in dasselbe Loch im Wald und da ging es mir gleich besser.

Am Ortsausgang gab es eine Steigung, kurz vor dem Schild wechselte der Radweg die Straßenseite. Dort hatte Klaus zugeschlagen. Diana stand allein und untersuchte ihren platten Reifen.

Kann ich helfen, Madam?“, kehrte ich den altmodischen Charmeur heraus.

Das Ventil ist weg“, empörte sie sich.

Wie weg?“, fragte ich und suchte die Umgebung nach Klaus ab.

Ich halte an, da muss es ja noch dran gewesen sein, und ich will wieder losfahren, da habe ich einen Platten.“ Ihre Augen wanderten über den Boden in einem Radius, in dem man ein abgefallenes Ventil vermuten durfte.

Sowas hab ich noch nie erlebt. Ich meine, wie kann es weg sein?“ Sie war fassungslos, was mich an ihren überirdischen Fähigkeiten zweifeln ließ.

Was halten sie davon“, fragte ich, „wenn ich die Geister des Waldes bitte, es ihnen zurückzubringen?“ Ich hob die Augenbrauen, um das Außergewöhnliche meines Vorschlages zu unterstreichen.

Sie unterbrach ihre Suche und schaute mich mit dem amüsiert-verächtlichen Blick einer Frau an, die schon zu viele billige Anmachsprüche gehört hatte, dann lachte sie auf.

Machen sie mal.“

Ich riss mich zusammen und breitete die Arme.

Ihr Geister des Waldes, gebt dieser Lady ihr Ventil zurück.“

Diana hielt sich den Handrücken vor den Mund wie eine Höflichkeitsgeste, das Lachen beugte sie und so sah sie nicht, wie Klaus an mir emporkletterte.

Als sie wieder hochkam, hielt ich ihr das Ventil hin. Sie nahm es wie etwas, das ich ihr schuldete, das im Grunde jeder Mann ihr geschuldet hätte und beugte sich über ihr Rad, um es einzubauen.

Die Show war so platt wie mein Reifen“, sagte sie, „trotzdem danke.“ Das nahm mich für sie ein, weil das Danke ernst gemeint klang. Sie wendete mir den Rücken zu.

Verärgert war ich wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie es hinnahm, dass mir ein Ventil aus der Hand gewachsen war, deshalb setzte ich ihr den zappelnden Klaus auf den Rücken. Irgendwie musste ich sie ja mit ihm konfrontieren. Ich ließ ihn aus zehn Zentimetern Höhe fallen und stellte mich sofort wieder grade hin. Die Reaktion war heftig. Wahrscheinlich glaubte sie, ich kraule sie im Nacken, ihre Hand fuhr im hohen Bogen herum, traf aber nichts. Sie verlor ihr Gleichgewicht, weil sie den Treffer eingerechnet hatte und landete auf dem Hintern, Klaus sprang ab. Sie starrte mich an.

Alles in Ordnung, Madam?“, fragte ich mitfühlend. Ihre Augen wanderten nach links und rechts. Offenbar weigerte sie sich, nur ein Insekt für das Gefühl verantwortlich zu machen. Misstrauen im Blick erhob sie sich und setzte ein Grinsen auf.

Anfall“, sagte sie entschuldigend, „Epilepsie.“

Ich nickte verständnisvoll und sie beugte sich, wachsamer jetzt, ihrem Rad zu. Ihre Hände fanden das Ventil und schoben den Einsatz da rein. Ihre Augen irrten umher. Ihre Hände schraubten das Ventil fest und sie begann, Luft auf den Reifen zu pumpen, ihre Augen behielten meine Füße im Blick, ob ich mich von der Stelle bewegte. Das tat ich nicht, und doch lief ihr etwas den Rücken hoch, sie warf sich zur Seite, Klaus fiepte und brachte sich hinter meinem rechten Bein in Sicherheit.

Ok“, sagte sie und stand langsam auf. Sie schien nicht sicher, trat einen Schritt zur Seite.

Was haben sie da, eine Ratte?“, fragte sie. Sie pumpte weiter, jetzt von der anderen Seite des Rades. Klaus sprang hervor, offenbar um wieder an ihr hochzuklettern, erstarrte jedoch auf halber Strecke, weil er sah, dass er entdeckt war. Diana ließ die Pumpe fallen und packte ihr Rad.

Vielleicht haben sie mehr als ihr Ventil verloren“, bemerkte ich geistreich und setzte mir Klaus wieder auf die Schulter.

Diana wich zurück und zerrte ihr Rad schützend vor sich her.

Hej, kneifen ist nicht“, rief ich und tat einen Schritt auf sie zu.

Was soll das?“, keuchte sie. „Bleiben sie mir vom Leib!“

Ich musste etwas sagen, ich war Klaus‘ Sprecher, das war mir sonnenklar. Bloß was? „Sie haben ihn geschrumpft“, kam mir nicht über die Lippen, ich glaubte es einfach nicht. Und ihr Blick sprach Bände. Sie starrte wie das Wiesel leicht an mir vorbei, nur nicht enttäuscht, weil ihr eine sicher geglaubte Beute entwischt war, eher als wäre ihr der Leibhaftige erschienen. Immer noch hielt sie ihr Rad schützend vor sich und ging langsam Schritt um Schritt zurück.

Warten sie“, sagte ich so ruhig wie möglich, ich kannte Anzeichen einer panischen Reaktion. Ich hob leicht beide Hände, Handflächen nach unten und beugte mich ein wenig nach vorne, als legte ich meine Waffen nieder.

Ganz ruhig, wir tun ihnen nichts. Sie kennen ihn länger als ich, er tut nichts.“

Diana blieb stehen. Sie starrte auf Klaus und es schien mir, dass ein Erkennen stattfand.

Er glaubt“, ich betonte das Wort, „dass sein Zustand etwas mit ihnen zu tun hat.“

Sie lachte hässlich, es war eher wie ein Schluckauf.

Würstchen“, zischte sie. Und ich erstaunte mich wieder. Wie schon über mich. Sie hatte ihn erkannt. Und akzeptiert, in ein paar Sekunden.

Du hast mich geschrumpft“, bellte Klaus. Ihr Lachen war so hemmungslos verächtlich, dass ich mich fragte, wie blind vor Liebe er gewesen sein muss.

Dafür, dass ich eine Zeit lang geglaubt habe, du wärst anders …“ begann sie und stockte.

Sie gibt es zu!“, brüllte mir Klaus‘ Diskant ins Ohr, als ob damit was gewonnen wäre.

Was wollt ihr zwei Hanswürste eigentlich von mir?“

Hej, Moment mal“, das war ich, „ich hab damit gar nichts zu tun.“

Er sitzt auf ihrer Schulter, nicht auf meiner.“

Hier, nehmen sie ihn mit.“ Ich vergaß alle diplomatischen Taktiken, zerrte Klaus von meiner Schulter und hielt ihn ihr hin. „Ihr habt ja offenbar was miteinander zu klären.“

Wir sind fertig … miteinander. Sie können ihn wegwerfen.“ Sprach sie und schwang sich auf ihr Rad.

Sie können mich doch damit nicht alleine lassen“, rief ich ihr nach. „Sie haben das verbockt.“

Und sie haben es aufgelesen“, trällerte sie.

So etwas wie sie hat man früher auf den Scheiterhaufen geschickt“, brüllte ich wütend.

Da hielt sie nochmal an und drehte sich um. Ich zuckte zurück, ich musste an die Schneekönigin denken. Jeder Anflug einer amüsierten Attitüde war gewichen. Nackte kalte Grausamkeit, Entschlossenheit, ich weiß nicht was, die furchtbare Gewissheit, dass es Dinge gab, die sie niemals an sich lassen würde, starrten mich an.

Ihr Stil gefällt mir nicht, Mister“, sagte sie leise und doch verstand ich sie, als flüsterte sie mir die Worte ins Ohr.

Er ist … so eisig.“ Sie zögerte. „Ja, ich glaube, sie haben Eis … am Stil?“

Dieser Gag versöhnte sie offenbar mit sich selber, sie lachte laut wie die böse Ursula, radelte los und nach ein paar Metern war sie verschwunden und mir schien, als ob der Wald und alle Bäume ihr Lachen wie ein Echo, wie ein Trichter aufnahmen und verstärkten.

Was ist“, zappelte Klaus auf meiner Schulter, „fahr ihr hinterher.“

Ich kann nicht“, hauchte ich.

Wieso?“

Und ich weiß noch, dass ich nicht zusammensank, weil ein Einknicken in der Hüfte nicht mehr möglich war. Ich kippte einfach um. Mir war unglaublich übel. Aber bevor ich kotzen konnte, und noch vor dem Aufprall raubte mir der Schmerz die Sinne, ein Schmerz, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte, den ich auch nicht lokalisieren konnte, weil er mich vollständig ausfüllte.

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