Feuer und Wasser, von Loti Kioske

„Hatschi … schnief heul … ha…haa…tschi … stöhn jammer.“ Potsdam Hauptbahnhof, Fleischereigeschäft. Eine Verkaufsfachkraft sprüht ihre Bazillen über Bockwurstwanne und Bulettenstapel. „Jesundheit!“ poltert ein Herr mit Schnäuzer von einem der Tische. Die Frau hinter dem Ladentisch wischt sich die Nase mit einem Papiertaschentuch. „Danke.“ näselt sie. Zwei Minuten später. Der Schnauzbart trabt zum Ausgang. „Hatschi!“ explodiert es erneut hinter den Buletten. Der Mann verharrt, stemmt die Fäuste in die Hüften und zieht die Augenbrauen zusammen. „Nu is aba jut!!“ Ein Donnerwetter. Ein kurzes Aufschauen. Beide schmunzeln. Augenzwinker, weiter geht´s. Als Mensch mit sächsischem Migrationshintergrund erlebe ich hier Situationen, die in meinem Herkunftsland ganz andere Konsequenzen hätten. Die niesende Verkäuferin würde nächtelang nicht in den Schlaf finden nach dieser bodenlosen Frechheit dieses unflätigen Menschen. Des Preußen Art ist nicht des Sachsen Ding. Die zwei Mentalitäten sind wie Feuer und Wasser und werden sich auch noch in hundert Jahren feindlich gegenüberstehen.

Ich finde die hiesige Schnauze sympathisch und bisweilen amüsant. Klar und direkt – damit kannick wat anfangen. Auch deshalb gefällt es mir hier. Ich kam als Sprachasylant in die Region. Der Preuße ist in der Lage, Sätze flüssig von A bis Z zu sprechen. Und da mache ich keinen Unterschied, ob es ein Berliner ist oder ein Potsdamer. In Berlin prescht man schneller nach vorne, der Potsdamer formuliert es einige km/h langsamer. Der Dresdner hingegen liebt das Umständliche und Verschachtelte. Der Konjunktiv ist die Konstante der eigenen Meinung: Isch würd´ ma saachn, eventuell … Der Oberlausitzer raspelt die Sätze gerne rückwärts. Rückwärts raspelt die Sätze gerne der Oberlausitzer. Die sächsische Verachtung der Berliner Großschnauze ist der mangelnden eigenen Sprachpräzision und Schlagfertigkeit geschuldet. Nichts anderes ist es.

Eines schönen Sommertages im letzten Jahr ging ich zu Mittag in die anfangs genannte Bahnhofsfleischerei. „Ich hätte gern die Königsberger Klopse mit Püree.“ An das Wort Püree musste ich mich auch erst gewöhnen. In der Oberlausitz heißt das Mauke. Mit Mauke verbindet ein Freund aus Minden wiederum etwas ganz Unappetitliches. Nachdem ich den ersten Klops gegessen hatte, tauchte eine ertrunkene Fliege an die Oberfläche der Soße. Ich nahm den Teller und schob ihn auf den Tresen. „Schauen Sie mal – was für eine ungewöhnliche Fleischbeilage!“ Die Verkäuferin prüfte die Lage und sah mich mit einem inneren Lachen an. „Stimmt, die Klopse ham hier nüscht zu suchen.“ Nu is aba jut!

Loti Kioske, Januar 2013

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