Ein Sommernachtstraum

Diese Lesebühne ist ein Kleinod, das hat sie gestern wieder bewiesen. Vielfältig, anspruchsvoll, witzig, traurig, dramatisch, kleine Fingerübungen stehen neben umfangreichen Werken – und sie alle stoppt Leovinus‘ Eieruhr nach fünfzehn Minuten.

Was sie aber einzigartig macht, die Lesebühne SoNochNie! sind die Diskussionen nach den Texten.

Das ist für manchen Neuling überraschend, wie für Hendrik, dessen gagaistische (Dada wollte Blödsinn, Gaga ist Blödsinn oder so ähnlich) Texte genauso ernsthaft besprochen wurden wie alle anderen, auch wenn dies nur für Teile möglich war, da Hendrik den Rekord im Schnell-Lesen aufgestellt hat. Franz Mehring, Ernst Jünger und seine Tiefkühltruhe sowie der Holocaust kamen darin vor. Aber auch diverse Ruhrgebietsfußballer, deren Namen ich vergessen habe. Hendrik hat ausladende 19-Jh-Koteletten, wirkt wie der Seekadett Easy von Eberhard Binder-Staßfurt illustriert und liest gerne 20er Jahre-Literatur wie Kurt Schwitters und Joh.A.Baader. Er hat versprochen, sollte er noch mal wiederkommen, sich unserem eher ernsthaften Anspruch anzupassen, aber vielleicht sind seine Texte ja auch so anspruchsvoll genug. Man kann es nicht sagen, da aus dem Wortschwall sich nur selten Wendungen erhoben und den Weg in die bewusste Wahrnehmung des geneigten Hörers finden konnten, wegen des Tempos. Es war wie Horst Evers einst sagte: Über Nacht hatte der liebe Gott unsere geistigen Höhenflüge in ein unverständliches Gelalle verwandelt.

Was mich zum nächsten Debütanten des gestrigen Abends führt: Marien. Marien sieht aus wie der junge d’Artagnon mit dem Schnauzer und dem Kinnbärtchen, die Haare zum Zopf gebunden. Die Aufregung hat seine zarten Hände zittern gemacht, was ein Duell mit dem Säbel nicht angeraten scheinen lässt. Und er liest in seiner Prosa wie der junge Horst Evers. Stimmlich gesehen, aber auch die Pointen haben etwas Horst-Evers-haftes. In seiner Geschichte ging es um Selbstfindung mittels einer Vermisstenanzeige im Schaufenster einer Spätverkaufsstelle. Also da hängt das Plakat und daneben sitzt der Vermisste. Das war sehr amüsant ausgedacht und vorgetragen. Die nachfolgende Ballade über Sex mit einer gut aussehenden Bauernmagd auf dem Wege nach Paris hat das Niveau nicht ganz halten können. Wahrscheinlich weil das Duell mit – wie hieß der Böse nochmal – Rochefort – gefehlt hat. Der Held kam allzuleicht ans Ziel. Deshalb kann ich mich daran nicht mehr so recht erinnern.

Neben den Debütanten haben die „Alteingesessenen“ gelesen und ich beginne mit dem Letzten: Michael Wäser mit Briefen zwischen Menschen, die sich nicht lieben dürfen aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts für sein neues Romanprojekt. Es ist immer wieder interessant, Ausschnitte aus großen Projekten geboten zu bekommen und sich nach und nach einen Reim auf das Ganze zu machen. Und doch zu schauen: funktioniert der Ausschnitt auch für sich. Er funktionierte und alle guten Wünsche begleiten den Autoren auf dem weiten Weg zum Wörtchen „Ende“.

Vorher las Ulrike Lynn über Kilian, der sich zum Sterben einen Menschen von der Straße holen will, damit der seine Hand hält. Ihre Hände, stellt die Erzählerin traurig fest, werden es wohl nicht sein. Wir haben über Ulrikes Text geredet und diskutiert, aber eigentlich wollten wir alle nur still da sitzen, der Poesie nachlauschen, die ihre Texte trägt, was sich meist darin äußert, dass erst mal keiner etwas sagt, aber lange geht das natürlich nicht gut. Und die Meinungen begraben leider die traurig-melancholisch-schöne Stimmung nach einer Weile unter sich.

Gelesen hat auch unser Urgestein Leovinus, der sich neu erfindet oder zu sich findet. Ein geheimnisvolles Paket, ein Ludwig, der es wie ein Läufer das olympische Feuer durch die Geschichte trägt, rote Papiere, eine Wunde, keine Mutter, eine Narbe und ein buddhistischer Mönch, der nach einer Frau greift und ein roter Gummiball und und und. Es wird ernst in Norberts Geschichten und das ist auch gut so.

Begonnen habe ich den Abend (als Themenbeauftragter) mit einem Sommernachts(alp)traum. Kurz gesagt ging es darum, dass ich nur dich sehe, mich aber sehe ich nicht. Das Publikum war so freundlich, mich mit viel Lob zu überhäufen. Aber davon ausführlicher zu schwärmen, verbietet mir meine natürliche Bescheidenheit. Gut getan hat es trotzdem.

Und das ist es, was die Lesebühne tut, sie tut gut. Entweder hat man sich gut unterhalten oder man kann sich prima aufregen. Auch wenn Stefan Kritikastern mit der Peitsche droht, er meint es nicht so.

Er hat uns wie immer mit seinem natürlichen Charme durch den Abend geführt. Er hat auch die Wahl der nächsten Themenbeauftragten (für den Monat Juli) und des Themas notariell überwacht. Getroffen hat es Dr. Ulrike Lynn und am vierten Montag im Juli, das ist der 22.7.2013 wird sie uns mit einer Geschichte zum Thema „Droge“ überraschen. Ich kann nichts vorwegnehmen, aber eines kann ich versprechen: das wird der poetischste Trip, den Sie jemals hatten.

Frank Georg Schlosser

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