Gewitter

Nach-Lese des ersten „Themenbeauftragten der Weltgeschichte“.

Für alle, die nicht an der Katastrophe teilhaben konnten, folgt hier der Beginn der Kurzgeschichte „Gewitter“.

Viel Spaß!

Leovinus

Der kalte Kaffee schmeckte auf einmal wie siebzehn Jahre alt. Eben hatte Chef-Pilot Paulsen zu Korneck gesagt: „Jungejunge, und am Potsdamer Platz hat uns das Gewitter voll erwischt.“ Hinter Kornecks Cockpitfenster strahlte die Sonne. Es fühlte sich falsch an, der freie Himmel erinnerte den Co-Piloten an seine leere Wohnung. Paulsen schaute auf die Uhr. „Noch ‘ne halbe Stunde bis zur Landung. Bereite mal alles vor, Kollege Mütze.“

In Kornecks Mund ergoss sich ein Säure-Delta.

Paulsen fügte hinzu: „Würd‘ ich natürlich auch allein hinkriegen, aber wofür hab ich ‘nen zweiten Mann? Hast du die neue Stewardess gesehen? Toller Arsch, sag ich dir.“

Die gallige Brühe floss Kornecks Hals hinunter und legte bedächtig rohes Fleisch frei.

Der Pilot schnaubte leise. „Mensch, für den Besten nur das Beste, oder?“ Er lachte.

Draußen verschwand die Sonne, als das Flugzeug durch die Wolken tauchte. So war es richtig.

Korneck sagte leise: „In Berlin war die ganze Woche strahlender Sonnenschein.“

Sein Magen wollte dem Kaffee die Einreise verweigern. Doch die Brühe war stärker. „Dafür hat es in Dresden gewittert.“

Paulsen wackelte mit dem Kopf. Was immer das bedeuten mochte.

„Wo Clara auf Lehrgang war“, fügte Korneck hinzu.

Der Pilot griff zum Klemmbrett, das er sonst nur kurz vor dem Start konsultierte. Er schwieg.

Langsam strömte das verätzte Blut durch Kornecks Körper. „Sie hat mich gestern verlassen. Wusstest du das?“

Die Augenbrauen des Piloten gingen in die Höhe. „Nein. Woher denn, Mensch?“ Korneck sah den Schatten eines Grinsens über das Gesicht des Piloten huschen. Er brauchte noch einen Schluck von seinem kalten Kaffee.

„Komischer Zufall.“ Die Bitterkeit wehte ihm aus den Poren. Korneck fühlte sich schwarz.

„Ja“, sagte Paulsen. „Zufälle gibt es.“ Er kniff die Lippen aufeinander. „Möchte wissen, Mensch, wer behauptet hat, ich hätte ein Schnaps-Problem.“

Korneck faltete den leeren Kaffeebecher zusammen. Er schwitzte und zitterte.

Paulsen sagte: „Kam bei der Führung nicht so gut an, dass da jemand mit unlauteren Mitteln seine Beförderung vorantreiben wollte. Ich finde, ein Pilot sollte ein Pilot bleiben. Denn, Korneck, der Co-Pilot ist immer nur der Zweite. Du weißt doch: Wo du jetzt sitzt, lag früher meine Mütze.“ Er lachte. Korneck legte den Becher sorgsam in den Abfallbehälter.

Eine junge Frauenhand berührte den Pilotensessel von hinten.

„Möchten die Herren noch einen Kaffee, vor der Landung?“

Das Innere des Co-Piloten schrumpfte zu feuchtem kleingetretenem Müll. …

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