Außergewöhnliche Orte

Hier ein kleiner Auszug:

Es war diese Sendung „Wie lieben die Völker der Welt“ oder so ähnlich auf Pro7 oder SAT 1 oder RTL, wer sollte diese Scheiße auseinander halten.
Als sie den Schweden, einem älteren Ehepaar, bei der Orgasmusatmung zusahen, hatte Wiebke ihn aufgefordert, den Ton leiser zu drehen. Normalerweise reagierte Timo, in dem er zweimal die Volume-minus-Taste auf der Fernbedienung antippte, so dass Wiebke auf dem Bildschirm sehen konnte, dass sich beim Ton etwas tat. Es war das Ergebnis zäher, jahrelanger Verhandlungen. Im Grunde hatte Wiebke zweimal am Abend das Recht es zu verlangen.
Aber heute probte Timo den Aufstand. Etwas ärgerte ihn. Er glaubte, es sei das welkende Fleisch dieser zwei älteren Schweden, die nackt ineinander saßen, also Beine um den jeweils anderen gelegt, die Geschlechter einander zugewandt und sich anatmeten, ohne zu vögeln, für einen geübten Pornogucker wie ihn eine glatte Zumutung. Deshalb – glaubte er – fuhr er Wiebke an:
„Es ist leise.“
„Was sollen die Nachbarn denken?“, zischte sie zurück in diesem Tonfall, der ein unterdrücktes Anbrüllen vorstellte.
„Dass wir es miteinander treiben“, fuhr er sie noch heftiger an.
Wiebke stand abrupt auf, ging zur Küchenzeile und räumte die Spülmaschine ein. Nach zwei Minuten Geklapper drückte Timo dreimal die Volume-Minus-Taste, sie klappte die Maschine zu und setzte sich wieder zu ihm.

Die Sendung ging vier Stunden. Es war gegen zehn Uhr, als die Deutschen dran waren. Die Frage war, ob die Deutschen im Vergleich zu den Schweden oder den Franzosen Langweiler im Bett wären.
„Deutsche sind entweder Nazis oder Langweiler“, murrte Timo, einigermaßen zufrieden mit diesem Bonmot.
„Ich würde mir manchmal einen erfahreneren Mann wünschen“, sagte Wiebke. Timo rührte sich nicht.
„Was glaubst du, was ich mir alles wünsche“, gab er nach ein paar Sekunden zurück. Sein Kopf lag auf einem Kissen, das Kinn auf dem Brustbein. Wiebke saß einen Meter abseits, die Beine untergeschlagen.
„Nein, wirklich, ich mein es ernst“, sagte sie. „Du bist mir manchmal zu lieb.“
Timo hielt seinen Atem ruhig. Der Fortgang der Sendung beruhigte ihn. Es ging jetzt um ungewöhnliche Orte. Die Umkleidekabinen im Kaufhaus, Sauna, Schwimmhallen, Pferdestall, alles mögliche wurde durchgehechelt. Timo spürte zwischenzeitlich Wiebkes Blick auf sich, aber er wendete den seinen nicht vom Fernseher. Er überlegte, ob er eine Runde rausgehen sollte, doch dann würde er Zigaretten kaufen und die Flanke wollte er jetzt nicht öffnen.
„Ich würde gerne mal wieder ins Museum gehen“, sagte Wiebke und sah ihn provozierend an.
„Was denn für ein Museum?“, fragte er.
„Keine Ahnung!“ Sie hob die Hände wie jemand, der nicht kapiert, dass man so begriffsstutzig sein kann. „Irgendein Museum.“
„Was willst du im Museum, wenn wir es noch nicht mal im Bett tun?“
„Bett ist langweilig.“
Timo machte eine genervte Kopfbewegung und stieß dazu ein wenig Luft aus.
„Stell dir vor, ich mit Handschellen an einem Heizungsrohr …“
„Don’t go there“, unterbrach er sie. Sein Atem war heftiger. Er sprang auf und ging zur Küchenzeile. Er setzte Teewasser auf.

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